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Das Leben als solches

Das Leben als solches #26 [Warum Schokolade manchmal der kleinste gemeinsame Nenner ist]

Ich sitze mit meinen Kindern am Mittagstisch, der Milchreis dampft vor uns und wie vor jeder Mahlzeit entbrennt eine Diskussion darum, wer jetzt das Tischgebet sprechen darf. Wir bitten für die Menschen, die alles verloren haben und nun darauf angewiesen sind, dass ihnen jemand anderes hilft. Während wir essen, meint mein Sohn plötzlich, er wünschte, es gäbe den dunklen Berg wirklich (nach mehrmaligen Nachfragen erfahre ich, dass es sich hierbei um die Behausung eines Playmobil-Bösewichts handelt – Notiz an mich: ich glaube, ich spiele zu wenig mit meinen Kindern!). Er würde einfach eine Falle bauen, in die alle Räuber (sein Synonym für alle, die etwas Böses im Schilde führen) schnurstracks und ohne Zögern tappen und aus der sie sich nicht mehr befreien könnten. Auf meine Nachfrage, wie man denn die Bösewichte in eben diese Falle locken könnte, meinte die Püppi: Ganz einfach, wir hängen Schokolade davor!

Wäre es nicht herrlich, wenn der kleinste gemeinsame Nenner der Menschheit eine Tafel Schokolade wäre? Gut, ich persönlich finde ja tatsächlich, dass das keine so abwegige Idee ist – ich LIEBE Schokolade, nur, falls das jetzt jemand nicht verstanden haben sollte! – aber die Realität ist es natürlich leider nicht. Trotzdem bleibt der Gedanke und rumort ordentlich in meinem Hinterstübchen. Wären denn nicht alle Probleme gelöst, wenn sich die Schokolade der Menschheit finden ließe? Gut, da gibt es natürlich die unterschiedlichsten Geschmäcker. Die einen wollen es bio und fair, die anderen nur die lila gefleckte Kuh, den nächsten ist es egal, Hauptsache Kakao, Zucker und billig. Dann gibt es noch diejenigen, die weiße Schokolade bevorzugen, obwohl es – streng genommen – nicht mal welche ist. Und zu guter letzt die, die sie schlichtweg nicht mögen – egal, welche Farbe, Form und Geschmacksrichtung man ihnen vorlegt. Aber nehmen wir doch mal an, dass wir all diese Menschen davon überzeugen könnten, dass alle – egal, welcher „Gruppe“ sie letztlich angehören – eine grundlegende Gemeinsamkeit haben, die viel mehr ins Gewicht fällt (bei Schokolade leider nicht nur sprichwörtlich…) als ihre Differenzen. Und nehmen wir weiter an, dass diejenigen, die Schokolade eigentlich nicht mögen, zustimmen, sie zumindest zu tolerieren oder vielleicht sogar zu akzeptieren. Dann wäre die Welt ohne Zweifel ein wesentlich glücklicherer Ort. Zum einen, weil Schokolade erwiesenermaßen tatsächlich glücklich macht. Aber was natürlich viel wichtiger ist: die globale Konzentration läge nicht auf dem, was uns trennt, sondern auf dem, was uns verbindet. Welt gerettet. Fall erledigt.

Neulich schauten mein Mann und ich die ersten beiden Teile der Trilogie „Die Bestimmung“. Großartig, wie und vor allem was für Fragen an die Menschheit gestellt werden. Ein Satz blieb mir in Erinnerung:  „Ich halte die menschliche Natur für einen Feind.“ Ich fürchte, da liegt dann wohl der Bruch in der Schokolade der Weltrettung. Denn obwohl ich der menschlichen Natur keineswegs feindlich gesinnt bin, so hat sie ja nun leider Seiten, die diesen ganzen Plan zunichte machen. Gier, Stolz, Hochmut – wären diese Begriffe die berühmte Medaille, stünde auf der Rückseite jeder einzelnen ohne Zweifel „nicht kompatibel mit Nächstenliebe“ oder schlicht „Trennung“.

