the blogbook.
Nachgedacht und aufgeschrieben

Über die Mühe, (keine) Erinnerungen (mehr) zu bauen

theblogbook drachenfest bremerhaven-1b

Ich sitze am Strand, über mir der strahlend blaue Himmel, vor mir die Weite des Wattenmeers.  Mein Mann lässt mit den Kindern einen Drachen steigen, ich höre sie rufen und lachen, die Sonne scheint in mein Gesicht und ich fühle nichts anderes als tiefes Glück und Frieden – über diesen perfekten Moment. Und während ich versuche, all das in mich hinein zu saugen, so dass es Teil jeder einzelnen Pore wird, bekomme ich etwas Angst. Angst davor, dass ich es vergessen könnte, dass ich mich bald nicht mehr erinnere, dass ich nicht mehr weiß, wie die Luft roch, wie der Wind klang, wie glücklich meine Kinder waren.

Ich ziehe mein Handy aus meiner Jackentasche und will ein Foto machen, ich möchte meine Freude so gern teilen. Also halte ich mein Handy hierhin und dorthin, suche den richtigen Ausschnitt. Und stelle am Ende fest, dass ich kein Netz habe. Und während ich wie eine Verrückte in der Luft herum wedele, um doch noch das Foto hochzuladen, ist es mir auf einmal selbst unbegreiflich, was ich da mache. Ich kann nicht mal wirklich über mich lachen, ich bin eher entsetzt, stecke mein iPhone wieder ein und setze mich zurück auf meine Decke, das Gesicht Richtung Sonne. Kann ich mich denn tatsächlich besser erinnern, wenn ich teile, was ich gerade tue? Was genau bewahrt meine Erinnerung: mein Gedächtnis, das Foto, die App, die Likes?

Noch immer mit diesem Gefühl und diesen Fragen beschäftigt, las ich dann neulich einen Artikel einer Fashion-Bloggerin über ihren Umgang mit Snapchat ( http://www.masha-sedgwick.com/de/snapchat/ ). Masha beschreibt in einer seltsamen Mischung aus Begeisterung und kritischer Reflexion:

„Endlich konnte man seinen Followern einen echten Einblick in sein Leben geben, quasi einen ungefilterten Blick auf seinen Alltag, wo man die schönsten Momente, aber auch die weniger schönen zeigen konnte. Egal ob morgens aus dem Bett oder auf Reisen – snappen wurde schnell zur Gewohnheit. Doch das Beste daran war: jeder Snap wird nach 24 Stunden automatisch gelöscht – für immer.“

Ich bleibe verwirrt und etwas verstört zurück. Einerseits sind wir also permanent damit beschäftigt, unser „echtes“ Leben zu teilen, auf der anderen Seite liegt der besondere Reiz darin, dass alles binnen Stunden wieder erlischt  – als wäre nichts geschehen. Und ich frage mich, was eigentlich noch bleibt?

Um das gleich zu Beginn festzuhalten: dieser Text ist KEIN Statement gegen die Verwendung von Social Media-Kanälen oder das Teilen von Bildern und Videos mit anderen, meist ja unbekannten Menschen. Dieser Text ist auch KEIN Statement gegen Snapchat. Das wäre in meiner Rolle als Bloggerin völlig absurd und auch jenseits davon sehe ich persönlich mehr positive als negative Seiten an all diesen Apps wie Instagram und Co. Doch wenn das Beste an all diesen Kanälen sein soll, die damit festgehaltenen Erinnerungen automatisch und in relativ kurzer Zeit löschen zu lassen und auf der anderen Seite das Genießen eines Augenblicks, OHNE ihn zu teilen, zur Herausforderung wird, dann muss ich mich mit den Kehrseiten beschäftigen.

Irgendwann ist nirgendwann

Wie oft lesen wir, dass es wichtig ist, im Hier und Jetzt zu leben? Den Augenblick zu genießen? Ohne Frage, das Ziel unseres Lebens kann es nicht sein, in einer Warteschleife zu hängen, immer nur auf den richtigen Moment hinzuarbeiten, darauf zu bauen, dass irgendwann schon noch Zeit wofür auch immer sein wird. Wir haben nur das eine Leben hier und wann es vorbei sein wird, wissen wir nicht.

Mein Mann und ich haben unsere eigenen Erfahrungen damit gemacht. Als wir noch sehr jung waren (wie das klingt! ^^ – ich meine damit, als wir noch wirklich SEHR jung waren, gerade frisch verheiratet), dachten wir stets, dass „unser“ Zeitpunkt noch kommen wird. Der, an dem alles so laufen würde, wie wir das wollten: der, an dem wir keine Geldsorgen mehr haben würden, der, an dem wir uns so kleiden, so reisen, so wohnen würden, wie wir uns das immer vorgestellt hatten. Was kam, war aber nicht jener Zeitpunkt, sondern die Erkenntnis, dass es dieses „irgendwann“ niemals geben würde. Stattdessen waren in der Zwischenzeit die Jahre an uns vorbei gezogen, in denen wir all das, auf was wir eigentlich hofften, hätten leben können (zumindest in Teilen). Jahre, in denen wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere Ehe, unsere Kinder, unsere Ideen, unser Umfeld hätten richten können. Nicht, dass Ihr denkt, wir betrachten unser Leben als Verschwendung. Aber durch die Fokussierung auf „irgendwann“ haben wir das Hier und Jetzt nur noch im Augenwinkel, am Rande unseres Sichtfeldes wahr genommen.

