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Abschied und Neuanfang: leichtes Gepäck

9. März 2016
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Neue Woche, neues Glück – oder so ähnlich! Wir haben mittlerweile die dritte Woche in unserem neuen Zuhause erreicht und so ganz allmählich schleicht sich ein Gefühl von vorsichtiger Entspannung und „Wow, wir leben jetzt hier“ ein. Die Waschmaschine dreht nach über drei Wochen endlich rumpelnd ihre Runden, das zweite Badezimmer und damit unsere Dusche liegt auf der Zielgeraden, das nach wie vor nicht vorhandene Internet versuche ich mir als digital detox schön zu reden und wir haben sogar schon den ersten entspannten Vormittag am Meer verbracht.

Ich muss wirklich über mich selber lachen: in meinen Notizen – die, in denen ich festhalte, über was ich so bloggen wollte/hätte können (Ihr erinnert Euch vielleicht an diesen Blogpost) – steht folgende Notiz: Umzug – meine Tipps für einen gelassenen Neustart. Wenn ich eins die letzten Tage und Wochen definitiv nicht war, dann gelassen. Krank umzuziehen, in eine Baustelle zu kommen, mit der man nicht gerechnet hat, ein neuerlicher Wintereinbruch, der zwar perfektes Fotolicht bedeutet, aber bei einer falsch eingestellten Heizung absolut nicht zu gebrauchen war – all das hat mich wirklich richtig gestresst. Von Entspannung oder gar Gelassenheit weit und breit nicht ein Fitzelchen zu sehen. Nun versteht mich nicht falsch: ich bin schon ein paar Mal umgezogen, ich weiß, wie das alles läuft und ich habe definitiv nicht den Anspruch, hier in wenigen Tagen die letzte Kiste ausgepackt zu haben. Genauso wie ich mit meiner rationalen Hälfte bewundernd anerkennen muss, in welchem Tempo das Haus, in dem wir jetzt wohnen, umgebaut und renoviert wurde! Aber ich habe mich auch überschätzt! Und das kann man ruhig auch mal vor sich selbst (und der restlichen Welt) zugeben.

Was macht denn einen Neustart aus, den man als gut gelungen, als entspannt und gelassen bezeichnen kann, hab ich mich gefragt? Für uns war und ist dieser Umzug von Anfang an tatsächlich eine Art Reset. Es geht nicht nur darum, an einen neuen Ort zu ziehen oder ein neues Zuhause zu bewohnen. Wir woll(t)en noch einmal neu anfangen. Kann man das überhaupt? Eine berechtigte Frage. Wir sind immer noch die selben und Probleme lässt man selten einfach so zurück, die machen sich von ganz allein in all den Umzugskisten breit und warten nur darauf, wieder ausgepackt zu werden. Und doch: ein Ortswechsel heißt auch „raus aus der gewohnten Situation“. Es kann das Ende einer unbequemen Situationen sein (zum Beispiel bei der Arbeit, Schule oder Kita oder mit unfreundlichen Nachbarn), es verändert die eigene Perspektive, es bringt einen neuen Fokus. Manchmal ist es einfacher, den Ort zu wechseln und auch räumlichen Abstand herbei zu führen, um eine Änderung wirksam zu machen. Man ist zwar immer noch dieselbe Person, kann aber die Situation hinter sich lassen, sozusagen aus ihr austreten. Für uns gilt das beispielsweise ganz klar beim Thema Kindergarten. Zwei Jahre haben wir uns mit den Erziehern über die Betreuung unserer Kinder und Themen wie gesunde Ernährung gestritten – ohne Erfolg und der Abschied am Ende fiel uns allen ziemlich leicht. Selbst die Mädchen, die trotz all der Schwierigkeiten einigermaßen gut dort integriert waren, haben nicht mehr viel über die Einrichtung gesprochen. Innerhalb der Stadt hätten wir aus dieser Situation nicht „ausbrechen“ können, da wir keinen anderen Platz für zwei Kinder gefunden hätten. Und so bedeutet der Umzug also tatsächlich einen Neustart: neue Einrichtung, neue Erzieher, neues Konzept. Auf andere Dinge – wie das Thema Beziehungen beispielsweise – haben wir die letzten Jahre lange und intensiv hingearbeitet, da ändert der Ortswechsel nicht wirklich etwas, bringt aber – wie jede Änderung – neue Bewegung ins Thema. Und die ist wichtig, damit das, was man sich so erarbeitet hat, nicht wieder einschläft. Spannend, dass Bewegung und ein klarer Schnitt sich nicht ausschließen, sondern eigentlich Hand in Hand gehen, oder?

