the blogbook.
Das Leben eben

Über die Angst, zu kurz zu kommen

theblogbook.eu | Über die Angst, zu kurz zu kommen

Als mein Mann und ich uns das Ja-Wort gegeben haben – immerhin vor mehr als 13 Jahren – hatten wir eigentlich keine Ahnung, was Ehe bedeutet. Wir wussten nichts darüber, dass manche Streitigkeiten und manche Kämpfe andauern können; und zwar länger, als einem das so lieb wäre. Und das liegt keineswegs ausschließlich am Gegenüber! Nach dem Motto: wenn sich der Partner doch endlich an diesem oder jenem Punkt verändern würde, wäre alles in Butter! Klar, die Situationen gibt es hier auch und wir kennen sie nur zu gut. Aber nach meiner Erfahrung gehen mindestens die Hälfte aller Streitigkeiten auf Kämpfe zurück, die wir ganz allein mit uns selbst ausfechten müssen. Irgendwie auch logisch, wenn man an die Phrase mit der „besseren HÄLFTE“ denkt…

Über einen dieser Kämpfe möchte ich heute schreiben. Es geht um die ständige Angst davor, zu kurz zu kommen.

Das läuft schon von alleine

Um das gleich vornweg zu nehmen: mein Mann ist definitiv kein Partner, der mich zurück hält oder erwartet, dass ich mich ihm unterordne. Ich sag das deswegen so klar, weil es solche Beziehungen zuhauf gibt. Wie man dazu steht und ob man das für sich möchte, muss man selbst entscheiden. Und das meine ich genau so, ohne irgendwelche Untertöne. Denn es gibt genügend Frauen – und auch Männer! – die gern die Entscheidungsgewalt abgeben.

So wenig Ahnung wir also am Anfang hatten, ein Ziel war uns immer klar: wir sind Partner! Wir teilen unsere Aufgaben und unsere Verantwortlichkeiten. Und daran arbeiten wir nach wie vor. Ja, nicht selten ist es wirklich harte Arbeit. Ich weiß, dass Arbeit an Beziehungen nicht in das allseits so beliebte Bild passt, dass sich das alles irgendwie ganz romantisch von allein ergeben muss. Dass man sich nur genug lieben muss und dann läuft das schon (hey, ich weiß Bescheid, ich lese wirklich jede Menge Schmonzetten!). Wenn ich so darüber nachdenke, dann habe ich – und ich glaube, ich kann hier auch für meinen Mann sprechen – dann haben wir das selbst nur allzu lange geglaubt. Oder zumindest gehofft.

Aber zu einer Partnerschaft gehören zwei eigenständige, von einander unabhängige Personen. Ist es da eigentlich nicht vollkommen logisch, dass man jede Menge Energie benötigt, um so viele Verbindungen wie möglich zu schaffen, damit daraus eine eigenständige, begehbare Ebene wird?

Japp, in der Theorie hört sich das immer alles so schön an. Und in Sätzen, für die man etwas Zeit zum Überlegen hatte, auch. Und in der Realität?

Die Angst, zu kurz zu kommen

Da gibt es für mich jede Menge Dinge, die diese Verknüpfungsarbeit manchmal unmöglich machen. Beim anderen und bei mir selber. Ängste zum Beispiel. Davor, nichts wert zu sein. Oder möglicherweise eine falsche Entscheidung zu treffen. Vielleicht auch davor, nichts Wertvolles zu hinterlassen. Bei mir ist es die Angst, dass ich nicht zu meinem Recht komme. Dass ich am Ende hinten an stehe, auf mich und meine Freiheiten verzichten muss. Es ist die Angst, zu kurz zu kommen.

Sie begleitet mich schon immer und auch in meiner Ehe war und ist sie stets präsent. Wie so eine Art Schmarotzer, der einem ohne Unterlass auf der Schulter hockt und nur darauf wartet, auch was vom Kuchen der Beziehung abzubekommen. Der mir immer und immer wieder ins Ohr flüstert, dass ich zurück stecken musste, mich nicht richtig entfalten kann und dass am Ende immer alles an mir hängen bleibt.

