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Warum nicht erzählte Geschichten trotzdem echt sind | Antwerpen-Borgerhout und das Fotografenloft

Als ich im Vorfeld über unsere Reise nach Antwerpen nachdachte, hatte ich Bilder von Antiquitätengeschäften, schönen Cafés und Restaurants, hippen Concept-Stores und flämisch-barocken Gebäuden im Kopf. Und nur nach wenigen Stunden musste ich feststellen, dass ich mich in den Irrglauben hatte verwickeln lassen, die Geschichten anderer würden auch das fertige Bild für einen selbst ergeben. Man muss schon selbst losgehen und entdecken, was einem das Leben – oder in dem Fall das Reiseziel – erzählen will. Und man sollte gewillt sein, seine Perspektive hin und wieder zu ändern. So wie wir es taten, als wir unsere Unterkunft in Borgerhout bezogen.

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Borgerhout

Unsere Antwerpen-Reise hatten ihren Mittelpunkt in Borgerhout, einem wirklich großen Stadtteil, der auch das Marokko Antwerpens genannt wird. Als wir am Freitag aus der Straßenbahn ausstiegen – unser Auto parkte außerhalb auf einem p+r Parkplatz, wir hatten für die alte Möhre keine grüne Plakette – begegneten wie nur wenigen Menschen. Die Sonne schien heiß vom Himmel und überall wehten Ramadan-Fahnen leicht im Wind. Wir liefen an Wohnhäusern mit Blumenampeln vorbei, in deren Hauseingängen hier und da ein paar Männer in traditionellen langen Gewändern standen und in einem Gemisch aus belgischem Holländisch und Arabisch miteinander sprachen. Es war eine irgendwie merkwürdige Atmosphäre, ich hatte keine rechten Worte dafür. Milde erstaunt würde es vielleicht treffen.

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Unser Loft

Das Loft, welches wir nach ein paar Minuten erreichten, lenkte uns zunächst von den Eindrücken außerhalb des großen Holztores ab. Nachdem Willem, unser Host, uns herum geführt und mit ersten Informationen versorgt hatte, machten wir uns auf den Weg, das „echte“ Antwerpen zu entdecken. Das Viertel, in dem wir untergekommen waren, konnte doch nur ein Randbezirk sein, in dem man bestenfalls schlafen konnte. So dachte ich. Und so liefen und liefen wir am ersten Tag, bis uns die Füße wehtaten und uns der Hunger schwach werden und in ein touristisch völlig überteuertes Restaurant locken ließ. Da saßen wir nun vor unserem Steak, was uns die halbe Urlaubskasse kostete, schauten auf eben jene Fassaden und ich fragte mich selbst, ob das nun tatsächlich „echter“ war. Echter als beispielsweise der Männertrupp, den wie Stunden vorher vor einem rosafarbenen Eckhaus beobachteten hatten. Laut darüber schwadronierend, wie man den Autokran, um den sich alle scharten, am besten vor das Fenster im Obergeschoss bringen könnte. Alles auf arabisch übrigens.

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Das „echte“ Antwerpen

Am zweiten Tag bummelten wir durch das Museumsviertel, vorbei an wunderschönen Art Deco-Fassaden. Wir schlenderten die Klosterstaat entlang und blättern fasziniert durch alte Sportzeitschriften aus den ’30er Jahren. Wir fuhren mit der alten Holzrolltreppe im Sint-Annatunnel, picknickten zum Mittag an der Schelde und tranken wirklich köstlichen Kaffee in der Wasbar. Ich lernte, dass die Belgier keinen festen Händedruck gaben, weil es als unhöflich gilt. Abends liefen wir vom Bahnhof aus die komplette Hauptstraße zurück nach Borgerhout, vorbei an arabischen Schlachtereien und Bäckereien, mitten durch lärmende Männer- und Frauengruppen, die sich in allen möglichen Sprachen unterhielten. Vorbei an Saftpressen, aus denen emsige Verkäufer riesige Mengen an Orangenschalen holten, die sich über den Tag angesammelt hatten. Frischer Orangensaft brachte fastende Muslime offenbar durch den Tag… All das war echt, all das war Antwerpen – egal, ob es darüber nun Bilder auf pinterest gab oder nicht. Ich verstand mit einem Mal, dass Geschichten, die nicht erzählt werden, einen genauso großen Einfluss haben wie die, die man weitergibt!

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Während wir diese zugegebenermaßen nicht schöne und vor allem alles andere als Internet taugliche Straße entlang liefen, fand ich auf einmal die richtige Position für die Bilder in meinem Kopf und die Realität, die ich bis dahin einfach nicht übereinander positioniert bekam. Wir waren überall dort, wo es echt war – egal, ob Antiquitäten oder frischer Fisch verkauft wurden, die Menschen arabisch, jiddisch oder holländisch sprachen.

Meine wirklich echten Geschichten

Wir kehrten in eine syrische Bäckerei ein und konnten nicht glauben, dass all diese Berge (und damit meine ich tatsächlich BERGE!) an handgemachten Gebäckstücken die Schwester des Besitzers buk. Für schlappe 3,50 trugen wir eine ganze Tüte an klebrigen Süßigkeiten nach Hause. Es gab mehrere Geschäfte, in denen Brot und Gebäck in derartig Schwindel erregende Höhen gestapelt waren, dass der Turmbau zu Babel wie ein Witz antiker Geschichte klang. In anderen lagen unglaubliche Mengen an Fisch aus. Ich hab noch nie in meinem Leben so viele frische Lebensmittel in einer Auslage gesehen.

