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Antwerpen – eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Unsere Reise nach Antwerpen ist mittlerweile schon wieder drei Wochen her. Mehrmals habe ich seitdem den Tab, der meinen Reisepost beinhaltet, im Kalender herum geschoben. Wie erzählt man eine Wochenendreise, die einen in so vielerlei Hinsicht vollkommen überrascht und vor allem mit mehr Geschichten, als in einem Text erzählbar, zurück gelassen hat? Antwerpen war für mich ein echtes Lehrstück. Darüber, welche Macht Geschichten haben – vor allem, wenn sie nicht erzählt worden sind. Über Prioritäten und den Unterschied zwischen wichtig sein und wichtig scheinen. Und über die Menschen in all ihrem bunten Spektrum.

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Ich habe mich entschieden, unsere Reise in unterschiedlichen Teilen zu erzählen, aus verschiedenen Perspektiven und mit jeweils anderen Schwerpunkten. In der Hoffnung, die Lücken, die ich selbst empfunden habe, etwas schließen zu können und dem gerecht zu werden, was wir mit nach Hause genommen haben. Deswegen gibt es heute als ersten Teil eine Reisegeschichte mit vielen Fotos, die den Blick nach oben richten, weg von dem, was direkt vor mir lag.

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Die Erzählperspektive

Was genau fasziniert uns eigentlich beim Reisen? Fremdes Essen, eine andere Sprache, Gerüche, die wir nicht kennen? Welche Fragen stellen wir uns? Und wohin richtet sich unser Blick, was wollen und was können wir beobachten? Schauen wir nur gerade aus, lassen wir den Blick in die Ferne schweifen oder schauen wir gar genau in die kleinen, ganz unscheinbaren Ecken? Ja nach Blickwinkel und Perspektive kann die immer gleiche Sache stets eine neue Geschichte erzählen. In Antwerpen habe ich ziemlich viel nach oben geschaut, mit und ohne Kamera. Aber gerade letztere hat mir das im Nachhinein erst richtig vor Augen führen können. Das Panorama, was sich dadurch entfaltet, spiegelt für mich das starke Gefühl, welches ich die ganzen vier Tage über hatte und bis zum Schluss nicht einordnen konnte: Antwerpen will nicht in einer horizontalen, leicht zugänglichen Schicht entdeckt werden. Die Stadt erzählt in der Vertikalen: in die Tiefe und in mehreren Schichten. Weswegen ich mich am ersten Tag völlig enttäuscht fragte, ob die Reise wirklich eine so gute Idee war. Ich hatte die richtige Perspektive noch nicht gefunden.

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Die Lücken in der Geschichte

Noch immer fühle ich eine maßlose Faszination darüber, dass es in einer Stadt mit gerade mal einer halben Million Einwohnern so eine Bandbreite und gleichzeitig Dichte an Geschichte, unterschiedlichen Religionen, Nationalitäten und Lebensgewohnheiten gibt. Nichts davon ist wirklich vermischt, alles reiht sich nebeneinander, als hätte jemand „Die Siedler von Catan“ gespielt und möglichst unterschiedliche Landschaftskarten aneinander gepuzzelt. Sobald man sich nur ein Spielplättchen herauspickt und entscheidet, dort zu bleiben, unterschlägt man automatisch all das, was erst ein vollständiges Bild ergeben kann; ganz unfreiwillig vielleicht. Die Grenzen sind wie im Spiel beinahe unsichtbar, aber sie sind da und wollen, ja müssen überschritten werden. Und sie zeigen sich nicht nur am Boden oder vor einem. Auch, wenn man den Blick nach oben richtet, wird man gewahr, dass es immer wieder eine neue „Landschaft“ ist, in die man eintaucht. Eine, die von Religionsfreiheit und -reichtum erzählt; von Kunstverehrung und der gleichgültigen Hinnahme, dass sie eben auch nur ein Teil des Lebens ist wie alles andere; vom Zeitenwandel und seinen Eigenheiten, der sich unaufhörlich, mal zurückhaltend, mal ganz offensichtlich zeigt.

