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Nachgedacht und aufgeschrieben

Was bleiben soll: Hoffnung!

Ihr habt es gemerkt, hier war es ein paar Tage ziemlich ruhig. Das lag zwar auch daran, dass hinter den Kulissen mal wieder mächtig das Chaos tobt und der Terminkalender schier kein Ende zu nehmen scheint; aber es lag auch daran, dass ich nach den Anschlägen in Paris erst einmal meine Gedanken sortieren musste. Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt was schreiben soll und kann. Dann las ich diesen Beitrag von der wunderbaren Nic und ich entschied mich zunächst dagegen. Dieser ganze Sog, der vor allem auf Facebook entstand, das unkontrollierte Teilen irgendwelcher Statusmeldungen, Nachrichten, Ansichten, Grafiken, Videos – mir war das alles zu viel und ich musste das zunächst einmal weg schalten.

Mittlerweile bin ich ein wenig zur Ruhe gekommen, habe meine Gedanken sortiert. Und bin der Meinung, dass ich sehr wohl etwas zu sagen habe. Etwas, dass ich wichtig finde – für mich selbst und auch für andere. Deswegen habe ich mich also wieder „eingeschaltet“, eingeklinkt sozusagen…

Die Frage, die ich mir in der letzten Zeit und ganz aktuell durch die Ereignisse des Wochenendes gestellt habe, ist die nach der Zukunft für meine Kinder. In welcher Welt werden sie einmal leben können, was stehen ihnen überhaupt für Chancen offen? Werden sie Frieden, Gerechtigkeit und vor allem Nächstenliebe kennen? Denn das ist es, was in Zeiten wie diesen beinahe unerreichbar scheint. Und zwar nicht oder nicht allein durch die Anschläge einiger Weniger, die sich vollkommen dem Bösen ausgeliefert und sich selbst in diesem unkontrollierbaren Wahn über das Leben anderer gestellt haben. Sondern auch wegen der Art und Weise wie wir alle mit dieser weltverändernden Situation umgehen.

Bevor ich, wie oben beschrieben, mich zunächst für einen Rückzug entschieden hatte, las ich – auf der Suche nach Informationen, auf verschiedenen Seiten und Kanälen im Internet – die verschiedensten Dinge. Darüber, wie verachtenswert solch eine Tat ist; dass Menschen, die so etwas vollbringen, gar nicht mehr Menschen heißen sollten; dass Religion immer die Ursache für all dies Übel sei und abgeschafft gehöre; dass jemand, der betet, psychisch instabil sein muss; dass Nachrichten- und Geheimdienste versagt haben müssen, wenn sie nicht in der Lage sind, ein solche Gräueltat zu verhindern; dass die jeweiligen Regierungen nun selbst erkennen würden, wohin sie die Politik geführt habe; dass eine solche Entwicklung angesichts der unkontrollierten Flüchtlingspolitik völlig klar war; dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis der Terror auch in Deutschland um sich schlagen würde; dass man nicht über belanglose Dinge schreiben darf; dass Veranstaltungen abgesagt werden müssten. Und so weiter und so fort.

Ich habe mich irgendwann gefragt: wenn das alles ist, was wir an Reaktion zustande bringen; wenn wir Solidarität als einen Kampf gegeneinander und darum verstehen, wer noch ein bisschen mehr recht hat und angeblich noch ein bisschen mehr informiert ist; wenn wir glauben, dass Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit darin bestehen, den anderen in seiner Lebensweise zu erniedrigen, ihm seinen Glauben als rückständig und weltverschlossen abzusprechen; wenn wir Menschen – so abscheulich und unverständlich sie auch handeln mögen – nicht mehr als solche sehen wollen; wenn wir anderen pauschal unterstellen, sie seien dumm oder besäßen zumindest nur ein Mindestmaß an Intelligenz, da sie unsere überlegte (oder überlegene?) Meinung nicht verstehen oder gar akzeptieren können – wenn all das die Summe dessen ist, was wir zustande bringen, dann habe ich Angst vor der Zukunft.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder lernen, dass wir anderen Menschen ihr Existenzrecht absprechen können. Denn sind wir dann besser als die Attentäter? Das glaube ich nicht.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder lernen, dass der Mensch über allem steht, dass er keine Instanz, keine Verbundenheit, keine Regeln und keine Moral braucht, nach der er sich richten kann und soll. Denn sind wir dann besser, richtiger, wahrer als die, die genau aus diesem Grund andere foltern und umbringen?