Die weltverändernde Situation, in der wir uns befinden, erfordert augenscheinlich die unbedingte Suche nach wenigstens einer Gemeinsamkeit! Oder anders ausgedrückt: in der globalen Bruchrechnung brauchen wir einen Nenner. In der Mathematik ist das übrigens die Zahl unter dem Strich. Während der Zähler angibt, wie viele Teile man hat, zeigt der Nenner die Größe des Bruchs – mit wie vielen Teilen man es am Ende also zu tun hat. Heißt: je kleiner der Nenner ist, umso weniger Einzelteile bleiben.

 Menschheit : Nächstenliebe =

 Was kommt also am Ende dabei raus, wenn wir den Bruch so klein wie möglich halten, den Nenner auf eins setzen?

 Während ich diesen Text schreibe, fällt mir eine Begebenheit ein, die schon viele Jahre zurück liegt. Ich lebte damals in Cuxhaven und absolvierte dort mein Volontariat in der Außenstelle eines Verlages. Wie bei Volontariaten üblich, hatte mein Verdienst dieses Wort eigentlich nicht verdient und ich hatte eben das, was ich zum Leben so brauchte. Eines Tages war ich in der Innenstadt unterwegs und auf dem Nachhauseweg sprach mich eine Gruppe von – ich nenne sie jetzt mal in Ermangelung einer korrekteren Bezeichnung Punks – an, ob ich ihnen nicht etwas Geld geben könne. Ich hatte nichts Bares bei mir, aber gerade eine Packung Schokoriegel gekauft. Zugegeben, ich hatte mich schon darauf gefreut, die Packung ganz allein zu verspeisen (die sind wirklich klein und ich sagte bereits, wie gern ich Schokolade esse, oder?!), aber irgendwie wollte ich auch nicht einfach so weiter gehen. Also teilte ich meine Schokoriegel. Was extrem einfach war, wie ich feststellen musste.

Das passt dazu...

6 Comments

  • Reply
    Ephrata Conrad
    9. Oktober 2015 at 6:33

    Ich finde deinen Text großartig. Es ist ähnlich wie die Anekdote der Dickmanns oder wie man sie nennen mag. Wir haben alle den gleichen Kern. Nur das Äußere ist manchmal anders. Das muss man sich einfach bewusst machen.

    Und bei deinem Naturzustand. Das erinnert mich total an Hobbes: Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf.

    Ich habe das Gefühl, dass wir was das angeht auf einer Wellenlänge sind bzgl Nächstenliebe und Co. Zum Glück gibt es Blogger wie dich! DANKE!

  • Reply
    Anonym
    9. Oktober 2015 at 6:51

    Hallo Carolin,

    als ich heute morgen die Tageszeitung aufgeschlagen habe, sind mir die Überschriften zweier Leserbriefe zur Flüchtlingsproblematik ins Auge gestochen: "Deutschlands Wohlstand ist in Gefahr!" und " wer an das Märchen von Integration und Vorteilen glaubt…". Dann habe ich deinen Text gelesen und wieder mal hast du alles auf den Punkt, den gemeinsamen Nenner gebracht: Nächstenliebe und eben auch mal Verzicht. Und wie du selbst festgestellt hast, muss der manchmal gar nicht so schwer fallen. Danke, dass du Deine Gedanken in wirklich
    tollen Worten mit uns teilst.

    Liebe Grüße

    Christine Kraus

  • Reply
    Susi
    9. Oktober 2015 at 7:01

    Klasse geschrieben!! Und so wahr! Aber auch hier gilt wohl, warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Leider sind diejenigen, die es kompliziert machen klar am längeren Hebel.

    Liebe Grüße
    Susi

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    PamyLotta
    9. Oktober 2015 at 7:25

    dem ist nichts mehr hinzuzufügen ♥♥♥

    Liebe Grüße
    Pamy

  • Reply
    Vivien Hüttenrauch
    9. Oktober 2015 at 15:27

    Liebe Carolin,
    ich lese deine Texte einfach zu gern. Du triffst den Nagel wirklich auf den Kopf.
    LG Vivien

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    tillaBox
    9. Oktober 2015 at 15:45

    Dem ist absolut nichts mehr hinzuzufügen. Wie wunderbar wäre es auf dieser Welt, wenn es so einfach wäre. Aber wenn wir uns wenigstens mit unserem Umfeld versuchen auf einen Nenner zu einigen, ist schon viel getan. Danke für diesen Post!!! Liebe Grüße
    Silke

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