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Das Leben als solches

Das Leben als solches #30 [der erwachsene Spaziergang]

Ich las neulich in einer Zeitschrift, dass man den Grad des Erwachsenseins daran erkennen könne, dass man freiwillig, gern und ziemlich viel spazieren ginge. Ich bin geneigt, dieser Theorie, wenn auch mit einigem Erschrecken, Glauben zu schenken.

Es ist ja nicht so, dass ich mich in einem Zustand noch nicht erreichten Erwachsenseins nicht auch gern bewegt hätte. Oder anders ausgedrückt: ich bin schon immer gern gelaufen (im Sinne von gehen, nicht joggen. Nicht, dass der geneigte Blogleser sich auf einmal stirnrunzelnd bemüßigt sieht, meine Authentizität angesichts meiner Sport-Bekenntnisse vor einiger Zeit zu hinterfragen). Aber spazieren gehen? Allein diese Wortkombination war das Grauen meiner Kindheit. Mein Papa, seines Zeichens und noch in gesundem Zustand ein ausgesprochen ausdauernder und passionierter Spaziergänger kombinierte diese Vorliebe gern mit einer Obsession für den Grünefelder Park (als offenbar Erwachsener verstehe ich das natürlich – und es ist tatsächlich wirklich sehr schön dort – als Kind und alles, was man so dazwischen ist, war dieser Park sozusagen das Codewort des Grauens). Ich habe mir im tiefsten Inneren meines Herzens immer geschworen, dass ich niemals nicht meine zukünftigen Kinder einer solchen Tortur unterziehen werde: langsames Gehen, gelegentliches Stehen bleiben, andächtiges Kopfnicken, staunend in die Natur blicken und zustimmende Brummgeräusche von sich geben, gefolgt von weiterem langsamen Gehen.

Nun bin ich also selbst Mutter von drei Kindern und, oh Wunder: keines dieser drei prächtigen Geschöpfe fällt in ekstatische Freude, wenn ich verkünde, dass wir mal „eine Runde raus gehen wollen“. Ich dachte, ich bin cleverer als meine Eltern und verpacke das Ganze in eine Art unverfänglichen Euphemismus – wenn man das so sagen kann. Immerhin kann so eine Runde überall stattfinden, man kann langsam oder schnell gehen, sogar rennen ist erlaubt. Es könnten sich „draußen“ Spielplätze oder andere kind-attraktive Dinge wie Eisdielen befinden und so gesehen ist „eine Runde raus gehen“ in meinen Augen die neutral und zugleich hippste Formulierung des ganzen „sich an der frischen Luft bewegen“-Vorgangs, die ich finden konnte.

Meine Kinder sind aber schlau und ich anscheinend eine viel weniger hippe Mutter, als ich zunächst dachte. Der Erfolg, dieses ganze anscheinend doch sehr erwachsene Phänomen auf ein allgemein akzeptiertes Familienniveau zu regulieren, ist mittelprächtig bis gescheitert. Eventuell teilt ja der ein oder andere mit mir die Erfahrungen bis zur Geh-Untauglichkeit schmerzender Füße kurz nach Verlassen der Haustür,  unproportional verteilter Wechsel zwischen Gehen und Pausen (ersteres sehr langsam und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 0,5m pro Stunde, letzteres mit einer Mindestdauer von 15-60 Minuten pro Stück), kiloweise verzehrter Pausenbrote und anderer Snacks (obwohl das Mittagessen gerade mal eine läppische halbe Stunde zurück liegt) oder unkontrollierter Schrei- und Kreischanfälle.

Die leise Stimme in meinem Kopf, die mir einreden will, dass ich als Mutter, als Erwachsener und als leidenschaftlicher Spaziergänger auf ganzer Linie versagt habe, bringe ich mit raumgreifendem Aktionismus zum Schweigen: ich werde zum Profi-Hochleistungsspaziergänger, sobald die Kinder nicht da sind. Was ja durchaus, wenn auch nicht allzu häufig, vorkommt. Ich spaziere mir sozusagen ganz erwachsenen einen kilometerlangen Vorrat an Bewegung und Sauerstoff an, brumme wie wild und ganz allein für mich in der schönen Natur herum und rede mir dabei ein, dass bei so viel sozial angewandtem Verständnis doch nicht alle Schwüre auf der Strecke geblieben sind.

Das passt dazu...

3 Comments

  • Reply
    Manuela
    7. Oktober 2016 at 19:27

    Tja wie sagt man, dann bin ich wohl eine alte Seele und mein Ältester auch. Wir gehen tatsächlich gerne spazieren. Unser Mittlerer und der „Herr des Hauses“ wollen aber noch erwachsen werden. Naja, wir alten Seelen gehen derweil schonmal ne Runde alleine. 😊

    • Reply
      Carolin Schubert
      8. Oktober 2016 at 11:00

      Das finde ich schön – eine alte Seele! Klingt doch im Grunde nach sehr viel Spaziergangs-Weisheit, was? 🙂

  • Reply
    Petra
    24. Oktober 2016 at 11:32

    Hi,
    also ich sag einfach: „Lasst uns zu einem Spielplatz eurer Wahl gehen!“ Da diese nicht in unserer Nähe sind (ich kenne ja die Lieblingsspielplätze der Kinder), gehen wir eben „notgedrungen“ bis dahin und später auch wieder zurück spazieren. 🙂
    Verändere deine Formulierungen und wecke die Wünsche und Sehnsüchte der Kinder! Schon ist deine Hauptbeschäftigung ihre kaum bemerkte Nebenbeschäftigung und alle sind´s zufrieden.

    LG
    Petra

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