Apropos klarer Schnitt: Ihr kennt das Lied von Silbermond? „Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck!“ Das war sozusagen unsere Hymne, zu keinem besseren Zeitpunkt hätte dieses Lied erscheinen können! Wie bereits oben geschrieben, ist man immer noch dieselbe Person, wenn man umzieht und auch die Probleme, Neurosen und Eigenheiten bleiben in der Regel nicht zurück. Und doch: mit einem leichten Rucksack reist es sich nun mal definitiv besser als mit zwei voll beladenen Hartschalenkoffern. Und deswegen haben wir versucht, uns von so viel wie möglich Ballast zu trennen. Wir haben ziemlich viel verkauft: Möbel, Kleidung und Spielsachen, die nicht mehr gebraucht wurden, die kaputt oder ungeliebt oder einfach nicht mehr passend waren. Wir sind generell keine Menschen, die viel horten (mir liegt das schon gar nicht und wenn meine Mama das hier liest, wird sie kopfschüttelnd dasitzen und sagen: immer muss sie alles weg werfen [Mama, ich weiß es ganz genau! :-D] und auch nicht übermäßig viel besitzen. Aber trotzdem gab es erstaunlich viel, was einfach nicht mehr in unser Gepäck gehörte.

„Ab heut nur noch die wichtigen Dinge!“ Es ist unglaublich, was das mit einem macht – nicht nur, dass man gar nicht so viele Umzugskisten braucht, nein, es macht vor allem den Kopf frei für all das Neue, was kommt! Durch die Zeit des Ein- und auch wieder auspackens kommen in der Summe doch einige Wochen zusammen, in denen man nur mit dem Nötigsten umgeben ist. Ich will mich nicht besser machen als ich bin: nur aus der Reisetasche zu leben (wenn man nicht auf Reisen ist – das macht einen gehörigen Unterschied!), keine Küche zu haben und im knien in der Badewanne zu duschen – das finde ich alles nicht so super und ja, auch das hat mich gestresst. Und trotzdem: es ist erstaunlich, was man alles NICHT braucht. Es hat mich demütig gemacht. Demut ist ja ein nicht so gern benutztes Wort und wird in Bloggerkreisen wohl auch nicht allzu oft gepriesen. Zu Unrecht! Denn ein gesunder (!) demütiger Blick auf unser Leben, unseren Besitz, unser Sein wirkt ziemlich erhellend.

Übrigens: wirtschaftlich gesehen rentiert sich so ein Vorhaben unter Umständen nicht, jedenfalls dann, wenn man Rechnungen wie „alte Betten verkauft“ = „neue Betten gekauft“ aufstellt. Aber genau darum geht es eben nicht! Mein Mann hatte in seiner vorherigen Arbeitsstelle eine Kollegin, die ihn recht ungläubig anschaute, als er ihr von unserer Sortierei erzählte. Und ja, ich konnte sie sogar ein bisschen verstehen, es ist nicht unbedingt leicht und bei manchen Stücken (beispielsweise unserem tollen alten Kleiderschrank) haben wir schon ein paar Mal schlucken müssen. Aber was nützt einem ein Schrank, der nicht ins Schlafzimmer passt und auseinander gebaut im Keller steht? Der Schrank wird nicht besser, das Schlafzimmer nicht größer! Also haben wir ihn verkauft und unser Gepäck wieder ein Stück leichter gemacht. Und manchmal bekommt man dann vom Leben so ganz nebenbei noch ein paar schöne Geschichten erzählt. Besagter Kleiderschrank war nämlich Teil einer Schlafzimmerauflösung. Ein altes Ehepaar war gestorben (oder nur einer der beiden, das weiß ich nicht mehr genau) und die Möbel – es gehörten noch zwei Betten und Nachttische dazu – die in einer Dachkammer standen, sollten verschenkt werden. Bedingung: man musste alles gemeinsam abholen. Also ist mein Mann losgefahren, hat die Betten und Nachttische zu Müllkippe gefahren (die waren jeweils nicht mehr intakt) und den Schrank zu Hause an mehreren Abenden in liebevoller Arbeit gestrichen und hübsch gemacht. Nun besitzt ihn eine sehr sympathische Dame, die ebenfalls neu anfangen musste und eine große Liebe zu solchen Möbelstücken hegt. Ist das nicht viel schöner, als etwas nur um des Behalten willens mitzunehmen?

