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Das Leben als solches

Das Leben als solches #29 [Das Recht, glücklich zu sein]

Anmerkung: Dieser Text liegt schon eine ganze Weile herum, mir scheint, heute ist der geeignete Tag zur Veröffentlichung. Denn durch den furchtbaren Anschlag in Nizza lese ich erneut, was mich die letzten Monate immer und immer wieder regelrecht umspült: die Frage danach, wie fröhlich/glücklich/sorglos wir an solch einem Tag eigentlich sein dürfen… Ich habe mich auf die Suche nach einer Antwort gemacht.

Mir ist es in letzter Zeit öfter passiert, dass ich in Momenten, in denen ich mich glücklich fühlte, plötzlich innehalten musste. So erst neulich morgen. Ich war unterwegs, meine Sportrunde drehen. Und während ich mein Fahrrad durch die Heide schob – ich hatte irrtümlicherweise einen Reitweg befahren und musste nach einiger Zeit umkehren – blickte ich in den strahlend blauen Himmel und dachte, was für ein Glück ich doch habe. Und dann kam er, der Zweifel, beinahe stehenden Fußes. Wieso habe ich eigentlich das Recht, glücklich zu sein? Ist das richtig, angesichts dessen, was uns im Weltgeschehen aktuell so umgibt? Natürlich gab es Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen auch schon früher, aber zu keinem anderen Zeitpunkt war die Welt so vernetzt und global miteinander im Kontakt. So gesehen fühlt sich auch jedes Unglück an einem anderen Ort eindringlicher, weil näher an. Habe ich also das Recht, mich über den blauen Himmel zu freuen, darüber, dass ich die Freiheit besitze, zu tun und zu lassen, was ich jetzt gerade will? Wie ist das für eine junge Frau in einem anderen Land, das durch ein totalitäres Regime unterdrückt wird, für eine junge Mutter, die nicht weiß, wie sie ihre Kinder den nächsten Tag ernähren soll, für Menschen, die durch eine verzerrte Weltsicht Anderer ihre Liebsten verloren haben? Schauen sie auch in den blauen Himmel und sind glücklich?

In einem Film wurde einmal auf diese Frage die Gegenfrage gestellt, welches Recht man denn habe, unglücklich zu sein. Eine ziemlich schlaue Frage, wie ich finde. Ich habe versucht, mir vorzustellen, was ich in umgekehrter Situation empfinden würde. Würde ich wollen, dass der andere unglücklich ist, nur, weil es mir nicht gut geht? Irgendwie absurd. Klar, ich würde mir wünschen, dass mein Gegenüber wahr- und ernst nimmt, was bei mir los ist und was nicht stimmt. Aber dass er selbst sein Glück leugnet? Nein, das würde ich nicht richtig finden. Im Gegenteil!

Ich frage mich, wie denn dann das richtige Verhältnis zum glücklich sein aussehen muss und begebe mich auf die Suche.

Das Recht, glücklich zu sein

Recht bedingt ja eine ausführende Instanz, insofern es nicht nur die abstrakte Idee von etwas ist, was eine Gemeinschaft als allgemeingültig versteht. Wenn ich das Recht auf etwas habe, dann kann ich auch dagegen vorgehen, sollte ich nicht zu meinem Recht kommen. Es muss eine verantwortliche Stelle dafür geben, die mir bei der Erreichung des mit dem Recht verbundenen Ziels hilft. Aber was für eine Instanz soll das in Bezug auf Glück sein? Und in Bezug zu was stelle ich meinen Anspruch? Immer wieder lese ich, dass der Erfolg, glücklich zu werden, einzig und allein in uns selbst liegt. Wir tragen die Verantwortung dafür. Die Rechnung ist ziemlich einfach: man gibt ein gewisses Maß an Arbeit und Anstrengung hinein und bekommt eine entsprechend große Portion Glück oder Erfolg heraus. Die ausführende Instanz bleibt man einfach selbst, man muss sich und sein Glück gar nicht erst aus der Hand geben.