Die Straßen waren voller Menschen, die für das Abendessen einkauften, sich auf der Straße trafen und wieder am Leben außerhalb ihres Zuhauses teilnahmen. Meistens waren es Männer, manchmal auch Familien oder Frauengrüppchen. Das flämisch-barocke Antwerpen spielte hier keine Rolle mehr, man fühlte sich mit jedem Schritt mehr in eine Art westlichen Orient versetzt (was im Grunde auch keinen Sinn macht, aber wie nennt man eine derartige kulturelle Verschmelzung, die gleichzeitig so abgegrenzt für sich besteht?). Es war unglaublich interessant zu beobachten, wie all diese Menschen miteinander umgingen. Einmal liefen wir an einem Trupp Männer vorbei. Ein Jüngerer trat auf die anderen zu, sie kannten sich offenbar. Der Jüngere beugte sich leicht vor dem Älteren und nahm seine Hand. Der Respekt war auch ohne Sprachkenntnisse verständlich. An einem anderen Abend liefen wir an einem öffentlich Platz vorbei. Auf jeder einzelnen Parkbank saßen Männer zusammen und unterhielten sich, die Frauen bereiteten wohl währenddessen die erste Mahlzeit des Tages zu, in der Mitte des Platzes spielten Kinder. Als wir gegen 23 Uhr aus der Altstadt zurück kehrten, hatten die Frauen die Männer abgelöst – offenbar war der Haushalt erledigt und nun Zeit für Zusammensein und Plauderei.

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In der Nähe unseres Appartements gab es einen kleinen Supermarkt, in dem wir eines Abends noch schnell Getränke einkaufen wollten. Die Kundschaft war weitestgehend arabischer Herkunft, die Lebensmittel ebenfalls. Wir stellten uns hinter eine Gruppe Frauen an der rechten Kassen an, die mit einem Schild darüber informierte, dass nur mit Bargeld bezahlt werden konnte. Jede einzelne der Kundinnen vor uns zeigte ihre EC-Karte, worauf die Kassiererin – ebenfalls arabischer Herkunft – mit all der ihr möglichen Beherrschung freundlich darauf hinwies, dass sie zur Kasse auf der anderen Seite wechseln müssten. Sie druckte einen Beleg aus, gab ihn der Kundin und rief ihrer Kollegin zu, was sie zu tun hätte. Währenddessen hatte ein andere Frau – etwas älter als die anderen und sehr streng verschleiert – einen Karton mit gratis Toastbrot entdeckt, offenbar war dessen Verfallsdatum erreicht. Es folgten regelrechte Tumulte, in denen man vor allem Toastpackungen, Kopftücher und Kassenbons wild durcheinander wirbeln sah. Als wir endlich an der Reihe waren, konnten wir uns kaum noch das Lachen verkneife. Die sichtlich enervierte Mitarbeiterin schenkte uns für unsere Geduld Schokolade aus der Auslage an der Kasse und wünschte uns noch einen schönen Abend. Als wir den Supermarkt verließen, zeigte uns ein Blick auf die Uhr, dass der Ladenschluss längst überschritten war. Und wirklich kein einziges Mal hatte die junge Frau an der Kasse ein genervtes oder gar böses Wort verloren!

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Vor ein paar Wochen las ich in einer Zeitschrift ein Interview mit einem sehr berühmten Autor (dessen Name ich nicht mehr weiß; was nichts über den Grad seiner Berühmtheit, sondern über mein in dem Fall schlechtes Gedächtnis aussagt!). Er sagte etwas darüber, dass Reisen immer mit dem Willen einher gehen muss, seine eigenen Erfahrungen und seine eigenen Geschichten zu entdecken. Er arbeitete lange in mir, dieser Satz. Denn wir oft sind wir heutzutage schon fertig mit Entdecken, bevor wir überhaupt losgefahren sind? Haben uns ein pinterest-Board angelegt, die schönsten Cafés gegoogelt, nach Tipps zum Essen und Shoppen gesucht und anschließend weder nach rechts noch nach links geschaut. Mir war diese Reise eine erneute Lehre darin, nicht schon im Vorfeld zu horten, was erst vor Ort gesammelt werden kann: Eindrücke, Erfahrungen, die Essenz von etwas, was man erspüren, hören und riechen muss.

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Ich möchte noch einmal nach Antwerpen, mindestens. Das Aufsammeln an Anekdoten, was ich dieses Mal da lassen, nicht sehen oder einfach nicht mitnehmen konnte. Ward Ihr schon einmal dort? Und welche Geschichten habt Ihr mit nach Hause genommen?

Ich wünsche Euch einen wunderbaren Sonntag,

Eure Carolin


Falls Ihr auch einmal Willems wunderbares Loft buchen wollt, dann ist hier noch einmal der genau Link: Loft/Studio in Antwerpen. Wir waren wirklich sehr zufrieden und Willem ein äußerst zuvor kommender Host.

Das passt dazu...

2 Comments

  • Reply
    claudia
    17. September 2017 at 7:17

    So, jetzt möchte ich gerne auf der Stelle nach Antwerpen und genau diese Straße mit den ganzen Arabischen Geschäften und Bäckerein entlangschlendern. Ich liebe solche Momente einer Reise und das macht erst eine Reise für mich aus. Sehen, ein bisschen mitbekommen wie das wirkliche Leben da ist. Die typischen Touristensachen kann man ja so nebenbei anschauen. Danke für den schönen Bericht!

    • Reply
      Carolin Schubert
      20. September 2017 at 9:56

      Dann hab ich ja alles richtig gemacht, würde ich sagen! Freut mich sehr und danke für Deine Rückmeldung!

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