Ich möchte nicht, dass meine Kinder lernen, dass Wut und Hass wichtiger und vor allem richtiger sind als Vergebung und Nächstenliebe. Denn wenn das so ist, dann gibt es keine Hoffnung mehr. Und dann ist alles verloren.

Ich möchte nicht, dass meine Kinder andere für ihren Glauben verurteilen und auf sie herab schauen. Denn dann gehen sie den Weg, der nur ins Verderben führen kann – und nicht zur Versöhnung.

Das ist es, was ich mir für meine Kinder wünsche. Eine Zukunft der Versöhnung und der Nächstenliebe, in der Haus und Herz für andere offen bleiben können. In der Solidarität bedeutet, dass das „wir gemeinsam“ entscheidend ist und nicht das „ich für Dich, wenn Du es schon nicht selber machst“. Ich ermutige meine Kinder, für andere zu beten, weil das nicht bedeutet, sie seien psychisch nicht zurechnungsfähig oder auf dem Weg, andere in ihrer Religionsausübung zu unterdrücken. Sondern weil sie dadurch den anderen in ihr Leben lassen, ihm einen Platz in ihrem Herz geben und auf diese Art die Liebe zum nächsten ausdrücken können. Und ich möchte nicht zulassen, dass der Weg, den ich als Mutter für meine Kinder bereiten möchte, von Selbstzweifeln, Furcht und Ausgrenzung geprägt ist. Denn dann gibt es keine Hoffnung mehr. Aber die wünsche ich mir am allermeisten!

Ich wünsche Euch Mut und Offenheit,

Eure Carolin


Stoff: Weltall von susalabim über lillestoff *Werbung*

Schnitt: Ottobre

Gummistiefel Aigle

Das passt dazu...

9 Comments

  • Reply
    ragazzafaidate
    18. November 2015 at 10:37

    schön geschrieben! Hätte ich einen Blog, hätte das sehr ähnlich geklungen. Danke!

  • Reply
    Ephrata Conrad
    18. November 2015 at 10:37

    Ein ganz toller Kommentar! Mir geht es ähnlich. Ich bin absolut pro Flüchtlinge, habe Freunde in Paris und kenne auch die Stadt. Für mich ist / war absehbar, dass der Terror auch hierher kommen wird. Ich frage mich auch immer, wie wird es für mein Kind werden. Und ich hoffe, und bete für sie, dass Frieden herrschen wird. Aber es gibt keinen Weltfrieden. Das ist Utopie. Für mich zählt es EINZELNEN Personen, denen ich im Alltag begegne mit Liebe zu begegnen. Das ist, was mein Glaube auch sagt. Und auch Böses zu verzeihen. So wie es Kinder eigentlich machen: keinen Unterschied zwischen Menschen, Hautfarben, Rassen, Krankheiten. Wir beten zurzeit häufig für die Regierung und auch für die Welt, nicht nur Paris. Es passiert überall. Viele meiner Freunde sagen, all dies steht in der Offenbarung. Ich mag nicht den Weltuntergang predigen, oder sonstiges. Ich bin beunruhigt, das ist sicher. Aber mir könnte auch ein Baum auf den Kopf fallen oder ich von der Leiter. Wir werden sterben. So oder so. Ob durch Gewalt, oder in Frieden (was ich jedem wünsche). Wir haben nie 100% Sicherheit. Das habe ich durch meinen Glauben. Und auch das Gebet. Und wenn das jemand für psychisch krank erklärt, dann bin ich es eben. Ich finde es schön, was du deinen Kindern mitgibst!
    🙂

  • Reply
    Anonym
    18. November 2015 at 10:40

    Hallo Carolin,

    ich finde du hast das wunferschön geschrieben und mir aus dem Herz gesprochen. Diese ganzen Überflutungen auf allen Kanälen konnte ich auch zunächst nur "abstellen". Und viele Reaktionen habe ich wie du empfunden. Und ich HOFFE auch auf eine andere Zukunft. Danke für deine Worte.

