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Das Leben eben

Freibadromantik

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Gestern waren wir im Freibad, hier um die Ecke. Die fünf Minuten mit dem Auto gleichen einer etwas merkwürdigen Zeitreise. Als ich durch das Tor gehe, gibt es Stau. Der Pommes-Lieferant blockiert mit zwei großen Beuteln TK-Fritten und ebenso vielen, sehr großen Eimern Salatmyo den Eingang. Ich drücke mich am Schild, auf dem die Öffnungszeiten wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten zu lesen sind, vorbei. In der Woche ab 14:00 Uhr geöffnet, steht da. Okay, Morgenschwimmen fällt also schon mal aus. Hätte man ja mal drüber nachdenken können. Beinahe hätte ich den Schalter übersehen, der aus drei Rentnern, einem Strandkorb, Sonnenschirm und Rosinenstuten besteht. Wir bezahlen, bekommen aber kein Ticket. Braucht man hier nicht. Schade eigentlich.

Das Bad ist klein, zwei Becken, ein Pipi-Pool für die Kleinsten, ein Dreimeterbrett, an dem schon ordentlich Betrieb ist und sich die Dorfjugend zum Balzritual versammelt. Wir suchen uns einen Platz auf der gemähten Wiese, eher hinten, am Rand, wo es auch Schatten gibt. Wir sind jetzt erwachsen und haben drei Kinder, da macht man das so. Während besagter Nachwuchs in die Badehose hüpft, weht der kindheitsschwangere Duft von Frittierfett und Chlor vorbei. Wir schauen uns an und grinsen etwas debil.

Es nützt nichts, das Kleinvolk verlangt nach Wasser und so machen wir uns zwischen all den Lagern, die offensichtlich mit höchster Strategie angelegt und darauf ausgerichtet sind, Feind und Freund im Auge zu behalten, auf den Weg ins Schwimmbecken. Der Platz ist gering, das Wasser kalt, die Kinder glücklich. Ich komme nicht umhin zu bemerken, dass wir eine Ausnahme- oder Randerscheinung im Wasser befüllten Betonquadrat sind, je nach Betrachtungsweise wahrscheinlich. So oder so drücken wir erheblich den Altersdurchschnitt  nach oben und ich frage mich, ob man innerhalb so kurzer Zeit so massiv altern kann. Gefühlt offenbar schon. Ich entdecke eine andere Mutter südwestlich von mir und lächle ihr in der irrigen Annahme zu, wir hätten eine Gemeinsamkeit. Schwimmbeflügelte Kinder zum Beispiel, die sich todesmutig von der Treppe 20 Zentimeter tief ins Wasser stürzen. Sie mustert mich. Ohne zu lächeln. Offenbar trifft mein Bikini nicht ihren Geschmack.

Mit blauen Lippen und nach dem etwas vergeblichen Versuch, vier beinahe gerade Bahnen zu schwimmen, machen wir uns auf den Weg zurück zu unseren Decken, teilen uns drei Handtücher und ich verkünde, dass wir jetzt Pommes essen müssen. Wir sind im Freibad, da macht man das so.

Ich bahne mir erneut einen Weg zwischen Handtuch- und Rucksackburgen, die Kinder im Schlepptau. Die Bewohner begegnen uns mit lässiger Ignoranz. Bauch einziehen ist hier nicht notwendig, kuckt eh keiner auf die Mutti. Wir bestellen dreimal Fritten, die Bratwust ist leider aus und es gesellt sich noch eine Frikadelle hinzu. Es gibt Senf, Gewürzketchup, besagte Salatmayonnaise und Pommessalz mit Glutamat. Ich bleibe nostalgisch bei dem Anblick.

Wir machen die obligatorische Essenspause und stülpen erneut die Schwimmflügel über. Das Schwimmbecken hat an Bevölkerungsdichte enorm zugelegt, wir ergattern einen Stehplatz mit Quadratzentimeter großem Auslauf und tun so, als ob wir dringend eine Abkühlung bräuchten. Den Kindern zuliebe. Wir sind jetzt Eltern, da macht man das so. Altersmäßig bekommen wir leichte Unterstützung von rechts und links und es werden Badeanzüge mit Schwimmbrille durch die nicht vorhandenen Wellen geschoben. Die Ignoranz bleibt, anscheinend werden wir heute keinen Beliebtheitswettbewerb mehr gewinnen.

Unter Protest der Kinder packen wir schließlich zusammen. Ich erkunde noch einmal die Umkleidekabinen. Für 50 Cent bläst ein eher fragwürdiger Automat meine Haare trocken. Dafür muss ich mich an die Wand drücken, von der ein eigenartiger Geruch nach Schweiß und zu hoher Raumfeuchte ausgeht. Ich verzichte.

Auf dem Weg zum Auto begleitet uns noch ein kurzes Stück eine leiser werdende Kakophonie aus Stimmen und dem Klappern des Sprungbretts. Ich fühle mich merkwürdig zufrieden, ja beinahe schon glücklich, denke ich so bei mir. Und bin froh, das nächste Mal noch in weite Ferne schieben zu können, trotz aller Freibadromantik.

Das passt dazu...

7 Comments

  • Reply
    Ani LorakLorak
    20. Juni 2017 at 16:31

    Hahaha. Ich habe als Teenie Freibäder geliebt. Jetzt als Mutter hasse ich diese. Meine 8-jährige hat Bronze, mein 12-jähriger Jugend-Rettungsschwimmer und ich hasse Schwimmen gehen mittlerweile. Unser Sohn ist Leistingsschwimmer, die Tochter will auch. Ganz selten gehe ich mit ihr Freibad, seit letztem Jahr geht der Grosse lieber alleine… Hier ist Stau an der Kasse, volles Becken und leider keine Pommes, da Kiosk nicht besetzt…Nichtmal Eis. Hach….Und früher die Ferien hälftig dort verbracht und Müll aufgesammelt am Ende und Freikarte für den nächsten Tag erhalten…fast 30 Jahre her….oder so ziemlich… Mann oh Mann!

    • Reply
      Carolin Schubert
      20. Juni 2017 at 20:42

      Verrückt, oder?

  • Reply
    Dany
    20. Juni 2017 at 16:57

    Sehr treffend beschrieben, ich muss immer noch schmunzeln, …so oder zumindest ganz ähnlich empfinde ich das Ganze auch und bin mittlerweile dann doch ganz froh, daß die Kids den Weg ins Freibad schon alleine machen.

    • Reply
      Carolin Schubert
      20. Juni 2017 at 20:42

      😉

  • Reply
    Petra
    21. Juni 2017 at 10:13

    Bei uns werden die Mütter trotzdem begafft (warum auch immer). Also muss ich zu dem ganzen beschriebenen Stress und Ekel auch noch den Bauch einziehen. Übel, oder?
    Ich geh lieber mit dem Mann in die Sauna (also mehr so im Winter :)) und nicht mehr schwimmen. Eigentlich schade…

  • Reply
    Sabine
    26. Juni 2017 at 11:15

    Sehr lustig beschrieben! Hier ist es glücklicherweise anders. Falls ich überhaupt noch mitgehen muss ist es meist angenehm, ich komme viel zum lesen oder quatsche mit anderen Mütter, die ich sonst nicht so oft sehe aber das ist dann meist nett. Und das kulinarische Angebot hat sich auch verbessert und es gibt sogar leckeren Salat und Birchermus….
    Liebe Grüsse
    Sabine

    • Reply
      Carolin Schubert
      27. Juni 2017 at 13:42

      Das klingt nach einem ziemlich tollen Freibad 🙂

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