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sen.sibel | Über meine Hochsensibilität

theblogbook.eu | Über meine Hochsensibilität

Das sind wir auf dem Foto, meine Kinder und ich. Alle vier hochsensibel. Für uns ganz normal. Für andere eher nicht.

Ich konnte mir lange Zeit nicht vorstellen, darüber zu schreiben. Genauso, wie ich eher wenig darüber spreche. Das liegt nicht daran, dass ich schüchtern wäre. Oder keine Meinung hätte – die ist sogar sehr stark, vor allem darüber, dass und wie ich anderen helfen kann. Aber ich muss aufpassen. Darauf, wieviel ich von außen zulasse, wieviel auf mich einströmen darf. Ich muss meine Grenzen sehr klar kennen und sie wahren. Sonst bin ich am Ende ziemlich verloren.

Nun habe ich letzte Woche aus einem guten Impuls heraus bei Instagram in meinen Stories kurz von meiner Hochsensibilität erzählt und davon, dass ich mich entschieden habe, darüber zu schreiben, wie es sich als Familie damit lebt. Die Resonanz darauf war so ehrlich, offen und stark, damit hätte ich gar nicht gerechnet. Aber es hat mich darin bestärkt, dass wir nicht nur Menschen in unserem direkten Umfeld inspirieren können, sondern auch andere. Menschen, die unter Umständen mit denselben Problem kämpfen wie wir. Die sich unverstanden fühlen oder keine Ahnung haben, was eigentlich mit ihnen los ist. Oder die niemanden haben, der sie in ihrer besonderen Situation unterstützt.

Um das vornweg zu nehmen: mir geht es darum, von unserem Erfahrungsschatz etwas abzugeben. Zu Hochsensibilität gibt es mittlerweile ziemlich viele Internetseiten, Bücher, Seminare und andere Dinge mehr, bei denen man lernen und selbständig recherchieren kann. Das hier ist mein Blog, mein virtuelles Zuhause. Also erzähle ich die Dinge so, wie ich sie erlebt habe. Das kennt Ihr ja schon. Vieles, was es heutzutage an Angebot gibt, habe ich nicht gelesen. Und werde es auch nicht tun. Ich prüfe Quellen genau und habe durch meine Hochsensibilität gepaart mit meiner wissenschaftlichen Ausbildung einen ziemlich guten Riecher für gute und schlechte Quellen. Bücher oder Ratgeber, die ich gut finde, empfehle ich natürlich gern weiter.

Hochsensibilität – Was ist das eigentlich?

Um es kurz zu machen: keine Krankheit.

Es ist eine Besonderheit im Nervensystem, bei der die „Filter“, die in der Regel dafür sorgen, dass wir für uns unwichtige von wichtigen Informationen trennen, anders funktionieren als bei den meisten Menschen dieser Welt. Diese Informationen beziehen sich nicht nur auf Fakten, sondern vor allem auch auf Abstraktes wie Gefühle, Sinneseindrücke etc. Etwas platt ausgedrückt ist das Sieb bei Hochsensiblen durchlässiger als bei nicht hochsensiblen Personen. Das führt dazu, dass man mehr fühlt, wahrnimmt und spürt als andere – sowohl physisch als auch psychisch.

Ich möchte das an dieser Stelle so kurz und bündig stehen lassen, obwohl es dazu jede Menge zu sagen und zu schreiben gibt. Aber wie gesagt: für gute Definitionen haben andere schon gesorgt, allen voran Elaine Aron; und für konkrete Beispiele aus unserem Alltag soll es in Zukunft hier ausreichend Platz geben.

Eine Bemerkung jedoch noch: es gibt mittlerweile immer mehr Menschen, die im Deutschen Hochsensibilität von Hochsensivität unterscheiden (zum Beispiel hier). Ich halte das für wenig bis überhaupt nicht sinnvoll, aus dem ganz einfachen Grund, dass es rein etymologisch keine Unterscheidung beider Wörter gibt. Sensitivität und Sensibilität haben beide ihren Ursprung im lateinischen sentire, was so viel wie fühlen, empfinden bedeutet. (Sehr spannend ist übrigens, dass das italienische Wort sentire das ganze Bedeutungsspektrum dessen abbildet, was sowohl Sensitivität als auch Sensibilität beschreiben soll.) Ich halte wenig von Definitionen, die nicht einmal der einfachsten wissenschaftlichen Überprüfung standhalten – weswegen ich beispielsweise Abstand von Online-Institutionen wie der verlinkten Akademie nehme (so gut einige Ansätze dort sein mögen).

