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Nachgedacht und aufgeschrieben

Wenn die Worte fehlen… Mein Statement zur aktuellen Flüchtlingssituation #bloggerfuerfluechtlinge

Seit Wochen schlafe ich nicht mehr richtig. Der letzte Gedanke abends, der erste morgens sind all die Menschen, die sich momentan auf der Flucht befinden. Ich lese Texte, Artikel, Blogbeiträge, schaue mir Videos, Nachrichten und Politsendungen an, will informiert sein und verstehen, was da eigentlich abläuft. Je mehr ich weiß, umso fassungsloser werde ich. Versteht das denn keiner, weiß denn keiner bescheid? Und wieso hört keiner auf die, die wirklich etwas zu sagen haben?

In meinem Kopf habe ich Texte geschrieben, viele Texte. Und keinen davon habe ich bisher veröffentlicht. Ich habe Angst, dass es zu wenig ist, zu viel, dass ich den Punkt nicht treffe oder dieser sich gar nicht finden lassen kann in all dem Chaos und Wirrwarr. Ich will was Richtiges sagen, was Wichtiges, etwas, das die Lage verändert. Und andere Menschen.
Ich diskutiere über Rechtsradikale, über die „braune Suppe“, die unser Land auszulöffeln habe, darüber, ob es richtig ist zurück zu pöbeln und andere als dumm zu bezeichnen. Ich höre Worte wie Dunkeldeutschland, Ossis und Tal der Ahnungslosen und fürchte um den Bestand einer Grenze, die doch schon seit 25 Jahren beseitigt sein müsste.
Ich möchte die Kanzlerin anrufen, irgendwen anschreien, warum nichts getan wird, warum die Regierung nichts macht. Wie es sein kann, dass in der Landeshauptstadt, vor den Türen derjenigen, die ein Machtwort aussprechen können, Kinder vor Kälte schreien und Ehrenamtliche bis zu totalen Erschöpfung versuchen, den Schmerz zu lindern.
Ich weine um Frauen, die ich nicht kenne, die auf der langen Reise ihre Kinder verloren haben, oft auch ihre Männer. Ich ertrage kaum noch den Anblick der vielen traumatisierten Kinder, die über Stacheldrahtzäune gehoben werden oder auf sich allein gestellt sind, Hunger und Durst haben, ängstlich sind, sterben.
Ich verbringe mittlerweile die meiste Zeit im Internet, lasse mich in Gruppen aufnehmen, um einen Überblick zu bekommen, wo Hilfe gebraucht wird, welche Aktionen laufen, wo ich mich beteiligen kann. Parallel dazu suche ich den Kontakt in unserer Stadt. Auch hier gibt es Flüchtlinge, bereits seit letztem Jahr. Auf über 600 soll die Zahl noch wachsen. Ich stoße an eine Mauer aus Organisation, von der ich nicht weiß, wie ich sie überwinden soll. Mein Tag braucht auf einmal 48h, ich weiß nicht mehr, wo ich anfangen, wo ich aufhören soll. Ich vernachlässige meine Arbeit, mein Zuhause, meine Familie, kann den Kopf einfach nicht mehr frei bekommen.

Mein Alltag kommt mir banal vor, belanglos im Vergleich. Ist es gerecht, dass ich in Frieden und Wohlstand lebe? Dass beides auf Kosten anderer erbaut wurde? Zählen meine eigenen Ziele, meine eigenen Träume angesichts einer völkerverändernden Realität überhaupt noch?

***


Ich habe ziemlich lange mit mir gerungen, wie und was ich über das alles beherrschende Thema der Flüchtlingsströme nur schreiben soll. Jeden Tag gibt es neue Informationen, ständig habe ich das, was ich schon angefangen hatte zu tippen, wieder gelöscht, weil es noch einen neuen Aspekt, noch etwas gab, auf das ich hinweisen wollte.

Die Wahrheit ist aber auch: ich hatte keine Ahnung mehr, wie ich das noch weiter aushalten soll. Ich habe schlicht und ergreifend den Pauseknopf in meinem Kopf nicht mehr gefunden. Ja, Pause, nicht Stopp oder Aus. Denn sind wir doch mal ehrlich: das ist doch erst der Anfang. Zu glauben, dass wir in ein paar Wochen zu einer Routine zurückkehren können, wie wir sie bisher kannten – das ist naiv. Und – auch da müssen wir ehrlich bleiben – menschenverachtend. Die Veränderung unserer Staaten, die Völkerwanderung, die nicht mehr aufzuhalten ist, die kulturelle Verschiebung – das ist unsere Realität. Und wird sie auch bleiben. Egal, ob es über kurz oder lang (und die Erfahrung zeigt, dass es eher kurz sein wird) neue und spannendere Themen für die Medienlandschaft und Politik geben wird. Und deswegen müssen wir einen Weg finden, damit umzugehen.