Der Moment, als uns das klar wurde, war nicht unbedingt angenehm, mehr mit einer harten Bruchlandung als mit einem sanften Aufwachen zu vergleichen. Unsere Ehe war nicht dort, wo wir sie uns wünschten (und das ist im Grunde ein Euphemismus), unsere Kinder waren dem Baby- und Kleinkindalter entwachsen – und diese Zeit würde nie wieder kommen; unser Leben erschien uns plötzlich wie eine Ansammlung von verpassten Augenblicken. Wir fragten uns, was wir falsch gemacht hatten und kamen zu dem Schluss, dass wir schlicht und ergreifend vergessen hatten, das Leben zu leben, als es geschah: im Hier und Jetzt. Es ist nicht wirklich überraschend, das zu lesen, oder? Und doch kennt Ihr sicher ebenso Sätze wie „Irgendwann, wenn es wieder etwas ruhiger ist…“ oder „Irgendwann, wenn die Kinder größer sind…“ oder „Bald, wenn es auf Arbeit nicht mehr so rund geht…“ und so weiter und so fort. Aber die Wahrheit ist: dieses Irgendwann gibt es nicht. Irgend ist ein Präfix zur Verstärkung von sogenannten Indefinitpronomen und macht nichts anderes, als die Unbestimmtheit zu verstärken. Im Klartext: irgendwann ist kein fernes Ziel, kein noch nicht erreichter Zustand, auf den es sich definitiv hinleben lässt. Irgendwann ist nirgendwann – es existiert nicht.

Die Schönheit des Augenblicks

Es geht also darum, im Hier und Jetzt zu leben. So wahr, so einfach? Jein!

Wir können unser Leben nicht ausschalten, nicht auf Pause drücken und zu einem beliebigen Zeitpunkt weiter machen. Wir leben immer im Jetzt, so sind wir gemacht. So gesehen wäre es mehr als einfach, das umzusetzen, was scheinbar das Richtige wäre – es liegt ja eh in unserer Natur. Und genauso logisch erscheint dann eigentlich das, was ich weiter oben zitierte – wir sammeln unsere Augenblicke und teilen sie mit anderen; die guten wie die schlechten, jetzt und sofort.

Da aber jeder Moment vom nächsten abgelöst wird, leben wir automatisch immer zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Wissen und das Empfinden darum gehört genauso zu uns wie die Zeit dazwischen, die, in der wir „eigentlich“ sind. Und ich persönlich empfinde diesen Umstand als die eigentliche Herausforderung. Ich will den Augenblick genießen, muss aber für die Zukunft denken und habe dabei das dumpfe Gefühl, nicht genug aktive Vergangenheit bilden zu können. Aktive Vergangenheit… ich lasse mir das auf der Zunge zergehen und habe das Gefühl, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Nicht als Lösung – es wäre viel zu oberflächlich, das Ganze als lösbares Problem zu begreifen. Vielmehr als Lebensansatz…

Hüter der Erinnerung

Ich glaube fest daran, dass wir Menschen unser soziales Wesen entwickeln und behalten, in dem wir gute Erinnerungen bauen. Das wissen wir natürlich aus der frühkindlichen Forschung, da Kinder aus der Nachahmung lernen (wofür sie Erinnerungen bilden müssen), aber es gilt auch für die Menschen in einem größeren sozialen Kontext. Erinnerungen helfen uns, unser aktuelles Geschehen, unser Fühlen und unser Denken zu reflektieren. Als sozial angelegte Wesen funktionieren wir immer in einem Beziehungsgeflecht, auch auf abstrakter Ebene. Das, was wir uns an Erinnerungen schaffen, baut uns einen Vorrat an Emotionen, Entscheidungen und Handlungen, mit denen wir unsere Situation abgleichen können, mit denen wir die richtige Entscheidung treffen können. Haben wir keine Erinnerungen, fangen wir immer wieder von vorn an!

Gute Erinnerungen bedeuten für mich die Basis für ein gutes Leben (und gut bedeutet nicht non stop „Friede, Freude, Eierkuchen“!). Es muss darum gehen, bewusst den Augenblick zu leben, um daraus eine aktive Erinnerung als Grundlage für die Zukunft zu entwickeln (und sein Leben nur noch in Sequenzen zu erfahren, die eh wieder gelöscht werden, halte ich in diesem Zusammenhang für absolut kontraproduktiv, vielleicht sogar in gewisser Weise gefährlich – nicht für andere, aber für sich selbst).

