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Nachgedacht und aufgeschrieben

Zum Valentinstag: mit einem Brief das Herz ausspähen

Heute ist ja der Tag der Liebenden, Valentinstag. Ich kann nicht gerade behaupten, dass der 14. Februar in unserer Beziehung jemals eine besondere Rolle gespielt hätte. Zum einen, weil wir nicht so die Typen für kitschige Karten sind, zum anderen, weil „erzwungene“ Liebesbekundungen auch nicht ganz unserem Stil entsprechen. Was nicht heißt, dass ich etwas gegen den Valentinstag per se hätte! Habe ich nicht! (Außer vielleicht gegen kommerzialisierte Liebe…) Genauso wenig wie gegen Schokolade in Herzform (wenn ich die Sorte mag!), Blumensträuße (echte! nicht die über gebliebenen Krüppeldinger von der Tanke!) und andere Geschenke. Und: ich hab auch überhaupt nichts gegen Liebesbriefe. Im Gegenteil!

Sind wir doch mal ehrlich: wieviele Briefe schreibt man sich nach einer gewissen Anzahl an gemeinsamen Jahren eigentlich noch? Vorausgesetzt natürlich, man hat sich jemals grundsätzlich und überhaupt Briefe geschrieben. Mein Mann und ich haben es für ein paar wenige Exemplare geschafft, als wir noch nicht verheiratet waren. Er pendelte zwischen Cuxhaven und Hamburg hin und her, ich hatte mein Studium in Kiel begonnen. Wir führten so etwas wie eine Wochenendbeziehung – was uns damals sehr groß vorkam und sich nach Briefwechsel anfühlte. Die Vorstellung, dass wir unseren Kindern einmal die gesammelten Liebesbekundungen ihrer Eltern zeigen konnten, fand ich sehr romantisch. Es ist ein wirklich kleiner Stapel mit nicht allzu kreativem Inhalt geworden, aber selbst dieser liegt in unserer Erinnerungskiste und ich denke immer mit einem Lächeln daran.

theblogbook.eu | Briefe zum Valentinstag

Einen Brief in Händen zu halten ist etwas völlig anderes als ein Gespräch. Und klar, mit einer Email oder einer schnellen Whatsapp-Nachricht nicht zu vergleichen. In ihm stecken physische Anstrengung und emotionale Anteilnahme und Überlegtheit. Auch eine Email kann man mit Bedacht schreiben! Aber einen Brief kann man nicht immer wieder korrigieren oder zwischen speichern, man muss vorher überlegen, was man wie schreiben möchte. Sonst läuft man Gefahr, dass der ganze Brief unleserlich wird und man ihn am Ende sogar neu schreiben muss. Man muss sich über den Werdegang der eigenen Gedanken klar werden. Mit einem Stift etwas auf Papier zu bringen dauert wesentlich länger als eine Email (oder diesen Text) zu tippen. Was manchmal mühsam sein kann – wenn man das Gefühl hat, seinen Gedanken nicht schnell genug mit dem Stift folgen zu können. Oder befreiend: weil die Gedanken ausreichend Zeit haben, ihr Gewicht zu entfalten.

„Im Brief späht man sein Herz aus und das der anderen.“

Goethe beschreibt hier einen so wunderbaren Vorgang, für den wir uns innerhalb der schnellen Kommunikation, die wir heutzutage praktizieren, oft keine Zeit mehr nehmen. Erst recht nicht in Beziehungen, bei denen es ja vor allem um eins geht: um das Herz, unseres wie das des anderen. Ich weiß, wovon ich rede.

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Mein Mann ist mein bester Freund, und: wenn wir etwas für kitschige Postkarten übrig hätten, würde darauf etwas von meiner anderer Hälfte stehen. Als wir uns in der schlimmsten Krise unserer Ehe befanden, eine Krise, bei der tatsächlich alles auf dem Spiel stand, war es ein Brief, der das sprichwörtliche Blatt wendete. Ein Brief, der all die großen Fragen beantwortete und mich in sein Herz spähen lies. Und in meins. Denn ich schrieb ihm zurück. Ich schrieb ihm Seite um Seite und obwohl ich dachte, nach all den Jahren wäre alles gesagt, merkte ich auf einmal, dass die wirklich wichtigen Dinge aufs Papier mussten. Es war ein Brief, der meine Hoffnungslosigkeit, dass sich nie etwas ändern würde, vertrieb!

Wann habt Ihr das letzte Mal einen Brief geschrieben? Egal an wen. Aber wo heute eben der 14. Februar ist: wann das letzte Mal an Euren Partner? Vielleicht denkt Ihr, dass dieser ganze Valentinstags-Quatsch nichts für Euch ist. Kann ich verstehen (siehe oben). Aber das Herz ausspähen ist ja zum Glück nicht an einen Tag oder ein kommerzielles Geschäft gebunden. Das kann man immer und zu jeder Zeit. Aber eben auch heute. Jetzt.

