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Nachgedacht und aufgeschrieben

Panoramafreiheit und das Recht auf kulturelle Teilhabe

Vor zwölf Jahren habe ich mein Studium der Geisteswissenschaften begonnen. Im Hauptfach Germanistik, Kunstgeschichte und Englische Literaturwissenschaft als Nebenfach. Bereits nach einem Semester entschied ich, dass Kunstgeschichte als Nebenfach mir nicht mehr ausreichte – ich wollte mehr. Mehr wissen, mehr lernen und vor allem: mehr sehen.
Darin liegt natürlich die Eigenart des Faches: man spricht über Objekte, die man sich in der Regel ansehen muss. Egal ob Gemälde, Skulptur oder Gebäude. Und da es nur selten bis quasi gar nicht möglich ist, jede Woche zu Seminarbeginn in Rom, Florenz, Paris, London oder sonst wo in Europa oder auf der weiten Welt zu stehen, greift man auf Bildmaterial zurück, was unzählige Fotografen, Dokumentare, Wissenschaftler oder einfach auch nur Interessierte zusammengetragen, aufgearbeitet und verfügbar gemacht haben. Als ich anfing zu studieren, haben wir übrigens noch mit Dia-Projektoren gearbeitet – immer zwei, um Kunstobjekte miteinander vergleichen zu können. Vor allem bei Referaten hatte derjenige hinter den Geräten eine wichtige Aufgabe: denn wenn die Dias durcheinander gerieten, konnte das die ganze Struktur, häufig sogar den ganzen Sinngehalt des Vortrages entstellen. Aber auch mit Einführung von Beamern und Powerpoint-Präsentationen hatte sich eines nicht geändert: objektive Kulturgeschichte – und objektiv meine ich hier wortwörtlich – ist  aus der Sache heraus ohne Visualisierung nicht so möglich, wie es ihrem Erbe und einem umfassenden Verständnis angemessen wäre. Nahezu meine gesamte Studien, die während dieser sechs Jahre an der Universität entstanden sind, auch meine Magisterarbeit und meine angefangene Promotion berufen sich auf Bilddokumente, die mir erst überhaupt möglich gemacht haben, an der Erforschung europäischer Kulturgeschichte zu partizipieren.