Ich halte diese Sichtweise für gefährlich. Aus dem einfachen Grund, weil das Leben aus mehr als nur dem besteht, was ich hinein gebe. Das Problem an dieser Rechnung ist nämlich, dass sie zwar auf dem Papier funktioniert, uns aber nur „Recht gibt“, so lange sich die einzelnen Komponenten nicht verändern. Aber was ist mit Krankheit, Arbeitslosigkeit, Krieg, unvorhergesehen Katastrophen, mit dem Tod? Was ist, wenn ich tue und mache und alles versuche – und am Ende nichts bleibt als ein furchtbarer Trümmerhaufen? Habe ich dann versagt, habe ich dann kein Recht darauf, glücklich zu sein? Es muss eine Alternative geben!

Das Privileg, glücklich zu sein

Auf der Suche nach einem anderen Begriff bin ich bei Privileg hängen geblieben. Aber umfasst es das wirklich? Privilegien kann man sich erarbeiten, man kann sie sich verdienen. Das kennt man aus seinem sonstigen Lebensumfeld ja auch: Prämien für besonders gut geleistete Arbeit, ein Firmenwagen, vielleicht Urlaub auf Firmenkosten – mit genügend Einsatz und Anstrengung kann man es durchaus zu Dingen bringen, die einem die extra Dosis Glück verschaffen können. Man braucht natürlich den passenden Beruf, die passende Stelle, unter Umständen die passenden Beziehungen – nicht jeder wird in der Lage sein, sich diese Privilegien erarbeiten zu können.

Privilegien können auch unverdient auf einen zukommen – dann nämlich, wenn sie den Umständen geschuldet sind, in denen wir uns befinden, auf die wir aber keinen Einfluss haben. Wenn wir von Privilegien reden, braucht man zum glücklich sein also ganz schön viel Glück. Was ich, wenn ich wiederum Pech habe, aber nie erfahren werde. Die Konsequenz wäre ein glücklich sein, was absolut abhängig vom Glück der äußeren Umstände wäre – und mit solch einer engstirnigen Arroganz will ich nicht auf das Leben schauen.

Ich suche also weiter.

Das Geschenk, glücklich zu sein

Wenn der Zustand des glücklich seins möglichst unabhängig von meiner eigenen Leistung existieren und ebenso unabhängig von meinen von mir wenig beeinflussbaren Umständen aufrecht erhalten bleiben soll, von was ist seine Existenz dann überhaupt abhängig? Ich komme zu folgender Lösung: glücklich sein kann nichts anderes als ein Geschenk sein. Nur so kann es schließlich überhaupt möglich sein, dass besagte junge Mutter auch im Angesicht einer Hungersnot Glück empfinden kann (und auch, wenn ich noch nie in so einer Situation war, möchte ich jedem Menschen per se unterstellen, dass er die Möglichkeit hat, glücklich zu sein) oder die junge Frau ein gleiches oder ähnliches Gefühl wie ich empfindet – trotz völlig konträrer Lebensumstände. Und nur so kann ich mir überhaupt vorstellen, dass man nach dem unsäglichen Verlust der eigenen Kinder wieder nach vorn schauen, an eine Zukunft denken, glücklich sein kann.

