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Brauche ich eine Typveränderung? | Über innere Entfaltung

Es war vor ungefähr neun Jahren, ich war seit einigen Monaten Mutter eines winzigen, wunderbaren Jungen und machte das, was die meisten Frauen in einer Situation taten, die eine gewisse Bestätigung verlangte: ich ging zum Friseur.

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Innere und äußere Veränderung

Ein Klischee, ich weiß. Aber es ist eine belegbare Tatsache, dass innere und äußere Veränderungen in unserem Leben meist miteinander einher gehen. Wir treten in eine neue Lebensphase ein, haben eine Beziehung beendet, sind Eltern geworden, kämpfen mit einem schweren Schicksalsschlag – ich bin mir sicher, dass es Euch ein Leichtes ist, all die Dinge aufzuzählen, die sich mit diesen Veränderungen eingestellt haben. Ein anderer Kleidungsstil, Gewichtszu- oder abnahme, eine lange Reise, neue Möbel, neue Freundschaften, ein bis dahin nicht denkbares Hobby. Oder eben eine neue Frisur (wobei ich gewillt bin anzuerkennen, dass letzteres tatsächlich eher so ein „Frauending“ ist…). Zurück also zum Friseurbesuch. An den ich mich übrigens bis heute deswegen so genau erinnern kann, weil ich etwas Wichtiges übers Leben lernte. Und über mich.

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Ich war zu der Zeit sehr unsicher, kannte mich selbst nicht mehr wirklich und vermied den Blick in den Spiegel so oft es ging. Irgendwie war ich so gar nicht mehr „mein Typ“. Ich trug zwischen 2 und 3 Kleidergrößen mehr als vorher, statt Spitzenunterwäsche unförmige Still-BHs und hatte meinen kompletten Kleiderschrankinhalt an meine Schwester und Mam (!) verschenkt. Ich war eine Mutter, wie ich sie zumindest rein äußerlich niemals sein wollte. Ich schämte mich vor meinem Mann und oft auch vor mir selbst (dass meine Depressionen durch den Kaiserschnitt und vom Stillen nicht eben wenig dazu beitrugen, möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, aber zumindest für heute nicht weiter ausführen – ein anderes Mal, wenn es Euch interessiert!). Natürlich war mir auch klar, dass ein Friseurbesuch daran nicht wirklich etwas ändern würde – genauso wenig wie ich mich ausschließlich über meine Kleidergröße und den Inhalt meines Schrankes definierte! – aber so hatte ich zumindest ein bisschen das Gefühl, etwas für mich tun zu können. Und setzte mich deswegen mit all meinen Unsicherheiten und einer gewissen inneren Unruhe auf den Friseurstuhl.

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Das Beratungsgespräch

Das Gespräch nahm seinen Lauf und auf meine Antwort, was ich mir so mit meinen Haaren vorgestellt hatte, folgte die Feststellung „Sie sind bestimmt Mutter geworden.“ Ich weiß noch, dass ich lächelte und mich in meinem Veränderungswunsch irgendwie verstanden, vielleicht sogar bestätigt fühlte. Ungefähr zwei Minuten lang. Dann verkündete der Friseur dem gesamten Salon, dass er ja öfter Frauen hier sitzen habe, die sich, nach dem sie Mutter geworden sind, irgendeine Form der Typveränderung wünschen würden und er überhaupt nicht verstehe, wie man sich grundsätzlich gehen lassen kann, so als Mutter. Kinder seien schließlich weder eine Entschuldigung für eine schlechte Figur, ungemachte Haare noch ein ungeschminktes Gesicht. Und dann saß ich da, mit meinen zu vielen Kilos, meinem ungeschminkten Gesicht und den Haaren, die zwar gewaschen, aber ansonsten einfach zum Pferdeschwanz gebunden waren. Ich war wie gelähmt, ertrug die Scham und hielt meine Tränen zurück. Und bezahlte am Ende eine horrende Summe für eine Frisur, die ich nicht mal schön fand – von der der Friseur aber der Meinung war, sie entspräche meinem Typ.

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Typveränderung

Ich glaube, die Sache mit der Typveränderung kann eigentlich etwas ziemlich Gutes sein. Das hängt allerdings davon ab, was und warum wir etwas verändern wollen. Und vor allem mit welchem Ziel! Mein Problem war ja nicht der Friseurbesuch an sich und auch nicht, dass ich mich hinterher besser fühlen wollte. Mein Problem war, dass ich mit einer Frisur etwas zu richten gedachte, was in gar keinem Zusammenhang miteinander stand. Die Haare schön gemacht zu bekommen hätte mir geschmeichelt und hätte mir gut tun können. Aber es hätte mir nie und nimmer geholfen anzuerkennen, wer ich bin oder an was es in meinem Inneren tatsächlich mangelte. Auch, wenn uns Zeitschriften und Fernsehformate immer wieder erzählen, dass uns ein neues Outfit zu einem neuen Menschen macht – es ist schlicht und ergreifend falsch.

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Eine Typveränderung findet nie von außen statt, sondern immer von innen. Ein Kleid bleibt immer ein Kleid – so lange es keinen Inhalt hat, der es trägt. Erst dann kann es seine Form, seine volle Wirkung entfalten. Dann wird aus ein paar Bahnen Stoff eine Robe, eine Rüstung oder ein Versteck. Ich finde äußere Veränderungen wunderbar anregend und inspirierend. Aber der Friseurbesuch damals war eine wichtige Lektion darin, dass sich mein Typ auf diese Art und Weise nie verändern lassen wird. Das, was ich bin, was mich ausmacht – all das liegt IN mir. Wenn ich tatsächlich etwas verändern will, dann werde ich nicht drumherum kommen, in mein Inneres zu blicken und dort anzufangen aufzuräumen. Apropos: es nützt auch kein „Die beste Ausmisten“-Methode etwas, wenn ich nicht vorher mein Konsumverhalten oder meine Einstellung zu Besitz ändere.

