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Das Leben als solches

Das Leben als solches #32 [Die Anti-Glitzer-Kampagne]

Bevor ich Kinder hatte, war ich der felsenfesten Überzeugung, dass Geschmack genauso anerzogen werden kann wie gute Tischmanieren, selbständiges Anziehen und die regelmäßige Betätigung der Toilettenspülung. Ach, was war ich doch naiv in meinem jugendlichen Leichtsinn. Überflüssig zu erwähnen, dass ich nach jeder Mahlzeit den Staubsauger holen muss, dass wir morgens in der Regel in zeitliche Bedrängnis kommen, die nicht ausschließlich daher rührt, dass ich nicht rechtzeitig aus dem Bett gekommen bin, sondern auch daher, dass Anziehen etwas ist, was einen selbst mit beinahe neun Jahren noch vor physisch unüberwindbare Herausforderungen stellt. Und dass ich zu guter Letzt in regelmäßigen Abständen kleine Geschenke vorfinde, wenn ich mich aufs stille Örtchen zurück ziehe. (Wenn sich irgendeiner der Leser bemüßigt fühlt, mir zu bestätigen, dass ich nicht allein diesem Irrtum unterlegen bin – „Hier“ schreien reicht mir schon!)

Aber was den Geschmack meiner Kinder angeht, da habe ich noch nicht aufgegeben. Die Anti-Glitzer-Kampagne ist in vollem Gange! Um das mal vornweg zu schicken: Geschmack ist durchaus etwas Subjektives und ich bin so aufgeklärt und selbstreflektiert, dass mir 1. vollkommen klar ist, dass meine Kinder das, was ich als schön empfinde, noch lang nicht mit mir teilen müssen und dass 2. auch in diesem Bereich meine Erziehungsmachtbereiche eine gewisse Einschränkung erfahren (es sei denn, ich will meinen Kindern beibringen, dass mir egal ist, was sie schön finden. Was ich ja nicht will!).

Ich war ja immer der Auffassung, dass die Regel „Mein Haus, meine Einrichtung, mein Geschmack“ irgendwie selbst erklärend ist. Ihr hört mich seufzen: was war ich naiv in meinem jugendlichen Leichtsinn. Was bei den Kinderzimmern noch ganz gut geklappt hat – ein wenig Überreden hier, ein wenig „ich stell das jetzt einfach hin“ dort und die Räume meiner Kinder sind (oder werden – wir sind ja noch nicht fertig) nicht nur wunderschön, sondern passen auch prima in mein das Gesamtkonzept UND gefallen den Bewohnern – hört spätestens bei der Weihnachtsdekoration auf. Wie ich die letzten Tage lernen musste. Während ich also über einen Weihnachtsbaum sinnierte, der wunderschön in schwarz, weiß und  Naturtönen aussehen würde, während ich so nebenbei bemerkte, dass ich am liebsten nur weiße Herrnhuter Sterne im ganzen Haus aufhängen würde und während ich mir nicht mal sicher war, ob unser diesjähriger Adventskranz die zweite Worthälfte überhaupt verdiente, fingen meine Kinder zunehmend lauter an zu protestieren. Und sie stellen Fragen! Fragen wie: haben wir diese roten Glitzerkugeln noch? Wieviel Weihnachtsschmuck darf in mein Zimmer? Darf ich einen eigenen Weihnachtsbaum IN MEINEM Zimmer aufstellen? Wieso können wir keine Glitzerkugeln kaufen? Was hast Du gegen Glitzer? Warum müssen Sterne weiß sein? Warum dürfen wir keinen Glitzer???

Guter Rat ist teuer, so sagt man. Ich sage: guter Rat heißt Eltern-Schmu: die roten Kugeln, die ich tatsächlich noch in den Tiefen der Weihnachtskiste gefunden habe, sind wundersamer Weise leider zu Bruch gegangen, der rot-weiße Herrnhuter Stern hat leider keine funktionierende Glühbirne mehr und alle, was glitzert, war dieses Jahr leider schon ausverkauft. Natürlich plagt mich auch das schlechte Gewissen. Ich versuche es damit zu beruhigen, dass die Kinder einen eigenen Weihnachtsbaum haben dürfen – den auch nur sie schmücken. Ganz allein! (Mit farblich abgestimmten Kugeln und Anhängern, die ich vorher bestellt habe…)

Das passt dazu...