Ich bin hochsensibel – und nun?

Für mich war (und ist es immer noch) eine absolute Erleichterung zu wissen, dass ich hochsensibel bin. So hatte und habe ich endlich die Chance zu verstehen, warum bei mir die Dinge so sind wie sie sind. Und wieso manches so gar nicht funktioniert, obwohl es keine „logische“ Erklärung dafür gibt. Seitdem habe ich kontinuierlich an mir gearbeitet und habe mich an vielen Stellen überhaupt erstmal kennen lernen müssen. Denn zu meiner eigenen Hochsensibilität kommen noch drei Kinder mit der gleichen Besonderheit – und ein Ehemann, der zwar auch besonders, aber überhaupt nicht hochsensibel ist. Das alles ist kein abgeschlossener Prozess, im Gegenteil. Oft denke ich: jetzt geht es erst richtig los, vor allem deswegen, weil mehr Wissen und mehr Erfahrung mehr Aha-Erlebnisse bringen, die es mir zunehmend ermöglichen, mein Leben genauso zu gestalten, wie ich es mir immer gewünscht habe.

Erkannt habe ich die Hochsensibilität übrigens erst durch meinen Sohn. Das war vor ungefähr 5 Jahren, als mein Mann und ich uns nicht mehr erklären konnten, was mit Jona eigentlich los war – und wir zunächst dachten, er wäre vielleicht Autist oder zeigt Anzeichen von Asperger. Mir fiel damals ein Zettel in die Hände, rein zufällig (wobei ich ehrlich überzeugt bin, dass das so sein sollte!). Auf diesem Zettel stand irgendetwas über Hochsensibilität, ich weiß nicht mal mehr was. Ich weiß nur noch, dass ich anfing, im Internet zu recherchieren. Und mich auf einmal in einer Welt wiederfand, die ich verstand. Tatsächlich verstand.

Wie geht es weiter?

So richtig weiß ich das, ehrlich gesagt, auch noch nicht. Ich werde mich hinsetzen und so nach und nach einen Plan erarbeiten, einzelne Themen und Fragen behandeln, vielleicht auch Gastautoren einladen. Für mich ist das hier der Beginn einer Reise und ich bin sehr gespannt, wohin sie führen wird.

Ich freue mich auf einen regen Austausch. Auch, wenn ich ganz ehrlich sein will und zugeben muss, dass ich mich schwer damit tue, wenn andere mir sagen, dass auch sie hochsensibel sind. Vielleicht deswegen, weil es immer wieder Menschen gibt, die sich gern mit Besonderheiten brüsten und hervorheben möchten. Und genau diese Menschen dazu führen, dass Strukturen, die von der Norm abweichen, nicht ernst genommen werden. Aber das Risiko bin ich auch mit ein bisschen Sorge gewillt einzugehen.

Unser Bild auf den Menschen hat sich durch unsere besondere Familienkonstellation sehr gewandelt. Wir sehen immer mehr, was Individualität tatsächlich bedeutet und wie wenig unsere Gesellschaft dazu bereit ist, genau das anzuerkennen (an dieser Stelle ist die Kombination aus Hochsensibilität und pädagogischer Ausbildung meines Mannes ziemlich gewinnbringend). Die Menschen sind so unglaublich vielfältig erschaffen und diese Vielfältigkeit braucht eine Öffentlichkeit, vor allem dann, wenn sie für das gesellschaftliche Bild wenig wirtschaftlich erscheint. Und genau deswegen haben wir uns dazu entschlossen, unseren Beitrag dazu zu leisten, hier, auf meinem Blog.

