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Das Leben eben

Atelierbesuch bei bridge&tunnel

Mittlerweile ist es schon drei Monate her, als ich mich mit meinem Auto an einem sonnigen Tag auf nach Hamburg gemacht habe, mitten hinein nach Wilhelmsburg. Ich war zu Besuch bei Conny und Lotte, die in einem Hinterhof, direkt am Wasser, das nachhaltige Fairfashion-Label bridge&tunnel betreiben.

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Atelierbesuch in Hamburg-Wilhelmsburg

Ich weiß noch, wie ich irgendwann mal in der Zeitschrift Couch darüber gestolpert bin und dachte: wow, da musst du mal hin, das klingt spannend – perfekt für meinen Atelierbesuch! Tja, und Ende Juni, viele Monate später, habe ich dann endlich Nägel mit Köpfen gemacht. Über Instagram sind wir miteinander in Kontakt gekommen, haben anschließend Emails ausgetauscht und einen Termin vereinbart. Ich war sehr gespannt auf die beiden, auf die Atmosphäre, die Näherei. Zunächst kam ich allerdings mehr als eine halbe Stunde zu spät. Und das nur, weil ich fünfmal im Kreis gelaufen bin und den Eingang nicht fand. Nun ja, meine Orientierung ist sonst besser, aber wie immer hat ja alles etwas Gutes: so hab ich bei der Gelegenheit gleich noch erkunden können, was sich alles noch so in dem Gebäudekomplex befindet. Die Kleiderkammer beispielsweise, mit der bridge&tunnel zusammen arbeitet. Oder eine Art Sozialkaufhaus, in dem auch die recycelten Jeans-Produkte aus der zweiten Etage mit verkauft werden.

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Brücken schlagen und Tunnel graben

Conny und Lotte empfingen mich sehr, sehr herzlich und wir kamen in dem kleinen Büro sofort miteinander ins Plaudern. Übrigens so nett, dass ich völlig vergaß, meine Interviewfragen zu stellen und diese hinterher nochmal per Email weiterreichen musste. Conny war dankenswerter Weise so freundlich und hat mir nochmal ausführlich darauf geantwortet!

Was bedeutet Euer Name? Warum Brücke, warum ein Tunnel – welche Kluft gilt es zu überwinden oder zu unterwandern?

Bridge&Tunnel bezieht sich zum einen auf die geografische Lage unserer Werkstatt: Schließlich arbeiten wir in Hamburg-Wilhelmsburg – einer echten Insel inmitten Hamburgs, die von zwei Elbarmen umschlossen und nur über Brücken oder den Elbtunnel zu erreichen ist. Natürlich steckt dahinter aber auch noch eine metaphorische Idee: Denn mit unserem Designlabel wollen wir nichts Geringeres als Brücken für die Menschen bauen, die aus eigener Kraft keinen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Und wenn das nicht klappt, graben wir auch schonmal einen Tunnel…

Wie verfahrt Ihr mit den Materialien, nach dem Ihr sie bei der Kleiderkammer gekauft habt? Wo und wie werden sie gereinigt, wie werden sie aufgetrennt/zu verarbeitbarem Material gemacht?

Nachdem wir gebrauchte Jeans von der Kleiderkammer oder Hanseatic Help erhalten haben, machen wir erstmal den „Riech- und Fühltest“…. Danach wird entschieden, ob die Jeans nochmal eine Reinigung von innen sehen müssen oder nicht. Viele Leute spenden uns mittlerweile ja auch direkt ihre alten Jeans, die sind immer vorbildlich gereinigt. Danach geht das Material in unser Lager, wo unser Team es nach Beschaffenheit und Farbe sortiert. Wenn dann Produktionsaufträge anstehen, kann unser Team sich perfekt aus unserem Sortiment bedienen und die gewünschten Farbzusammenstellungen komponieren. Für manche Produkte fertigen wir auch einen Bestand an Patchwork-Meterware, wie etwa für den Weekender EMIN oder die Handtasche FERIDE.

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Was Eure anderen Materialien angeht: wie stellt Ihr alles zusammen? Worauf achtet Ihr?

