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Nachgedacht und aufgeschrieben

Sitzen, wo man steht

Manche Texte muss man einfach ganz spontan schreiben. Weil es im Kopf dieses berühmte Ping gibt, das vom Herzen nach oben gewandert ist und nicht nur in die Seele, sondern in Worten auch in die Welt muss. So ging es mir, als ich heute morgen die Fotos von unserem gestrigen Sonntagsspaziergang bearbeitet habe.

Am Wochenende gab es am Döser Strand, in der Nähe der Kugelbake – dort Treffen sich Nordsee und Elbe – ein Kitesurf-Event, welches wir uns gern ansehen wollten. Die Leidenschaft dafür – nicht in Aktion, sondern die im Herzen (#surfergirlbyheart) – habe ich an meine Kinder, zumindest aber an meine Töchter vererbt. Als wir also nach einer riesigen Runde entlang der Grimmershörn-Bucht ankamen, schauten wir zu, wie die Surfer das ankommende Wasser nutzten, den Wind im Drachen, und ihr Können präsentierten. Während Alva damit beschäftigt war, den Sand zu untersuchen und sich Jona kurzerhand in den Fahrradhänger verzog, setzte sich Thea einfach dort hin, wo sie stand: mitten in den Weg, mitten in den Sand – völlig selbstverständlich und total entspannt. Ich habe mir immer geschworen, dass ich nie eine von diesen „Pass bitte auf, Deine Jacke wird schmutzig“-Müttern werde (#fail!) – in diesem Moment war ich das erste Mal tatsächlich froh, dass mein Kind meine Mahnungen in den Wind schoss. Denn etwas Seltsames passierte, als ich mein sitzendendes, glücklich grinsendes Kind anschaute (und fotografierte): die ganze Müdigkeit der letzten schlechten Nächte, die Anspannung, die ich den ganzen Tag mit mir trug, sie fiel einfach von mir ab. Als hätte mein Kind alles mit nach unten genommen – mich wortwörtlich geerdet.

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Einfach dort hinsetzen, wo Platz ist, dort sein, wo ich stehe, genau dort glücklich werden, wo ich gerade bin – das Ping, das ich bei diesem Foto hörte, wird laut und lauter. Das Leben ist nicht immer einfach und verlangt einiges an Verantwortung von uns. Um im Bild zu bleiben: die Jacke wird schmutzig, der Boden ist zu kalt, das Kind könnte sich erkälten, man sitzt im Weg. Das Vertrauen, dass alles genau so ist, wie es sein soll, dass sich alles exakt an seinem Platz befindet und man von dort aus die beste Sicht auf sein Leben hat, wird überlagert von den Wenns und Abers, von dem, was in die falsche Richtung gehen könnte, von dem, was wir nicht wissen und abschätzen können. Und während wir dieser Verantwortung nachkommen wollen, vergessen wir einfach dort zu sitzen und aufs Wasser zu schauen. Wir vergessen, dass die Jacke waschbar ist, die Sonne scheint und damit der Boden warm ist und zum sitzen einlädt, wir genug Platz gelassen haben, so dass andere drum herum gehen können. Wir vergessen, dass wir nicht verantwortungslos werden, nur weil wir sitzen, wo wir stehen. Und stehen, wo freie Sicht ist. Wir vergessen, dass wir nur geerdet werden, wenn wir anhalten, anstatt permanent in Bewegung zu sein. Und dass die Bewegung manchmal die Aufgabe der anderen und nicht unsere eigene ist.

Ich will dieses Bild behalten – nicht nur das Foto (das kommt in einen Rahmen, hier in mein Arbeitszimmer!). Ich will das Ping hören, um es anschließend mit den Drachen in den Wind zu schießen. Und entspannt im Sand zu sitzen, weil genau dort gerade der richtige Platz ist.

Kommt gut in die neue Woche!

Eure Carolin

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5 Comments

  • Reply
    Petra
    19. September 2016 at 13:43

    DANKE!
    Ganz genau so muss es sein. Ich werde mich wieder erinnern! Denn du hast recht! Wir haben Waschmaschinen und können froh über glückliche Kinder und Momente sein! Jawohl.

    LG Petra

  • Reply
    Sabine
    19. September 2016 at 14:10

    Schön geschrieben! Und mit Bildern im Kopf erinnert man sich ja oft besser an gute Vorsätze. Und wenn diese Bilder nicht nur im Kopf sondern auch noch schön gerahmt sind umso besser!
    Dir auch einen guten Wochenstart!
    Lieber Gruss
    Sabine

  • Reply
    Antje
    19. September 2016 at 18:20

    Ich liebe Deine Texte, Vielen Dank! Du bringst es auf den Punkt!
    Viel Grüße Antje

  • Reply
    Steffi
    20. September 2016 at 10:12

    Was für ein wunderbarer Text!! Und wie recht du hast… Ich werde versuchen, dein PING immer mal in mir zu hören und die Aussicht zu genießen. 🙂

    Liebster Gruß
    Steffi

  • Reply
    Katharina Richter
    20. September 2016 at 17:08

    Hach, ja, genau getroffen mitten ins Herz. Danke, liebe Grüße, Katharina

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