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Falls Ihr denkt, dass Briefe schreiben nichts für Euch ist, weil Ihr es nicht so mit Worten habt, dann lasst Euch gesagt sein: mein Mann ist einer der wortkargsten Menschen, die ich kenne. Unsere Kommunikation ist nicht selten derart gestaltet, dass ich aus seinen zwei bis fünf Worten zwei bis fünf Sätze heraus höre… Der Brief meines Mannes allerdings bestand nicht nur aus ein paar Zeilen, sondern aus mehreren Seiten!

Im Briefe schreiben wohnt Zeit inne. Und die braucht man, wenn man das eigene Herz und das des anderen erkunden will. Leider haben wir nach zu kurzer Zeit wieder aufgehört. Nicht mit dem ausspähen, aber mit dem Schreiben. Was wirklich schade ist. Denn ich hab den Gedanken, dass sich irgendwann einmal in unserer Hinterlassenschaft ein mit Paketschnur zusammen gehaltener Stapel mit Briefen befindet, noch nicht ganz aufgegeben.

Habt einen tollen Tag heute, was auch immer Ihr tut und mit wem auch immer Ihr ihn verbringt.

Eure Carolin


Wenn Ihr Euch noch mehr fürs Briefe schreiben generell interessiert (ein absolut spannendes Thema!), dann empfehle ich Euch noch folgende Links:

*wenn Ihr bei google einmal den Begriff „Kultur des Briefe Schreibens“ eingebt, kommt Ihr zu vielen, sehr interessanten Beiträgen, die es zu lesen lohnt

*unter dem Projekt „Letters of Note“ sammelt Shaun Usher lauter große und kleine Briefe der Weltgeschichte – ein unglaublich spannendes Archiv! Übersetzt sind die Briefe alle ins Englische

*Simon Garfield hat ein Buch zum Thema geschrieben, was sich mehr als lesenswert anhört und auch meiner „Noch lesen“-Liste sehr weit oben steht: Briefe!: Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte

Das passt dazu...

6 Comments

  • Reply
    Stephie
    15. Februar 2017 at 21:55

    Ich kenne es, was du beschreibst! Während unserer Fernbeziehung waren es Postkarten, die es uns leichter machten, den anderen nicht bei sich zu haben. Doch auch bei uns verlor sich das mit den Jahren, erst recht, seit man zusammen wohnt. Dein Post hat mich sehr zum Nachdenken gebracht und du hast recht, wir sollten uns öfter die Zeit nehmen, unsere Worte überlegt und in allen Ausschweifungen zu Papier zu bringen.
    Vielen Dank für deine Offenheit und Ehrlichkeit!
    Liebe Grüße
    Stephie

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2017 at 10:27

      Liebe Stephie,

      vielen Dank für Deinen Kommentar, ich freu mich immer, wenn ich eine Anregung geben konnte! Du hast Recht, dieses „man sieht sich ja eh jeden Tag“ lässt einen so schnell vergessen, dass deswegen noch lange nicht immer alles gesagt ist…

  • Reply
    Nic {luzia pimpinella}
    16. Februar 2017 at 17:14

    Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich gar keine Romantikerin bin und irgendwie auch noch nie war. Mein Mann war immer der Brief- und Postkartenschreiber… Schande über mich. Aber er kennt mich ja und hat mich trotzdem genommen.

    Ich habe auch immer das Gefühl, am ende fehlen die perfekten Worte. Das geht mir ja bei meinem Blogposts ähnlich, weswegen viele ungeschrieben bleiben, die mir eigentlich am Herzen liegen. Also beschränken sich meine schriftlichen Liebesbekundungen auch auf kleine Zettelchen… 😉

    Liebe grüße
    nic

    P.S. Ihr seid solche Küken auf den Fotos! Zauberhaft!

    • Reply
      Carolin Schubert
      17. Februar 2017 at 12:13

      Siehste, ich finde das ja schon wieder hochromantisch, dass Ihr da so unterschiedlich seid und trotzdem/gerade deswegen schon so lang zusammen und ein eingespieltes Team :-). Verrückt, oder? Wir haben dieses Jahr unseren 13. Hochzeitstag!Und damals, mit 19 und 21 dachten wir, wir kennen uns aus – haha!

  • Reply
    Shirley | live4happiness2day
    4. März 2017 at 23:45

    Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag und deine persönliche Liebeserklärung ans Briefeschreiben. Es steckt so viel Wahrheit in deinen Worten, ich glaube ich bin selbst ganz verliebt. 🙂 Auch wenn es an der digitalen Kommunikation ebenso viel schätzenswertes gibt: Auf dass wir wieder mehr zum Papier greifen. Hab noch ein schönes Wochenende! Shirley

    • Reply
      Carolin Schubert
      6. März 2017 at 11:18

      Liebe Shirley, vielen Dank für Deinen Kommentar! Ja, zum Papier möchte ich definitiv wieder mehr greifen!

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