Wir achten natürlich sehr darauf – das liegt ja bei uns in der Natur der Sache – dass alle weiteren „Zutaten“, die wir neben Denim oder unseren alten Schulvorhängen benötigen, eine möglichst nachhaltige Geschichte erzählen. Das Leder, das wir verwenden, kommt z.B. aus Italien und wird pflanzlich gegerbt. Den Sweat-Stoff, den wir für die Pullis DAMLA und DERYA dazukaufen, stammt von Lebenskleidung und ist GOTS-zertifiziert.

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Inwiefern hat Euch die Arbeit mit kulturell so verschiedenen Menschen verändern? Oder gab es überhaupt eine Veränderung?

Die Arbeit mit unserem Team hat uns in jedem Fall verändert. Wir haben am vergangenen Wochenende ja unseren ersten Geburtstag als Sozialunternehmen gefeiert – und ein Jahr gemeinsame Arbeit hinterlässt natürlich Spuren – im absolut positiven Sinne! Wir sind oft sehr geflasht und auch berührt davon, wieviel unsere MitarbeiterInnen geben, obwohl sie so wenig haben. Sei es in Form der vielen kulinarischen Köstlichkeiten, die uns regelmäßig unter die Nase gesetzt werden oder aber auch in Form von kleinen Dingen, die sie tun, um sich bei uns für unsere Hilfe zu revanchieren. Denn neben der vielen Übersetzungsarbeit mit bürokratischen Papieren suchen wir auch schonmal neue Wohnungen für sie oder machen Arzttermine usw. Ich habe einer unserer Mitarbeiterinnen einmal ein Kompliment gemacht, wie hübsch sie mit ihren neuen Ohrringen aussieht, keine 10 Minuten später wollte sie mir diese schenken. Das bewegt natürlich sehr. Durch solche Momente wird man sich definitiv bewusst, wie gut es uns allen in Deutschland geht und wie wenig es eigentlich braucht, um glücklich zu sein.

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We design society

In Bezug zu diesem Punkt habe ich mich im Vorfeld auch gefragt, wie es sich zusammen arbeitet, ohne dass dieser wirtschaftliche und damit oft einhergehende soziale Unterschied einen negativen Einfluss nimmt. Was mich wirklich begeistert hat, war die Klarheit, mit der Lotte und Conny über ihr Unternehmen gesprochen haben. Trotz der beinahe freundschaftlichen Atmosphäre gab es doch ganz klare Ansagen, was wie zu tun ist, wer welche Aufgabe hat und was auch nicht gut läuft. Keine falsche Zurückhaltung oder gar ein „Schämen“. Während wir es uns im Büro gemütlich machten, ratterten nebenan die Maschinen, später durfte ich den Angestellten noch über die Schulter schauen und sogar das Jubiläumsfoto von allen machen.

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Als ich dann zu Hause vor meinem Computer saß und dieses Foto Minuten lang anschaute, beschlich mich ein seltsames Gefühl. Ohne kulturelle Unterschiede weg reden zu wollen (das wäre absolut kurzsichtig und auch unrealistisch), fragte ich mich: was unterschied all diese Menschen denn schon tatsächlich groß voneinander? Die eine trug ein Kleid, die andere ein Kopftuch, die dritte einen wunderschönen Ring an ihren Händen. Nichts davon begründet Ausgrenzung und Chancenlosigkeit. Egal, woher man kommt, ob man nach Deutschland geflohen oder hier aufgewachsen und trotzdem keinen Fuß auf den Boden bekommt. Das Foto zeigte mir: hier geht es um so viel mehr, als „einfach nur was Gutes tun“. Hier geht es um langfristige Perspektiven, um ein Engagement, dass die Gesellschaft nicht nur jetzt, sondern auch mit Blick auf die Zukunft positiv gestalten will. We design society ist nicht nur ein schöner Spruch, es ist ein Herzensmotto. Das hat mich sehr beeindruckt.

Liebe Conny, liebe Lotte, herzlichen Dank noch einmal, dass Ihr mich so lieb bei Euch empfangen habt! Euer TATLI Minihelfer, den ich als Erinnerung mit nach Hause nehmen durfte, leistet hier einen treuen Einsatz, damit ich meine SD-Karten nicht mehr suchen muss ;-).

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Und wenn Ihr noch mehr wissen und lesen oder die tollen Produkte von bridge&tunnel kaufen wollt, dann könnt Ihr das genau HIER tun.

Ich wünsch Euch noch einen schönen Sonntag,

Eure Carolin

Das passt dazu...

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