14 Comments

  • Reply
    Claudia
    25. November 2016 at 13:16

    So gut im Griff hab ich das leider nicht. Unser Tannenbaum wird dieses Jahr wieder in den allerschlimmsten grellen bunten Farben und Glitzerstufen erstrahlen die man sich nur denken kann. Mein Mann war mit den Kindern letztes Jahr im Baumarkt und sie durften frei entscheiden. Die drei fanden meinen Baumschmuck (Naturfarben und weiß) zu farb- und glanzlos. Er leidet übrigens an Rot-Grün-Schwäche und ist sich des ganzen Ausmaßes wohl gar nicht bewusst. Und aus Plastik sind sie auch noch. Karton fallen lassen bringt mich also auch nicht weiter.

    • Reply
      Carolin Schubert
      25. November 2016 at 13:23

      Hahaha, ich leide mir Dir!! Vielleicht findet sich ja doch noch eine Lösung?

  • Reply
    Manuela
    25. November 2016 at 18:57

    Also erstmal ein ganz lautes HIER! Leider ist es so, dass im Haushalt mit 4 „Männern“ diese kleinen Geschenke recht häufig zu finden sind. 😛 Dafür aber ist Glitzer bei uns kein Thema! Juhuuuuu! Den Männern ist es auch irgendwie vollkommen egal welche Farbe die Kugeln haben. Selbst das unser Wohnzimmer in zartrosa erstrahlt ist ihnen irgendenwie egal (dazu natürlich zartrosa Kugeln, aber KEIN Glitzer!) Dafür allerdings muss ich in den Zimmern der Kinder so einiges ertragen. Fußballschals an den Wänden sind dabei die Dekoartikel die noch am wenigsten schlimm sind. Mein ältester ist nun 14 und ich fürchte lange wird es nichr mehr dauern und dann klebt nackte Haut an der Wand. Dafür aber ist der Fußboden unter dem Eßtisch langsam wieder sauberer… immerhin. 😉

    • Reply
      Carolin Schubert
      29. November 2016 at 11:10

      Uhhhhh, Fußballschals sind tausend Mal schlimmer als Glitzer – Du hast eindeutig mein Mitgefühl, hihi!

  • Reply
    Elke
    25. November 2016 at 21:50

    Jajaaaaaaaa. Die mütterlichen Pinterest verseuchten (tschuldigung, „inspirierten“) minimalistisch anmutenden und Ruhe ausstrahlenden Vorstellungen findet man auch in mir. Die Außenwelt sieht so aus:

    -Weihnachtsbaum sucht der Mann mit den Jungs aus und sieht gerne, sagen wir mal „asymmetrisch“ aus
    – die Weihnachtskiste wird vom Dachboden geholt. Zwischen zerbrochenen Kugeln lagern noch die in der Kita und Grundschule gebastelten Weihnachtsbehänge, die jedes Jahr wieder „unbedingt“ an den Baum gehängt werden müssen
    – pinke Glitzerkugel, neben von Kinderhand gebasteltem Pappstern mit aufgeklebtem Weihnachtspapier in dunkelgrün und rotem Filz, Strohstern von Großmutter und beflockte Ikea Kugeln in 5 verschiedenen Farben (kräftigen Farben) gespickt mit silbernen Kugeln in Sternform (?)

    Unser Weihnachtsbaum ist vermutlich der Anti-Weihnachtsbaum jeder wie oben beschriebenen Mutter und trotzdem oder deswegen ist Weihnachten jedes Jahr wieder schön.
    Sei nicht so streng mit deiner Familie 😉

    Deine Formulierungen sind mal wieder toll. Danke.
    Liebe Grüße,
    Elke

    • Reply
      Carolin Schubert
      29. November 2016 at 11:09

      Hahahaha, Elke, so herrlich, mein Mann und ich haben uns kaputt gelacht – und natürlich die ganze Zeit wissend mit dem Kopf genickt!! Is eh klar, oder? 😀 Vielen Dank für Deine lieben Worte!