Leichtes Gepäck bezog sich bei uns übrigens nicht nur auf einen reduzierten Hausstand. Es gibt so vieles, was wir in all den Jahren, in denen wir uns kennen, ein Paar sind und schließlich eine Familie wurden, vernachlässigt oder gar nicht erst umgesetzt haben. Die Gründe dafür sind bei genauer Betrachtung immer wieder die gleichen! Weg damit! Ja, wir hätten die Dinge auch ohne einen Ortswechsel angepackt. Und doch – wie ich oben beschrieben habe – hat dieser Umzug Bewegung in gewisse Themen gebracht. Wortwörtlich! Ich habe mich regelrecht erschrocken, als ich beim Umzug feststellen musste, dass ich zum Teil kaum die Kisten schleppen konnte, die ich vor anderthalb Jahren noch mit links geschultert habe! Bewegung war bei mir Mangelware im letzten Jahr und da ich so ein Sportmuffel bin, ist der Umzug für mich ein besonderer Anreiz. Denn am Meer kann sogar ich mir vorstellen, laufen zu gehen ;-).

Ob unser Neustart gelingt, das wird sich natürlich erst noch zeigen – vielleicht auch erst in Jahren, wenn wir uns hier eingelebt haben und angekommen sind. Dass wir hier nun Familie vor Ort haben, die Gegend und die Stadt kennen – das hilft uns zu entspannen und den Stress zu reduzieren. Ich gebe zu, dass ich an der Gelassenheit noch arbeite ;-). Aber nur leichtes Gepäck mitzunehmen – das war definitiv die richtige Entscheidung!

Habt Ihr vielleicht ähnliche oder gar ganz gegenteilige Erfahrungen gemacht? Erzählt mal!

Eure Carolin

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7 Comments

  • Reply Ani Lorak 9. März 2016 at 17:37

    Einen wundernaren Neuanfang, nutzt den Schwung. Demut – den Ansatz verstehe ich voll und ganz. Das habe ich versucht, mir zum Motto zu mschen. Nicht gänzlich geschafft, aber bewusst gemacht. Das ich mich nicht an kleinen Dingen aufreiben darf. Wichtiges ins Licht rücken und Fokus auf das Minimum. Wünsche Dir viel Erfolg. Ich bin ein Sammler, aber jetzt bin ich an einem Punkt, wo das Horten lähmt und zuviel wird. Es bremst die Energie. Alles Gute. Für die Kinder ein gutes Ankommen!

  • Reply Ju- made 9. März 2016 at 22:30

    Wow, ich finde du hast tolle Worte gefunden! Von Demut sprechen wirklich nicht so viele…. Dabei gehört es dazu! Sich von Ballast trennen zu können ist sehr wichtig, aber mir fällt es nicht immer leicht. Hut ab,dass ihr euren Neuanfang so gestaltet und euer Ding durchzieht! Ich wünsch euch ein gutes Einleben und viele schöne, bewegende Stunden im neuen Heim! LG Julia

  • Reply Anonym 10. März 2016 at 9:05

    Ein schöner Blogbeitrag und ich kann dir in allem zustimmen. Unsere kleine Familie benötigt nicht immer einen Umzug um Ballast "abzuwerfen". Es packt uns so dreimal im Jahr wo wir rigoros aussortieren, aufräumen, neu ordnen und auch verschenken. Es macht unser Leben leichter und lenkt unseren Blick auf das Wesentliche. Meine Schwiegermutter ist immer etwas entsetzt wenn sie zu uns kommt, denn es sieht eher leer aus in unserer 110m2 Wohnung. Aber wir brauchen das um atmen zu können, kreativ zu sein und unseren Blick auf das wesentliche zu lenken. Was mir schwer fällt mich von Büchern zu trennen. Aber auch da sortiere ich aus und gebe sie an Freundinnen weiter.
    Dir und deiner Familie wünsche ich einen guten "Neuanfang".