Vor ein paar Wochen hatte mein Mann zwei wichtige Gespräche wegen seines Jobs, die am Ende einer sehr nervenaufreibenden Zeit standen. Spontan beschloss ich, ihn zu begleiten. Die Sonne schien und mich selbst zu überzeugen, dass ich mir schließlich Arbeit mitnehmen könnte, war nicht schwer. Tatsächlich vertrieb ich mir die Zeit während der Meetings mit Bummeln und in einem Café im Hafen. Und während ich da so saß und an meinem Kaffee schlürfte, ließ ich meinen Gedanken über gegenseitige Unterstützung und füreinander da sein freien Lauf. Und kam auf einmal zu zwei Feststellungen. Erstens: wie schnell mein Kopf auf die alte Leier ansprang („Was machst Du hier eigentlich? Du musst doch arbeiten und so weiter.“) und zweitens: wieviel Überwindung es mich kostete, eben dieses alte Lied abzustellen.

Ehrliche Unterstützung

Ich weiß nicht genau, woher dieses Gefühl kommt. Über all die Jahre ist mir noch nicht der eine Knackpunkt untergekommen, mit dem ich das Problem lösen könnte. Ich habe ein paar Dinge über mich gelernt, seit ich über meine Hochsensibilität Bescheid weiß und akzeptiert, dass zu meinem Wesen ein hohes Maß an innerem Freiheitswunsch gehört. Das erklärt sicherlich, warum mir eine gleichberechtigte Partnerschaft so wichtig ist. Aber nicht die irrationale Angst davor, am Ende doch immer zu kurz zu kommen. Denn tatsächlich ist das gar nicht so!

Während ich also da saß und auf den Pier schaute, kapierte ich auf einmal, wie sehr diese Angst eigentlich mein Verhalten in unserer Ehe bestimmte. Ich wollte meinen Mann unterstützen! Ich hatte mir schließlich selbst ausgesucht, meine Arbeit liegen zu lassen. Und trotzdem fing ich innerlich an aufzuzählen, was ich in der Zwischenzeit alles verpasste. Oder meinte zu verpassen!

Ohne Hintertürchen

Ich glaube, eine gleichberechtigte Partnerschaft ist nicht (nur) deswegen so schwierig, weil wir dem anderen vollkommen vertrauen müssen. Wir müssen auch uns selbst vertrauen! Und zwar darauf, dass die Teile, die wir zum Bau der oben beschriebenen Ebene beisteuern, in jeder Weise tragfähig sind. Im Grunde bedeutet meine Angst nichts anderes, als dass ich mich nicht zu 100% beteilige. Dass ich zwar so tue, aber eigentlich nicht mein Bestes gebe, damit die Partnerschaft, von der ich ja selbst die Hälfte bin und die ich am Ende im Ganzen will, absolut stabil und lebensfähig ist.

Ich halte mir ein Hintertürchen offen, eins, das sagt: schau her, das kann doch gar nicht funktionieren – am Ende steh ich eh alleine da. Und weil ich eben genau davor so viel Angst habe, versuch ich es erst gar nicht richtig. Das Blöde daran ist ja nur, dass ich mir selbst schade! Wie heißt es so schön? „Das kannste schon so machen, aber dann isses halt kacke.“

Beziehungen erfordern ja immer Mut, egal in welcher Form. Auch die zu sich selbst. Da gilt es anzusetzen. Als bessere Hälfte ein bestes Ganzes zu machen. Klingt vielleicht etwas schmonzettig, aber das, was dahinter steht, das begeistert mich ganz enorm!

Ich wünsch Euch Mut für neue tragfähige Ebenen,

Eure Carolin

Das passt dazu...

No Comments

Leave a Reply