Bei mir hat es neulich dann endlich klick gemacht. Und noch während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich die Erleichterung über diese Erfahrung. Der Auslöser dafür war ein Telefonat mit meiner Schwester, die seit einem Monat zu einem Austauschjahr in Amerika ist. Wir hatten uns endlich das erste Mal zu einem Skype-Telefonat verabreden können. Wir sprachen über alles Mögliche und sie erzählte mir von ihren Verständigungsproblemen am College. Wir sind uns ziemlich ähnlich, wenn es darum geht, erst einmal alles zu durchdenken, irgendeinen Plan zu haben, zu wissen, was auf einen zu kommt. Und wir sind uns auch ähnlich darin, mit dem Gegenteil mehr schlecht als recht zu Rande zu kommen. Nun hatte sie also einen Kurs, in dem sie eine Aufgabe angehen sollte, für die es keine richtige Vorgabe, keinen Fahrplan gab. Sie schilderte ihrem Dozenten das Problem, versuchte zu erklären, dass sie nicht richtig verstünde, was von ihr erwartet wurde. Und er erwiderte lediglich: „No  problem. Keep the pen going. “ Zunächst musste ich darüber lachen. Ich fand diesen Satz so grandios und habe ihn mir direkt notiert. Da kann man irgendwann mal eine witzige Postkarte draus machen, für Autoren oder so, dachte ich. 
Doch der Satz lies mich nicht los. War das nicht genau die Lösung für mein Problem? Weiter machen, auch oder vor allem mit meinem eigenen Leben – wie sollte ist sonst anderen helfen können? Weiter machen mit meinem Engagement, auch, wenn es nur ein kleiner Teil eines Gesamten ist. Aber wenn ihn niemand macht, dann ist genau da eine Lücke im Gesamtgefüge. Texte schreiben, auch, wenn sie unvollständig sind und ich nicht alles weiß. Mich weiter informieren – denn nur Wissen verschafft eine klare Sicht. Aber auch die Nachrichten abschalten, wenn nichts mehr in den Kopf passt. Mich weiter vernetzen, aber nicht überall und gleichzeitig – wo soll ich sonst konkret ansetzen?

KEEP THE PEN GOING!
Wir müssen den Stift am laufen halten, den Stift, der unsere neue Realität schreibt. Das klingt jetzt vielleicht etwas pathetisch, ist aber wahr! Der Kampf darum, alles so zu lassen, wie es ist und die anstehenden Veränderungen mit aller Macht rückgängig machen zu wollen, ist nämlich wesentlich anstrengender und Kräfte zehrender als die neue Realität so zu ordnen, dass man gut oder besser noch sehr gut darin leben kann.

***

Wenn Ihr Euch weiter informieren wollt, dann möchte ich Euch noch sehr das Netzwerk #bloggerfuerfluechtlinge ans Herz legen. In der dazugehörigen Facebook-Gruppe haben sich mittlerweile schon über 1.700 Blogger und andere Interessierte zusammen gefunden, um mit ihrer Energie und ihren Ideen dazu beizutragen, dass aus all diesen Veränderungen eine großartige neue Gemeinschaft entsteht. Denn jeder Mensch ist wertvoll – egal, woher er stammt.

Das passt dazu...

3 Comments

  • Reply
    Frau Atze
    7. September 2015 at 15:59

    Danke! Ein guter Post, mir geht es genauso wie dir!
    Liebe Grüße

  • Reply
    ElinaEinhorn
    8. September 2015 at 7:36

    Danke für den Beitrag!

    Ich habe auch überlegt, ob ich denn in meiner ach so heilen Blogwelt weiter veröffentlichen und schreiben soll und wie das mit dem Flüchtlichsdrama zusammenpasst oder ob ich in meinem Blog darüber schreiben möchte. Aber im Gegensatz zu deinem passt es bei mir nicht rein und so trenne ich den Blog von anderem, lasse ihn als heile Welt, so wie ich ihn auch größtenteils von meinem Privatleben trenne.
    Und die Flüchtlinge? Da bin ich noch ratlos. Ich verfolge wie du weiter die Nachrichten, schaue, wie sich das entwickelt (wir sind so dörflich, dass das alles tatsächlich erst mal weit weg erscheint). Am liebsten würde ich sagen: "Kommt! Eine Familie können wir doch aufnehmen!" Und wenn dies realieserbar wäre udn dies viele machen würden, wäre auch schon viel geholfen. Wie realisieren? Das weiß ich noch nicht.

    Corina

  • Reply
    Astrid Ka
    8. September 2015 at 20:19

    So wie du es beschrieben hast, ging es mir die ganze Zeit auch. Ich sammelte Informationen, sichtete, diskutierte, tauschte mich aus. Bis dann der Tod meiner Schwiegermutter als Pausenknopf fungierte.
    Da endlich konnte ich wenigstens schreiben, was ich vom Missbrauch der Meinungsfreiheit durch Hetzer halte ( hier:http://lemondedekitchi.blogspot.de/2015/09/raif-badawi-demokratie-das-recht-auf.html ).
    Es geht mir etwas besser. Auch wenn ich jetzt zwangsweise nichts ausagieren kann. Wird schon.
    LG
    Astrid

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