  • Reply
    Brina
    25. November 2016 at 22:12

    Wieso soll es dir denn bitteschön auch anders gehen?? ❤️️

    • Reply
      Carolin Schubert
      29. November 2016 at 11:08

      Hahahahaha :-* #glitzerrules #momgirlsvereinigung

  • Reply
    Ani Lorak
    25. November 2016 at 23:13

    HIER! Auch ich träume von einem weißen oder silbernen Adventskranz – aber nein hier dominiert rot. Auch nett. Glitzer und so ein Kram lässt sich auch nicht vermeiden und Geschmack – mittlerweile geht es. Aber was haben meine Freundinnen über meine Tochter gelacht, die einfach eine Tussi ist… Bereits die Wickeltasche wurde als Tasche durch die Gegend beim Robben, Krabbeln geschleift. Rock, Kleid ein Muss. Vor 2 Jahren mit 5 das Diktat: Mama – Du musst Dich schick machen: Kleid – Papa, Du ziehst einen Anzug an… Mann oh Mann. Seitdem habe ich Verständnis für Mütter die mit einem explodierten pink unterwegs sind… Herrlich – bist nicht allein – wir sind viele.

    • Reply
      Carolin Schubert
      29. November 2016 at 11:11

      Hahahaha, man kann gegen die angeborene „Tussi“ einfach nichts machen, oder? Meine Jüngste verkleidet sich am liebsten auch als Prinzessin mit viel Chichi – aber soll sie, das muss so als Kind!

  • Reply
    Astridka
    26. November 2016 at 11:11

    Wird die Welt einen Deut besser, wenn man sich gegenüber den Kinder mit seinen puristischen Vorstellungen durchsetzt?
    Das frage ich mich angesichts der Veränderungen in dieser Welt, ganz ernsthaft.
    Und führt nicht vielleicht „Glitzerentzug“ im Erwachsenenalter zu irrationalen Sehnsüchten wie Tattoos oder Schlauchbootlippen, Alufelgen und ständigem Fliegen/Fliehen in exotische Breiten?
    Stattdessen würden hier Menschen gebraucht, auch in Zukunft, die nicht nach autokratischen Führerfiguren lechzen, die sagen, wo es lang geht ( was ja momentan die vorherrschende Tendenz in unserer Welt zu sein scheint ).
    Also, gib den Kindern eine Chance….
    LG
    Astrid

    • Reply
      Carolin Schubert
      29. November 2016 at 11:07

      Astrid, ganz ernsthaft: nur, weil ich keinen Glitzer in meiner Deko mag, lasse ich mir weder automatisch meine Lippen aufspritzen noch meine Arme oder andere Körperteile tätowieren. Und auch meine Kinder „lechzen nicht nach autokatischen Führerfiguren“, sondern können ganz prima ihre eigene Meinung vertreten – und die wird hier genauso prima gehört!
      Manchmal darf man ironische Texte auch ganz einfach so lesen, wie sie gemeint sind…

  • Reply
    dörte
    27. November 2016 at 22:44

    Oh, ich breche eine Lanze für den Glitzer. wenn auch noch gar nicht so lange… meine Mama ist neulich aus einigen Wolken gefallen darüber 😉 aber ich lebe jetzt einfach eine eigene Glitzerphase aus, fröhlich unterstützt und befeuert von meinen Töchtern, von denen auch nur eine volle Kanne Mädchen ist. Unser Adventskranz ist zwar auch schön schlicht.. grün mit weißen Kerzen. Aber dazu weiße Glitzervögel, yeah! Und der Weihnachtsbaum wird geschmackvoll bunt mit viel DDR-Gedöns noch aus meiner Kindheit und vielem neuen Geglitzer und davor strahlende Kinderaugen. Nur der Hund macht mir Sorgen, es ist ihr erstes Weihnachten… Nicht, dass mein ganzes Geglitzer ihr zum Opfer fällt.
    Ein Kleines noch zum Abschluß: ich habe neulich einen so schönen Spruch gelesen und trag ihn seitdem die ganze Zeit in meiner Seele mit: „Auf dem Boden der Tatsachen liegt viel zu wenig Glitzer.“
    Aber auf deinen Baum bin ich trotzdem gespannt 🙂
    Gruß, Dörte

    • Reply
      Carolin Schubert
      29. November 2016 at 11:13

      Oh Dörte, das gefällt mir richtig gut: „Auf dem Boden der Tatsachen liegt viel zu wenig GLitzer.“ Das schreit nach Poster! Ich würde sagen, Deine Lanze wurde mit Erfolg gebrochen! 😉

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