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Das Leben als solches

Das Leben als solches #31 [Kissenschlacht oder: die Macht von Schlafliedern]

Wenn man keine Kinder hat, kann man sich – Gesundheit und ein entsprechendes Schlafverhalten vorausgesetzt – nicht vorstellen, dass sich eben jener Zustand des „gesunden Schlafens“ (sprich: mindestens 8 Stunden am Stück, ohne Unterbrechung und am Wochenende mindestens bis 10 oder 11 Uhr) einmal mit der Ankunft des ersten Kindes so drastisch ändern könnte, dass jeder Drillmaster kleinlaut seinen Hut ziehen und „mimimimi“ stotternd auf seinen durchtrainierten Waden das Weite suchen würde. Mit den Jahren (und der wachsenden Zahl an Kindern) wird man also Profi-Schlafverzichter. Man entwickelt außerdem eine enorme Kompetenz darin, sich mit geschlossenem Augen durch die gesamte Wohnung zu bewegen, während man Gläser mit Wasser holt, das Kuscheltier sucht (ohne das Licht anzuschalten!), die Bettdecke 2-20 Mal wieder aufs Bett und das inzwischen frierende Kind legt und dem Kind außerdem versichert, dass zwei Uhr nachts noch nicht „lang genug geschlafen“ ist (und vier Uhr und fünf Uhr auch nicht).

Die geschlossenen Augen sind übrigens aus folgendem Grund wichtig: mit jedem Millimeter, den man die Augen öffnet, verpufft proportional die Chance, sofort mit Berühren des Kopfkissens wieder einschlafen zu können. Was zur Folge hat, dass sich die Abstände zwischen eben beschriebenen Aktivitäten enorm verkürzt. Also noch weniger Schlaf, noch dunklere Augenringe, noch mehr Zombie am nächsten Morgen.

Was tut also das Leid geplagte Elternteil wie ich eines bin? Es sucht nach Hilfe. An Ratgebern aller Couleur mangelt es in diesem Bereich nicht – aber was sind schon Bücher und Zeitschriften gegenüber Generationen weiter vererbter Rituale? Nehmen wir beispielsweise das Schlaflied. Da Musik ja generell eine beruhigende Wirkung hat und Vorsingen nicht nur den Sänger, sondern auch den Hörer in vielerlei Art und Weise bildet, kann man mit dieser Methode nur gewinnen. Ich habe also die letzten Jahre einen enzyklopädischen Vorrat an traditionellen Kinder- und Schlafliedern in meinem Kopf angesammelt, der sich je nach Bedarf der Jahreszeit, den persönlichen Vorlieben meiner Kinder oder dem Grad der eigenen Müdigkeit anpassen lässt.

Mir schien, ich hatte den schlaferzieherischen Gral gefunden: meine Kinder lieben Musik, ich singe gern – Problem gelöst!

Nun gibt es jedoch ein paar Dinge, die ich in dieser ganzen Angelegenheit nicht bedacht hatte. Ich möchte es auf Unwissenheit, mangelnde Erfahrung, naive Ignoranz oder Pech zurück führen – auf jeden Fall will ich meine einschlägigen Erfahrungen nicht für mich behalten. Auf das andere gewarnt sein mögen, dass der Gral durchaus ein paar Schrammen bekommen könnte.

1. Kinder glauben, was Du sagst. Und wenn ich sage „Ich sitze an Deinem Bett und singe, bist Du eingeschlafen bist“, kann das zu einem echten Problem werden. Dann nämlich, wenn das Kind – weil es das Lied doch so schön findet und so gern zuhört – partout nicht einschlafen kann. Also singt man weiter, das Kind hört zu, obwohl es schlafen soll – ein Teufelskreis.

2. Kinder lieben die Wiederholung. Das Gute daran ist, dass man sich für jedes Lied maximal die ersten beiden Strophen merken muss. Der Nachteil liegt klar auf der Hand und ist nach 50 Mal „Häschen in der Grube“ singen dem Wahnsinn sehr nah.

3. So schön das Vorsingen zum Einschlafen ist – mitten in der Nacht nützt es Dir nichts. Keine Stimme, keine Erinnerung an auch nur eine Textzeile und zudem noch andere Kinder, die man unter gar keinen Umständen wecken will. Da hilft dann maximal noch rhythmisches Brummen und Hoffen, dass das Kind nichts merkt.

4. Musikalische Kinder sind ab einer gewissen Textreife ein ernst zu nehmendes Problem. Denn sie wollen mitsingen! Was Punkt 1 auf eine ganz neue Ebene hebt.