Natürlich war das Benehmen des Friseurs unentschuldbar und mehr als daneben. Aber seine Worte trafen mich auch deswegen so, weil sie einen wahren und damit wunden Punkt berührten. Meinen „Typ“ hätte ich mit einer neuen Frisur nicht ändern, zurück holen oder neu gestalten können. Sie hätte nichts an meiner Unsicherheit, an meiner Scham oder daran geändert, dass ich mit der neuen Situation, der neuen Aufgabe und meinem veränderten Äußeren nicht zurecht kommen bin.

Entfaltung und Bestätigung

Vor wenigen Tagen haben mein Mann und ich eine wichtige Entscheidung getroffen, eine, die unser Leben in den nächsten Jahren verändern wird. Diese Entscheidung ist das Ergebnis einer Typveränderung, mit der wir uns die letzten anderthalb Jahre beschäftigt haben: der Weg zu dem, was unsere Leidenschaft oder auch Bestimmung ist, was ureigentlich in uns liegt, uns aus- und damit zu den Menschen macht, die Gott sich ausgedacht hat. Immer wieder kamen wir an Punkte, an denen wir uns eingestehen mussten, dass es nichts nützt, sich eine neue „Lebensfrisur“ zu verpassen, wenn sich innerlich rein gar nichts geändert hat.

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Diese innere Veränderung ist ziemlich spannend und aufregend, genau wie die äußeren Folgen, die sie mit sich bringen wird. Vor allem aber ist sie befreiend. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so nah an dem gefühlt, was „mein Typ“ ist. Aus der Veränderung ist eine Bestätigung geworden. Und ich glaube, dass es am Ende genau darum geht. Wir brauchen nicht irgendeine Art von Mensch zu werden, von dem wir glauben, dass er oder sie möglichst nachahmenswert ist. Wir müssen quasi freilegen, was in uns liegt (Veränderung) und dann genau unseren Typ entfalten (Bestätigung).

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Was übrigens nicht heißt, dass ich zu solchen lebensverändernden Gelegenheiten nicht mehr zum Friseur gehe. Habe ich just heute morgen getan! Und doch bin ich als dieselbe Person hinausgekommen wie ich hinein gegangen bin – als ich selber.

Eure Carolin


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5 Comments

  • Reply
    Dana
    7. September 2017 at 12:52

    Ein sehr schöner Artikel. Es steckt so viel Wahres drin. Ich habe drei kleine Söhne, studiere und unterrichte ein paar Stunden die Woche. In jedem der verschiedenen Bereiche suche ich „meinen“ Typ. Vor allem im Herbst überlege ich jedes Jahr aufs neue, welche Klamotten und welcher Stil wohl zu mir passen. Was drückt meine Persönlichkeit aus? Wie möchte ich sein? Ich stelle immer wieder fest, ich weiß es einerseits oft nicht und andererseits passen Budget und meine Vorlieben für Nachhaltigkeit und Fairness nicht zusammen. Also bleibt vieles beim Alten. Darüber hinaus versuche ich, mich ein Stück weit an die entsprechenden Bereiche meines Alltags anzupassen, in jedem voll da zu sein und alles zu geben. (Neue Schüler, neue Unikurse und die nicht kleiner werdenden Herausforderungen als Mama fordern ihren Tribut). Ich merke seit einigen Monaten, dass das unmöglich ist. Ich habe mich selbst darüber verloren. Ich funktioniere nur noch gewissen Erwartungen entsprechend. Ich brauche dringend eine Typveränderung. Jemanden, der mir zeigt, dass ich nicht immer 100 Prozent geben muss, dass es nicht gesund ist, sich mit anderem zu vergleichen.
    Bis ich so jemanden gefunden habe, gehe ich heute Nachmittag erstmal zum Frisör.

    • Reply
      Carolin Schubert
      11. September 2017 at 20:13

      Liebe Dana,

      vielen lieben Dank für Deine ehrlichen Worte, dazu gehört viel Mut. So wie ich Deine Worte verstehe, bist Du den wichtigsten Schritt schon gegangen. Nämlich den, sich selbst gegenüber absolut ehrlich zu sein. Ich glaube, es ist eigentlich gar nicht so schlimm, dass man sich verschiedenen Situationen entsprechend verschieden verhält. Schließlich ist jeder Bereich von anderen Menschen besetzt und diese haben eine unterschiedlich enge oder weite Beziehung zu einem selbst. Aber Du hast absolut Recht – sich selbst zu verlieren darf dabei nie die Folge sein. Ich wünsch Dir weiterhin so viel Mut und Ehrlichkeit, Deinen ganz eigenen Weg zu finden und zu gehen.

      Herzliche Grüße,
      Carolin

  • Reply
    Alltagswirrwar & Kaffeehausflucht ::: 5 Freitagslieblinge am 08. September
    8. September 2017 at 13:07

    […] Inspiration der Woche für die Freitagslieblinge fand ich bei Carolin von The Blogbook, die über Typveränderungen schrieb – allerdings nicht die äußere, sondern die innere: „Eine Typveränderung […]

  • Reply
    Katharina Richter
    12. September 2017 at 13:57

    Wieder mal ein toller Text und wieder mal einer, über den ich wohl länger nachdenken werde. Und spannend klingt es auch noch 😉
    Liebe Grüße,
    Katharina

    • Reply
      Carolin Schubert
      12. September 2017 at 14:22

      Ich würde sagen, dann hab ich ja alles richtig gemacht ;-). Ganz lieben Dank für Deinen Kommentar!

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