Geschenke anzunehmen fällt uns ja nicht immer leicht. Dass uns jemand einfach so etwas gibt, ohne dass wir dafür arbeiten müssen – das können wir nicht so recht glauben, suchen das Hintertürchen, die faule Stelle an der paradiesischen Frucht. Ich glaube, das liegt daran, dass mit der Annahme eines solchen Geschenkes die große Aufgabe einhergeht, grundsätzlich anzunehmen und darauf zu vertrauen, dass der andere es gut mit uns meint, das er uns liebt, dass er weg von sich und nur zu uns schaut. Stellt Euch eine Welt vor, in der es genauso ist. In der glücklich sein bedeutet, dass wir weg von uns uns und zu den anderen blicken! In Zeiten globaler Vernetzung lese und sehe ich viel globale Solidarität. Das ist schön, das ist der richtige Anfang. Es bedeutet, dass sich der Fokus von uns auf den anderen verlagert. Um ihnen zu ermöglichen, glücklich zu sein – trotz widriger oder grausamer Umstände. Es bedeutet aber nicht, dass wir vorurteilen, dass wir nichts Gutes mehr sehen, dass wir gelähmt und verängstigt sind oder das Leid der anderen zu unseren ausschließlichen Gefühlen machen sollten. Glücklich sein ist ein Geschenk, das man teilen und weiter geben kann – ja, sogar muss! Denn ein Geschenk beinhaltet das Privileg, etwas zu bekommen und weiter geben zu können, was der andere nicht hat, aber braucht. Und es beinhaltet das Recht, den Inhalt des Geschenkes uneingeschränkt zu nutzen und einzusetzen. Das sollten wir tun!

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3 Comments

  • Reply
    die Sammlerin
    16. Juli 2016 at 7:30

    Das Gefühl Glück zu haben, ist ein sehr individuelles. Ich bin seit langem erwerbslos und möchte unbedingt wieder arbeiten. Trotzdem empfinde ich die Zeit, die ich für meine vier Kinder geschenkt bekam – eben weil nicht arbeiten gehe – als ein Geschenk und als Glück. Als die drei Großen klein waren, habe ich im Schnitt 12 Stunden gearbeitet. Dadurch hatte ich nie das Gefühl, genügend Zeit mit meinen Kindern verbringen zu können. Das ist bei der Kleinen in den letzten Jahren anders. Ich empfinde diese Zeit als großes Geschenk und Glück, auch wenn im Hintergrund große Probleme „lauern“.
    Danke für diesen schönen Beitrag.

  • Reply
    FashionqueensDiary
    17. Juli 2016 at 9:28

    Toller Text und ich muss sagen, dass ich deine Gedanken absolut nachvollziehen kann. Vor allem: ja, es ist schrecklich was „da draußen“ in der Welt gerade passiert, aber wenn sich davon alle nieder machen lassen und mit heruntergezogenen Mundwinkeln durch die Gegend laufen, ist es doch genau das, was die bezwecken wollten: dass die Welt vergisst, wie schön das Leben sein kann – ohne Kampf, Kriege und Leid…so schlimm es auch ist…

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    Mani
    17. Juli 2016 at 12:03

    Liebe Carolin,
    natürlich darf man glücklich sein und das auch genießen! Es wird immer Spannungen in der Welt geben. Das war schon immer so und wird leider auch so bleiben. Eine traurige Erkenntnis.
    Vielleicht kann man beim Glücklichsein auch einfach ein bisschen demütig und sehr dankbar sein, dass man selbst in einem Land lebt, in dem kein Krieg herrscht. Wir haben eine Demokratie, was erstmal eine gute Basis ist (vom Lobbyismus reden wir erstmal nicht; das soll eine andere Baustelle sein). Wir sind frei in unseren Entscheidungen, in unserer Religionsausübung. Warum sollen wir dann nicht glücklich sein?
    Ich bin oft unglücklich, weil wir uns kein zweites Jahr Elternzeit leisten können. Aber ich gönne es anderen Mamas. Viele rechtfertigen sich dafür und verteidigen das zweite Jahr. Da sage ich dann immer, dass ich mich für sie freue und sie froh und glücklich darüber sein sollen und die Zeit genießen sollen. Und das meine ich auch so. Das eigene „Unglück“ schließt das Glück anderer nicht aus und umgekehrt.
    Also bitte sei glücklich und genieße den Zustand wann immer du kannst! Man weiß nie wie lange es anhält 😉
    Liebste Grüße aus der Hauptstadt
    Mani

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