    Ele

  • Reply
    Kathi's Nähwelt
    18. November 2015 at 11:55

    Danke. Einfach Danke. Die Gedanken kreisen auch in meinem Kopf. Wie kann ich es schaffen, dass mein Kind vernünftige Werte erlernt? Wird er mal in einer schönen Welt leben?

  • Reply
    lotta-sonnenschein
    18. November 2015 at 19:42

    Dein text berührt mich sehr, liebe Carolin, du sprichst aus, was ich denke, aber nicht zu formulieren vermag. Die Worte fehlen einfach… Aber Hoffnung habe ich auch, sollten wir alle haben! Danke!
    Jessica

  • Reply
    Ani Lorak
    20. November 2015 at 7:29

    Danke für die Worte. Sehe ich ähnlich und es ist so schwierig. Meine Schwägerin mit Familie liebt im Montmartre (am Weinberg) und in den Herbstferien waren wir dort. Hatten irgendwie ein mulmiges Gefühl, als wir oben um SacreCoeur das Weinfest besucht haben. Eine Niederlassung ist von uns bei PAris und ich erfahre, dass die Täter unweit davon vor den Attentaten in einer Wohnung gelebt haben… Jeder kennt jeden über 5 Ecken und die Welt ist klein. Aber Hoffnung dürfen wir nicht aufgeben und in Angst lebt es sich nicht gut! Kinder sind unsere Hoffnung und wie Du in einem vorangegangen Post schriebst, sollten wir Vertrauen in Sie haben (oder war es ein Post bei vonahoi…) Egal. PAsst! In dem Sinne lassen wir uns unsere Freiheit nicht nehmen und stärken wir unsere Kinder!

  • Reply
    L Sabine
    20. November 2015 at 10:13

    Danke Carolin.
    Ich bin froh, dass die Menschen, denen ich folge, eine Pause gemacht haben. Ich habe keine Bilder angeschaut, keine Videos. "Nur" Radio gehört. Das war genug an Information zum Verarbeiten.
    Mein Lieblingssatz aus Deinem Beitrag: Eine Zukunft der Versöhnung und der Nächstenliebe, in der Haus und Herz für andere offen bleiben können.
    In diesem Sinne
    Liebe Grüsse
    Sabine

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    Nicibiene
    22. November 2015 at 9:16

    Ich musste auch diese ganzen Kanäle abschalten und die Perspektive auf meine Kinder ist auch die einzige, die mir Mut macht, mir Kraft und Hoffnung gibt, dass es einen Sinn macht, das Herz offen zu haben. Das Wichtigste ist für mich, keine Angst zu verbreiten, ihnen den Weg der Mitmenschlichkeit aufzuzeigen. Manchmal wünschte ich, es geschähe vieles in diesen Nachrichtenkanälen mit dem kleinen Hintergedanken: Sollte ich das SO meinen Kindern erzählen?! Und wie wird die Welt für sie und meine Enkel aussehen, wenn ich das so tue? Vielleicht ist es eben auch die traurige Tatsache, dass vielen hier in unserer kinderarmen, gütersatten Gesellschaft dieser Gedanke nicht einmal in den Sinn kommen kann… Liebe Grüße von Nicole

  • Reply
    Frau Anis
    1. Dezember 2015 at 19:17

    Liebe Carolin, ich habe diesen Post immer noch auf meinem Smartphone- Browser geöffnet. Danke für deine Worte, du hast sehr wohl etwas zu sagen! Und du sprichst mir so aus dem Herzen… Alles Liebe für euch!
    Heike

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