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Das Leben als solches

Das Leben als solches #33 [Über dumme Dreier]

Letzte Woche war es also so weit, das große Kind bekam sein erstes Zeugnis. Zumindest das erste mit Schulnoten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wegen meiner Zeugnisse tagelang wie ein Gummiball herumgesprungen zu sein. Okay, vielleicht liegt genau da das Problem – ich kann mich nicht mehr erinnern. Was ja noch lange nichts über den Wahrheitsgehalt an sich aussagt, das ist ja immer so eine Sache mit der reflektierten Rückschau…

Das Kind stellte sich also gebannt die Frage, was am Ende auf diesem Papier notiert sein wird und ich stellte mir bang die Frage, was es am Ende mit ihm machen wird. Und mit mir, mit uns als Eltern. Ich gebe es unumwunden zu, ich bin ein Gegner davon, den Entwicklungs- und Leistungsstand eines Kindes in genau sechs verschiedene Zahlen zu komprimieren. Und obwohl Mathematik für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben wird, habe ich wohl so viel entschlüsseln können, dass es für diese Gleichung selbst in der Stochastik keine passende Formel geben kann. Was sagt denn beispielsweise eine Drei aus? Drei bedeutet befriedigend, den allgemeinen Anforderungen entsprechend. Das kann ja nun alles und nichts sein. Klingt wie: Du bist nicht dumm, allerhöchstens ein bisschen. Weil: richtig gut bist du ja auch nicht. Also bist du ein bisschen gut (die Anforderungen hast du ja immerhin erfüllt) und ein bisschen dumm (mehr als das hast du ja leider auch nicht geschafft).

Apropos dumm: das hört man die Tage ja eh an allen Ecken und Enden der Medienwelt. Menschen, die eine rechts gestellte Partei wählen, sind dumm. Menschen, die einen narzistischen Präsidenten wählen sind dumm. Der Präsident selbst ist dumm. Menschen, die andere wegen ihrer Religion drangsalieren sind dumm. Religion selbst ist aber auch dumm. Sich nicht auf die Seite zu stellen, für die alle sind, ist dumm. Populistisch zu sein ist dumm. Radikal zu sein ist aber dumm, weil es ausgrenzend ist. Alle gleich zu machen ist dumm, aber wehe, einer schert aus dem System aus: das ist dann auch dumm. Für ihn und für das System. Es scheint, als gäbe es wirklich sehr viel Dummheit auf dieser Welt – oder zumindest in diesem Internet. Die Vermutung läge dann ja wohl nahe, dass all diese Leute wohl auch nichts Besseres als eine Drei in ihrem Zeugnis stehen hatten – je nach Blickwinkel sind sie also auch irgendwie ein bisschen irgendetwas.

Die Sache mit dem Blickwinkel ist aber die gleiche wie mit der reflektierten Rückschau oder den allgemeinen Anforderungen. Entweder ist sie inkonkret oder subjektiv oder gar beides zusammen. Aber wollen wir das? Ja, wir wollen Individualität. Wir wollen, dass sich jeder frei nach seiner Facon entfalten kann, dass er unabhängig von seiner Weltanschauung, seiner Hautfarbe, seiner Religion, seines Geschlechts und seiner Herkunft ganz individuell sein Leben entfalten kann. Das heißt aber eben auch, dass jeder (!) das auf eine Art und Weise tun kann, die mir oder all den anderen Individuen so gar nicht ins Weltbild passt. Es kann sogar heißen, dass viele andere in ihrer Lebensausübung gestört werden oder diese ganz unterbunden wird. Da bekommt das Subjektive dann auf einmal einen nicht mehr ganz so freien und individuellen Anstrich verpasst und zum Wollen gesellt sich ein Aber.

Ich glaube, dieses Aber ist das, was diese unsäglich inkonkrete 3 unbedingt zu einer 1 machen sollte. Ein Einser in unserem Schulsystem bedeutet, dass derjenige, der benotet wurde, den allgemeinen Anforderungen in besonderem Maße entsprochen hat. Ich stelle mir also vor, wie wir anfangen, lauter Einsen einzusammeln, weil wir beispielsweise dem demokratischen Gedanken in besonderem Maße entsprechen: wählen gehen, unsere Stimme erheben, ein Rechts- und Sozialsystem unterstützen, das – so marode es an manchen Stellen sein mag – eben genau diesen demokratischen Gesetzen gehorchen muss und starke Menschen braucht, die es umsetzen. Oder wie wir Berge von Einsen (vielleicht sogar mit Sternchen?) anhäufen, weil wir die absoluten Meister darin sind, unseren Nächsten zu lieben: unseren Reichtum teilen, Hilfe anbieten, den Schwachen aufhelfen, denen eine Stimme geben, die keine haben, aufhören, andere als dumm zu beschimpfen (so dumm ihr Verhalten auch zu oft sein mag!). Wie wäre es, wenn wir anfangen, diese allgemeinen Anforderungen neu zu definieren und konkret und objektiv zu machen – so dass sie für alle umsetzbar werden und sich keiner mehr mit einer drei zufrieden geben muss?!