  • Reply StreifenPunkt 10. März 2016 at 12:13

    Hallo Carolin,
    vor ziemlich genau einem Jahr haben mein Mann, unsere 5 Kinder und ich einen ähnlichen Schritt gewagt. Wir sind an einen anderen Ort, in ein anderes Bundesland gezogen und haben uns so einen Traum erfüllt. Ich fühlte mich bei deinen Worten zurückversetzt in die Zeit.
    Ich kann berichten, dass dieser Schritt für uns ein Befreiungsschlag war, alles auf RESET zu drücken verrückt auch manche Perspektive zum Positiven.
    Ich wünsche euch von ganzem Herzen alles Gute
    VG vom StreifenPunkt

  • Reply ninA 10. März 2016 at 13:44

    Liebe Carolin !
    Was ist denn bei dir alles passiert ? Ich bin ganz überwältigt. Ich habe mal ein Wickelkleid mit dir genäht 😉 und dich und deinen Blog unregelmäßig gelesen. Denn das du ein ganz besonderer Mensch bist war mir sofort klar.
    Ich wünsche dir von Herzen alles Gute und die nötige Portion Glück und Mut für dich und deine Lieben.
    Liebste Grüße Nina

  • Reply Anonym 15. März 2016 at 7:28

    Her Carolin,
    ich weiß genau was du meinst. Vor über 5 Jahren ging es mir auch nicht so gut. Spektakuläre Trennung, lieben Menschen verloren, Probleme mit dem Arbeitgeber (Mobbing, wovon ich nicht direkt betroffen war, ich aber mit den anderen mitfühlte). Ich habe eine Therapie gemacht und währenddessen den Entschluss gefasst, umzuziehen. Neue Stadt, neues Leben, neuer Arbeitgeber. Meine wundervolle Therapeutin warnte mich, dass man nicht vor sich selbst weglaufen kann. "Man nimmt sich selbst immer mit." Das war mir bewusst. Ich wollte es aber trotzdem probieren. Ich habe bis dahin bei meinen Eltern gewohnt und musste somit keine Wohnung leerräumen. Das hat mir die Sache mit dem Aussortieren erleichtert 😉 ab ins Möbelhaus: einmal ne neue Grundausstattung bitte! Altmodischer Bausparvertrag sei Dank konnte ich mir das leisten. Und dann musste ich nur das mitnehmen, was ich wirklich brauche. Ich habe mich von alten Klamotten getrennt und von Dingen, die die Welt nicht braucht.
    Ich muss sagen: es hat sich gelohnt! Ich bin zwar kein neuer Mensch und manchmal grübel ich noch immer über die Vergangenheit, aber ich habe den Mann meines Lebens kennengelernt, ein wunderbares Kind mit ihm bekommen und bin selbstbewusster geworden. Ich wertschätze mich viel mehr und ja, bin wohl auch demütiger als vorher.
    Manchmal kann man einfach nicht anders als neu anzufangen. Und wenn man die Gelegenheit hat, sollte man sie nutzen!
    Liebe Grüße und alles Gute für euch
    Lotti

  • Reply regenbogenbuntes 16. März 2016 at 12:09

    Doch, ein Neuanfang ist sehr gesund. Wir haben vor über 11 Jahren (ach je schon so lange?) unsere alte Heimat verlassen und hier neu angefangen. Mein Mann damals als Berufsanfänger, die Tochter kam auch hier in die Schule.Ja manches läßt man hinter sich, was man doch gerne weiter in der Nähe gehabt hätte (Freunde und Familie), aber der Schnitt hat uns allen dann doch weniger wehgetan als gedacht und wir haben es nicht einen Tag bereut. Auch, weil wir vom völlig überfüllten Rhein-Main-Gebiet hier in die kleine Idylle gezogen sind. Nach einem Jahr in Miete haben wir entschieden, dass wir bleiben wollen für länger und ein Haus gekauft. Ich fand es bereinigend, hier nochmal als das, was man ist neu anzufangen, ohne Balast der Vergangenheit und auch ohne immer die Tochter/Sohn von "XYZ" zu sein. Einfach Leute kennen lernen,die erst mal nur das sehen, wer und was man jetzt ist. Manche Freundschaften haben das gut überstanden, andere nicht… so ist das aber auch sonst, dass manche Menschen in unserem Leben kommen und andere gehen. Ich habe es nie auch nur eine Sekunde bereut. Alleine am Anfang so ganz ohne Fremdkinderbetreuung war das heftig. War ich doch Oma und Opa für Notfälle gewohnt und der Sohn da fast noch Stillkind und der Mann im neuen Job von Morgens bis spät Abends in der Arbeit. Das war anstrengend. Und bald, in ein Paar Jahren, wenn die Kinder "unter" sind, dann machen wir das nochmal und gehen in den Süden ans Meer.

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