5. So, wie Kinder die Wiederholung lieben, so sehr hängen sie auch an Ritualen und Traditionen. Was zur Folge hat, dass auch Kinder, von denen man dachte, sie seien dem Schlaflied entwachsen und bereits kurz vor der einsetzenden Pubertät, darauf bestehen, musikalisch ins Bett gewiegt zu werden.

6. Da Musik ja nicht nur eine beruhigende Wirkung auf den, der zuhört, hat, sollte man sein Liedgut stets dem eigenen Verfassungszustand anpassen. So ist man in der Lage, auch im zwischenzeitlich über einen gefallen Halbschlaf ohne Unterbrechung weiter zu machen.

7. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wenn man irgendwann feststellt, dass das Bett, an dem man mit geschlossenen Augen singt, nicht das des Kindes, sondern das eigene ist. – don’t panic! Irgendwann war der Partner schließlich auch mal ein Kind.

Das passt dazu...

10 Comments

  • Reply
    Molas
    28. Oktober 2016 at 11:54

    🙂
    wie wahr.
    Lg Iris

    • Reply
      Carolin Schubert
      28. Oktober 2016 at 14:31

      🙂

  • Reply
    made with Blümchen
    28. Oktober 2016 at 14:15

    Ich lach mich kringelig – sehr nett geschrieben! Meine Kinder sind nun wirklich schon zu groß für Schlaflieder, und der Große ist eher schon im „erwachsenen Schlafverhalten ohne Kinder“: mindestens 8 Stunden am Stück, ohne Unterbrechung und am Wochenende mindestens bis 10 oder 11 Uhr – schläft er. Bei der Kleineren kann das auch nicht mehr lange dauern. 🙂 Sprich: Auch der elterliche Schlafmangel ist eine Phase, wie so vieles bei Kindern. Ich sehe aber ein, dass es nichts nutzt, von den Phasen zu wissen, wenn man sich erst am Anfang oder vielleicht auch in der Mitte besagter Schlafmangel-Phase befindet und noch Jahre um Jahre vor sich sieht. Nur Mut! Es geht alles vorbei. Dann setzt nahtlos die senile Bettflucht bei einem selber ein. lg, Gabi

    • Reply
      Carolin Schubert
      28. Oktober 2016 at 14:29

      Hahahahaha, die senile Bettflucht klingt auch nach nichts, auf das ich mich freuen sollte :-p.

  • Reply
    Ani Lorak
    28. Oktober 2016 at 18:53

    Wahre Worte. Bei uns will der Große – bald 12 – immer noch nach oben begleitet werden, d. h. wir sagen unten Gute Nacht und dann gehen wir nochmal hoch (Mama und Papa) zum Gute-Nacht-Sagen. Unsere Tochter hört lieber was statt sich vorlesen zu lassen, nicht immer – aber immer öfter. Tja – und dann kriechen sie doch lieber in Ihr Bett und sind nur selten Gast. Mit 43 warte ich dennoch auf – im Alter braucht man weniger Schlaf – glaube ich so nicht… Denke, jetzt gibt es ein paar ruhige Jahre und dann so in 3 Jahren – ist man wieder auf, weil Kinder beginnen flügge zu werden… Hach!

    • Reply
      Carolin Schubert
      28. Oktober 2016 at 19:09

      Stimmt! Da muss man dann einen neuen Text schreiben: wie man sich die Nacht um die Ohren schlägt, weil die Kinder nicht nach Hause kommen ;-).

  • Reply
    Petra
    28. Oktober 2016 at 20:04

    Das Problem beginnt auch damit (wie bei mir), dass sich manch ein übermotivierter Erwachsener (wie ich) selbst ein maßgeschneidertes Schlaflied ausdenkt. Das kann dann kein anderer und ich muss immer ran!!! Hätte mir das nicht jemand sagen können vor 15 (!) Jahren? Denn: selbst das älteste Kind besteht nach wie vor auf das Lied. Hmmm…

    • Reply
      Carolin Schubert
      31. Oktober 2016 at 10:53

      Hahahahaha, ich lach mich schlapp – das ist so herrlich!! Danke für Deinen Kommentar!

  • Reply
    Sabine
    31. Oktober 2016 at 8:35

    Ich grins mir grad einen ab. Sowohl beim Lesen Deines Textes wie auch beim Lesen der Kommentare. Zwei Arbeitskolleginnen werden in den nächsten Monaten zum ersten Mal Mutter. Ich schick ihnen den Text gleich weiter.
    Danke für den guten Start in die Woche. (ich habe es halt erst jetzt gelesen…)
    Lieber Gruss, Sabine

    • Reply
      Carolin Schubert
      31. Oktober 2016 at 10:53

      Hahahaha, oh weh – die Armen! 😀

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