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Man sieht Häuser, aus denen Schiffe wachsen; Kathedralen, die Gott und die Kunst als etwas Göttliches gleichermaßen verehren; den Wille zum Handel und zum Reichtum, seinen Bestand und seine Vergänglichkeit; Innovation und Tradition, die einander bedingen, brauchen und manchmal wieder ausschließen. Wir sind an Jahrhunderte alten Gemäuern vorbei gelaufen, die scheinbar gleichgültig ihren Verfall ertrugen und sich bei genauerem Hinsehen als Wiege kunsthistorischer Weltbedeutung entpuppten (beispielsweise das Geburtshaus von van Dyck), an Kirchen und anderen Gotteshäusern (wie der Hauptsynagoge), die allein wegen ihrer schieren Größe nicht fassbar wurden. Wir haben bis zum Schluss immer wieder gestaunt, wie stark sich der Lauf der Zeit im äußeren Erscheinungsbild der Stadt zeigte.

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Der Blick nach oben

Es ist eine interessante und nach meiner Erfahrung bereichernde Art und Weise, eine Stadt kennen zu lernen, wenn man nach oben schaut. Die Geschichte drängt sich einem nicht auf, man muss schon bewusst seinen Blick lenken, um sie wahrzunehmen. Und doch ist sie da. Eine Stadt ist lebendig und zwar nicht nur durch die bloße Anwesenheit der Menschen in ihr, sondern vor allem durch das, was sie an Leben in Mauern, Straßen und Dächer schreiben. Dieses Leben liegt unter und vor einem, aber es strahlt auch herab. Weswegen sich der Blick nach oben lohnt. Er macht das unbestimmte Gefühl, gesehen und wahrgenommen zu werden, auf eine Art konkret, die man sonst verpassen würde. Der Blick nach oben ist ein wandernder, einer, der sich an den Zwischenschichten entlang arbeitet.

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Was bleibt also nun als Erkenntnis? Für mich war Antwerpen eine Herausforderung, denn mein Blick war einseitig vorgeprägt. Ich schob es auf die Lücken des nicht Erzählten, darauf, dass mich niemand vorwarnte. Aber wie soll man das auch tun? Es stimmt, in meiner wirklich mageren Reisevorbereitung hatte ich vor allem Bilder und Texte gefunden, die von Cafés, Antiquitätengeschäften und Restaurants sprachen. Und trotzdem bin ich für meinen Blick und meine Perspektive ganz allein verantwortlich. Und auch dafür, was ich am Ende mitnehme. Für mich war es das Wissen – nicht unbedingt neu, aber stark vertieft – dass sich Gefallen nicht automatisch einstellen muss, um einen Wert zu haben. Sondern, dass erarbeitet werden darf, was bleiben soll. Antwerpen war keine Liebe auf den ersten Blick, nichts, worüber ich sofort in Ekstase verfallen bin. Und das ist gut so, denn es hat mich gezwungen, meine Perspektive zu verändern, meinen Blick nicht nur auf das Naheliegende vor mir zu richten.

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Antwerpen - eine Reisegeschichte mit Blick nach oben

Wie es weiter geht

Was übrigens nicht heißt, dass ich es nicht getan habe. Doch davon erzähle ich Euch im nächsten Teil, wenn wir uns in Borgerhout, zwischen Fotografenloft, arabischer Bäckerei und ökologischem Familiencafé bewegen.

Danke, dass Ihr bis hierhin durchgehalten und Euch auf einen Reisebericht der etwas anderen Art eingelassen habt. Das nächste Mal habe ich dann weniger Reisephilosophie, dafür aber sehr viel kleine, feine Reiseerlebnisse im Gepäck, versprochen!

Ich wünsch Euch ein wunderschönes Wochenende. Und ich freu mich wie immer sehr darüber, wenn Ihr mir Eure Gedanken, Eindrücke oder auch Erfahrungen hier lasst!

Eure Carolin

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2 Comments

  • Reply
    Fee ist mein Name
    24. Juni 2017 at 15:13

    Ich mag, wie du die Welt siehst! Und es ist kein Durchhalten, sondern ein Geschenk, dich dabei zu begleiten <3

    • Reply
      Carolin Schubert
      26. Juni 2017 at 10:57

      Ach, Fee, tausend Dank für diese Worte <3 :-*

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