Um nochmal auf das Zeugnis meines Sohnes zu sprechen zu kommen. Es waren tatsächlich zwei Dreier im Zeugnis, in Sport und Musik; weil er noch nicht Schwimmen kann und die Klasse einen Test über Antonio Vivaldi geschrieben hat, in dem man nicht nur die italienischen Originaltitel seiner Werke, sondern auch den Sterbeort wissen musste. Als ich Jona fragte, ob er überhaupt wisse, was Wien bzw. Venedig sei, verneinte er… Über deren Wert müssen wir also nicht weiter sprechen. Was hat es also mit meinem Sohn gemacht? Ehrlich gesagt: nichts. Oder besser: nichts Negatives. Im Gegenteil! Er hat sich über seine Noten und das Zeugnis gefreut und auch darüber, dass wir Kuchen essen und Kakao trinken gegangen sind und abends nur mit ihm einen Filmabend veranstaltet haben. Und mit Stolz und voller Aufmerksamkeit hat er angenommen, als wir ihm sagten, wie sehr wir ihn lieben; dass diese Zensuren nichts über ihn und seine Einzigartigkeit aussagen; dass wir stolz auf das sind, was er kann, worin er gut ist, was ihn ausmacht. Und dass wir ebenso stolz darauf sind, wie er bereit ist, an sich zu arbeiten, Neues zu lernen, sein Verhalten zu verändern, wenn es andere verletzt oder klein macht – was, wie wir alle wissen, meistens das Schwerste im Leben ist.

Wir brauchen keine Dreien, und schlechtere Noten schon gar nicht. Wir brauchen kein allgemeines Anforderungsgemisch, das niemandem etwas nützt und sich irgendwo zwischen ein bisschen etwas und ein bisschen nichts bewegt. Was wir brauchen, ist die gegenseitige Ermutigung (und manchmal auch Ermahnung!) dazu, dass auch ein Einzelner etwas bewegen kann. Dass Liebe am Ende immer alles überwinden wird. Und dass das Erreichen einer Eins uns zu einem Streber macht. Weil wir nach dem bestmöglichen Miteinander, nach den bestmöglichen, allgemeinen Anforderungen streben, unter denen jeder Mensch das Recht auf eine unantastbare Würde hat!

Das passt dazu...

8 Comments

  • Reply
    radattel
    3. Februar 2017 at 13:55

    Ja, das mit der unantastbaren Würde ist ein guter Abschlusssatz, den ich gern als Überschrift über dieses leidliche Zensurenthema setzen würde. Ich frage mich wirklich warum seit schon hundert Jahren Reformpädagogen gezeigt haben, dass es anders gehen kann und wir uns immernoch damit herumschlagen müssen.
    Mit meiner Tochter, die unser deutsches Rechtschreibsystem noch nicht wirklich verinnerlicht hat, übe ich Woche für Woche, wir freuen uns wenn die Fehlerzahl von Tag zu Tag weniger wird, um dann am Ende zu sehen, dass 11 Fehler ( 88 Wörter insgesamt) immer noch eine 4 minus ist. Ist das frustrierend! Was wird da bewertet? Und innerlich sträube ich mich immer noch mit meinem Kind, dass 6 Uhr 30 aus dem Haus geht und nicht vor 15.30Uhr nach Hause kommt zu Hause zu üben! Was macht Schule mit unseren Kindern, auch heute noch! Und wo bleibt da dein wunderschöner Schlusssatz… Alles nicht so schwer nehmen, sage ich heute nach insgesamt 27 Jahren Erfahrung mit Kindern in der Schule( Insgesamt auf alle 3 gerechnet) Man kann so eine vier auch einfach übersehen, so tun als wäre sie nicht da und sich freuen, dass die Fehler immer weniger werden… genießt die schulfreie Zeit, feiert sie und lasst diese Zahlen das sein, was sie sind, Kritzel auf Papier…Herzlich, Marit

    • Reply
      Carolin Schubert
      6. Februar 2017 at 12:56

      Auch, wenn es in meinem Text eher metaphorisch gemeint war, bin ich vollkommen bei Dir: genau diese Entwicklung wird eben nicht abgezeichnet, sie spielt in einem System, das ausschließlich auf Wirtschaftlichkeit ausgelegt ist, keine Rolle. Wie wichtig ist gerade deswegen Unterstützung durch uns als Eltern, positive Bestärkung und immer wieder die Rückmeldung, dass der Wert des Menschen nicht um seiner selbst willen besteht und nicht, weil er bestimmte Leistungen erreicht. Vielen Dank für Deine Gedanken zum Thema, Marit!

  • Reply
    Paola
    3. Februar 2017 at 19:56

    Danke, für die Denkanstöße. Deshalb lese ich hier so gern, weil ich mich dann so gern (kritisch) mit deinen Worten auseinandersetze und das Hirn in Wallung gerät.

    Leider habe ich gerade jetzt nicht so viel Zeit zum Kommentieren, wollte aber für den vorletzten Absatz noch ein ♥ hier lassen, bevor ich es vergesse.

    Liebe Grüße
    Paola

    • Reply
      Carolin Schubert
      6. Februar 2017 at 12:54

      Das freut mich wirklich sehr, Paola! Und danke für Deine Zeit, die Du Dir doch genommen hast!

  • Reply
    Fee ist mein Name
    3. Februar 2017 at 20:57

    <3

    • Reply
      Carolin Schubert
      6. Februar 2017 at 12:54

      :-*

  • Reply
    made with Blümchen
    4. Februar 2017 at 6:16

    Ich mag Deine Definition von Streber so gern, nach etwas streben, genauso sehe ich das Wort auch . Über den Musiktest braucht man wohl kein weiteres Wort verlieren, wie daneben kann Musikunterricht sein, wenn man Daten und Fakten auswendig lernen muss anstatt den Geist der Musik spüren zu lernen. Ihr mach das schon gut so, mit Euren Kindern und überhaupt in der Welt. lg, Gabi

    • Reply
      Carolin Schubert
      6. Februar 2017 at 12:53

      Vielen lieben Dank für das wirklich schöne Kompliment! Was den Musikunterricht angeht: ich kann mich schon auch für Musiktheorie begeistern, nur eben noch nicht in der dritten Klasse :-p.

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