Life is a story to tell, das ist mein Motto. Wie könnte ich dann das, was uns so grundlegend ausmacht, einfach weglassen?

In diesem Sinne freue ich mich auf alle, die mit an Board kommen!

Eure Carolin

Das passt dazu...

5 Comments

  • Reply
    Hufer Katrin
    24. Mai 2017 at 19:52

    Liebe Carolin,
    Was ein toller Auftakt zu so einem spannenden Thema!
    Ich bin sehr neugierig mehr über Euren Alltag mit hochsensiblen Familienmitgliedern zu erfahren.
    Ich freue mich über jeden Blogeintrag von Dir. Sie sprühen stets vor Authentizität und Ehrlichkeit. Das berührt mich und hat mich schon mehr als einmal gerüttelt, mich schmunzeln oder lauthals auflachen lassen.
    Danke für deine Courage uns teilhaben zu lassen!
    Katrin

  • Reply
    TINE
    24. Mai 2017 at 21:20

    Huhu Carolin,
    ich kann mich den Worten von Katrin nur anschließen… 😉
    Auch ich finde mich in dieser ‚Welt‘ wieder…und unsere große Motte tendiert auch in diese Richtung…
    Ich bin gespannt und freu mich auf weitere Beiträge zu dem Thema!!
    GlG aus MS,
    Tine

  • Reply
    Claudia
    24. Mai 2017 at 21:45

    Hallo Carolin,
    ich finde das Thema spannend und interessant, da es mir bislang nur mal kurz am Rande begegnet ist. Es ist sehr mutig von dir, uns so persönliche Einblicke zu geben. Aber genau das macht deinen Blog aus und macht dich so super sympathisch. Ich lese sehr gerne von dir und finde toll, was du mit der Sprache anstellen kannst. Bitte weiter so und gerne auch mit so ernsten Themen. Bin gespannt, mehr von Hochsensibilität zu erfahren.
    Liebe Grüße
    Claudia

  • Reply
    Ramona
    25. Mai 2017 at 18:36

    Oh ich freue mich über deine Reihe zum Thema. Wir selbst (mein Mann und ich) und zwei unserer drei Kinder sind hochsensibel. Jeder mit einer unterschiedlichen Ausprägung. Auch unser Weg begann mit der zuerst getroffenen Autismus-Diagnose unserer großen Tochter, die sich im Nachhinein als falsch erwies. Ich freue mich auf deine Beiträge. Lg Ramona

  • Reply
    Vanessa
    26. Mai 2017 at 7:39

    Ich bin total gespannt. Ich vermute relativ sicher, dass ich und meine Töchter auch hochsensibel sind. Maja ist hinzu noch ein „Supertaster“. Wie bei dir bin auch ich auf die ganze Geschichte durch mein erstes Kind gestoßen und ich war unglaublich froh, es endlich an etwas festmachen zu können. Und benennen zu können, wo der Unterschied (nicht das Problem) liegt. Eben auch zu erkennen, dass das kein Problem im eigentlichen Sinne, keine Krankheit ist. Leider finde ich viele Beiträge im Netz für meinen Geschmack zu esoterisch und tue mich schwer damit. Umso mehr freue ich mich, dass du dieses Thema jetzt anfasst. Und ich glaube darüber hinaus, dass vorallem in unserer 2.0 Welt, der Blogosphäre, viele Menschen unterwegs sind, die wissend oder unwissend hochsensibel sind. Bei mir ist es ja auch so, dass mir manchmal (okay meistens) Kontakt und Sozialleben online viel leichter fällt als offline und zwar ganz einfach, weil ich da den Stecker ziehen kann, wenn es mir zuviel wird. Das geht im „echten Leben“ eben nicht. Außerdem glaube ich, aus Gründen, das Unwissenheit über die eigene Veranlagung dann eben doch krank machen kann. Psychisch krank. Aus diesem Grund ist es umso wichtiger, dass mal einer (oder eine) drüber spricht. Ich bin ganz gespannt auf deine Beiträge zu dem Thema. Sagte ich schon, oder? Liebe Grüße, Vanessa

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