Ich merke, wie ich mich freiwillig und voller Elan dieser Herausforderung stellen will, auch, wenn ich jeden Tag mit ihr kämpfe. Vor allem die innerliche Zerrissenheit zwischen all den Augenblicken macht es mir schwer und lähmt mich manchmal. Aber aktive Erinnerung zu bilden, bedeutet wohl auch, sich eben mit genau dieser Zerrissenheit zu beschäftigen.

Ich suche nach Hilfsmitteln, Dinge, die mich in guter Weise unterstützen sollen. Gespräche mit meinem Mann, meine Kamera, meine Notizbücher, mein Skizzenbuch, mein Blog und meine Texte, Instagram – ich will diese Dinge zu tatsächlichen Hütern machen, nicht zu Medien meiner Erfahrung. Und ich muss üben, üben, üben. Denn wie überall im Leben gibt es kein Patentrezept. So unterschiedlich wir Menschen sind, so unterschiedlich sind unsere Wege und Augenblicke. Aber sie sollten alle gemeinsam haben, dass sie es wert sind, bewahrt zu werden!

Das passt dazu...

7 Comments

  • Reply
    AniLorak
    10. Juni 2016 at 11:09

    Genau. Auch diese Erkenntnis habe ich für mich getroffen. Erinnerungen sind in uns, nicht begreifbar, nicht immer präsent aber wir sind eine Summe dessen. Gefühle verbinde ich damit. Später – einfach mutig sein und jetzt. Kleine Ziele statt grosses, dass an Kleinigkeiten scheitert. Toller Text! Ich unterschreibe blind. Auch der Text mit snapchat. Teile den Moment und lasse los! Annehmen statt ansparen…

    • Reply
      Carolin Schubert
      13. Juni 2016 at 11:49

      Annehmen statt ansparen gefällt mir außerordentlich gut!

  • Reply
    AniLorak
    10. Juni 2016 at 11:09

    Bin begeistert.

  • Reply
    Jutta
    12. Juni 2016 at 21:49

    Ach, ich liebe es an deinen Gedanken teilzuhaben, finde mich darin wieder und bin ganz glücklich wieder mehr von dir zu lesen. DANKE.
    Die große Kunst im Moment zu leben und seinen Alltag, die vielen schönen Momente zur ur-eigenen Erinnerung zu machen. Die Schöpfung der aktiven Vergangenheit find ich auch sehr treffend.
    Nun hab ich noch ein paar Gedanken als Blog-Leserin. Ich bin erst neu in diese Welt eingetaucht und merke wie ich mich drin verlieren könnt… . Auch hier besteht für mich die große Kunst, sich Anregungen zu holen, zu lesen, zu staunen und dabei trotzdem bei sich zu bleiben und nicht unzufrieden den Rechner zu schließen, weil das „Leben der anderen“ sich grad viel besser liest, oder weil man das ein oder andere auch haben möchte. Oder weil man vor lauter Lesen und Inspiration die eigenen schönen Momente nicht mehr sieht. –Nun vielleicht find ich deshalb deinen Blog so inspirierend, weil du uns so umfassend teilhaben lässt und du dich sehr kritisch mit Dir , Deiner Umwelt und deinem Leben auseinandersetzt. Das gefällt mir sehr gut! 🙂

    • Reply
      Carolin Schubert
      13. Juni 2016 at 18:32

      Das hast Du echt toll geschrieben: ja, das ist eine Herausforderung, für mich auch. Manchmal hilft nur ausschalten, meist, sich ganz bewusst wieder mit dem eigenen Leben zu beschäftigen. Vielen Dank für Deine Sicht und die lieben Worte – ich freu mich auch sehr darüber, wieder „hier“ zu sein :-).

  • Reply
    Paleica
    15. Juli 2016 at 10:40

    ein sehr schöner text! es ist fast ein wenig ironisch, denn für mich waren die sozialen netzwerke immer eigentlich genau das: eine möglichkeit, endlich auch mal den moment, in dem ich grade lebe, wahrzunehmen. doch in den letzten 2, 3 jahren haben sie sich gewandelt und „perfektioniert“ und auf einmal teilt man nicht mehr um des bewussten lebens willen sondern lebt um des teilens willen oder so. „leben ist, was passiert, wenn man es plant“ – so oder so ähnlich hat es mal ein kluger kopf formuliert und ich denke, damit hat er sehr recht. dieses „irgendwann“ ist auch meine achillesferse, irgendeine säule passt immer nicht, das leben und das glücklichsein wird immer auf später verschoben und währenddessen verpasst man so vieles. eine böse erkenntnis, die sich oft nicht von heute auf morgen umsetzen lässt, nicht einmal für immer, weil man in alte muster zurückfällt. aber einmal gewonnen, kommt sie wieder und es ist wohl ein lebenslanger prozess „zu wissen dass man glücklich war ist leicht. zu wissen dass man glücklich ist ist kunst“ singen kettcar.

    • Reply
      Carolin Schubert
      15. Juli 2016 at 11:21

      Vielen Dank für Deine Gedanken dazu! Ja, es ist sicherlich nicht leicht – vor allem das Thema der alten Gewohnheiten! Da hilft nur immer wieder reflektieren, offen und ehrlich zu sich sein und üben!

    Leave a Reply