Doch damit ist bald Schluss, wenn der Parlamentarische Rat der Europäischen Union den bisher eingeschlagenen Weg zur Urheberrechtsdebatte weiter fortschreitet. Am 09.Juli 2015, um genau zu sein, wenn alle Abgeordneten des Parlaments über die sogenannte Panoramafreiheit in Europa abstimmen sollen und – so wie es in einer ersten Abstimmung geschehen ist – sich für eine europaweite Einschränkung anstatt Ausweitung aussprechen. Abbildungen von sämtlichen in der Öffentlichkeit fest verankerten Gütern, die einem Urheberrechtsanspruch unterliegen und gleichzeitig im weitesten Sinne gewerblich genutzt werden wollen, wären mit dieser Verordnung gesetzteswidrig und dürften gegen hohe Strafen abgemahnt werden – es sei denn, die Erlaubnis des Schaffenden (also nicht desjenigen, der das Foto aufgenommen, sondern das Gebäude, den Platz, … erdacht hat!) würde schriftlich eingeholt werden. Vielleicht denkt man jetzt: mein Urlaubsfoto bei Instagram – das ist doch privat? Nein, ist es nicht. Genauso wenig wie Abbildungen bei Wikipedia, Aufnahmen in dokumentarischen Filmen, Kalender mit architektonischen Themen, wissenschaftliche Bücher und Abhandlungen etc. pp. (was das im Einzelnen bedeutet, hat Julia Reda ausführlich und gut nachvollziehbar auf ihrer Website dargelegt). All das gäbe es in Zukunft entweder gar nicht mehr oder ohne Bild.
In der Verordnung der Europäischen Union (Artikel 13), der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (Artikel 27) und in unzähligen weiteren allgemein gültigen Grundlagen ist das Recht auf Zugang zu freier Bildung und das Recht auf kulturelle Teilhabe meist in ein und demselben Artikel festgeschrieben. Der Erhalt unserer Kultur hängt also offensichtlich fest davon ab, inwieweit wir den Bürgern eines Landes Zugang dazu verschaffen. Und wie kann dies einfacher, schneller und für alle verfügbarer geschehen als durch das Medium des Bildes? Wenn zur Wissensverbreitung eine Universität oder auch jede andere Bildungsanstalt Bildmaterial benötigt, auf welches sie nicht mehr zugreifen könnte, da die Verlage, die für die Verbreitung verantwortlich sind, entweder alle Publikationen aus dem Verkehr ziehen oder – was wahrscheinlicher und viel weniger absurd ist – extrem hohe Strafen für diese völlig verdrehte Form von Urheberrecht im Nachhinein zahlen müssten, was hätte das für Folgen? Wenn Dokumentarfilmer und -fotografen ihre Arbeit nicht mehr an Fernsehanstalten, Magazine und Verlage verkaufen oder selbst veröffentlichen könnten, da die Lizenzierung des Bildmaterials mit dieser Verordnung obszön hohe Summen verlangen würde – was hätte das für Folgen? Wenn jeder Reiseblog, jede Website, jedes Online-Format, hinter dem in der Regel eine einzelne Person steht und die nichts weiter im Sinn hat, als das durch sie bereiste Stück Welt erfahrbarer zu machen, Lizenzgebühren bezahlen oder Abmahnungen erwarten muss – was hätte das für Folgen? 
Die Folge wäre, dass das Bild als Zeugnis unserer Menschheits- und Kulturgeschichte verschwindet. Europa wäre ein Gefüge, das in einem weiteren Schritt lediglich durch wirtschaftliche Interessen gelenkt wäre und seinen Bürgern die oben angeführten Rechte entzieht. 
Wir leben in einer Welt, in der die Grenzen verschwinden (sollen), in der Flucht, Immigration und die Angst vorm Nächsten Themen der Tagesordnung sind. Unsere Aufgabe sollte auf diesem Hintergrund doch darin bestehen, die Welt erfahrbarer zu machen, sie einander näher zu bringen. Wenn ich auf einem Blog in einer Komposition aus Fotos und Text die Schönheit, Tiefe und kulturelle Geschichte eines Landes, einer Stadt erfahre; wenn an Universitäten und Schulen Aufnahmen benutzt werden, um das kulturelle Erbe, welches wir zum Selbstverständnis brauchen, gelehrt und erforscht wird; wenn ein Verlag mit Kalendern, Postkarten und Bildbänden auf einfache, nachhaltige und vergleichsweise günstige Weise Menschen ihre eigene, aber auch benachbarte Kulturgeschichte verfügbar macht – dann resultiert daraus das Erwachsen von gegenseitigem Interesse und Respekt vor dem anderen. Das Urheberrecht wird in keiner Weise verletzt. Keiner käme auf die Idee, sich die Erbauung des Eifelturmes in den eigenen Lebenslauf zu schreiben!
Die Aufgabe eines EU-Parlamentes sollte es sein, Gesetze zu schaffen, die eine menschenwürdige Lebensgrundlage in diesem Staatsgefüge bilden. Eine Einschränkung bedeutet  nichts anderes, als den Bürgern der EU ihr schriftlich festgelegtes Recht auf kulturelle Teilhabe zugunsten wirtschaftlicher, niederer Interessen zu entziehen! Eine Gesellschaft und deren politische Führung, die so viel Wert auf Modernität und Fortschritt legt wie nie zuvor, sollte durch moderne und damit der Zeit angemessene Gesetze geschützt und nicht nur die Kurzsichtigkeit Einzelner bestraft werden.
Deutschland hat die meisten Abgeordnetensitze im Parlament und damit einen starken und nicht zu unterschätzenden Einfluss bei der Entscheidung. Daran sollten wir unsere Abgeordneten erinnern. Genauso wie daran, dass wir im Begriff stehen, Freiheit zu verlieren, anstatt sie zu gewinnen!

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Was man tun kann:
diese Online-Petition unterzeichnen
selbst einen Beitrag verfassen oder an die Abgeordneten schreiben
diesen Blogbeitrag teilen, um auf das Thema aufmerksam zu machen

Das passt dazu...

12 Comments

  • Reply
    Ephrata Conrad
    26. Juni 2015 at 16:50

    Danke für den Verweis auf die Petition. Ich hab gestern schon davon gelesen und war echt etwas schockiert.

  • Reply
    Plottermarie
    27. Juni 2015 at 9:35

    unterschrieben und wieder einmal ein Grund mehr den Bananen EU den Rücken zu kehren… ja spinnen die ??

  • Reply
    Anonym
    27. Juni 2015 at 10:35

    Guter Post – habe selbst meine M.A. Kunstgeschichte vor fast 15 Jahren abgeschlossen und bin fassungslos, welche Stilblüten die aktuelle Diskussion um Copyright treibt…seit Anfang 2000er gibt es einen -überschaubaren, aber eifrigen- Zweig in der KG und ihren sog. Hilfswissenschaften bemühen, softwareunterstützte Bilderkennung so voranzutreiben, dass man z.B. Identische (Foto-)Ausschnitte von Kunstwerken zuordnen bzw. "matchen" kann, um wissenschaftliches Arbeiten und Recherche zu "modernisieren" und voranzutreiben…ich bin nicht so ganz tief drin in diesemspeziellen (Rand) Thema, aber in aller Kürze sind z.B. auch solcherlei Bemühungen mit einem Handstreich vom Tisch, da auch Bilddatenbanken und Archivarbeit zu einem Gjutteil hiervon betroffen sind und erschwert oder gar zunichte gemacht werden…Politik und politische Debatten zu verfolgen macht angesichts dieses enormen Unvermögens von politischer Gremienarbeit, Dinge zuende zu denken und weiterzuspinnen und den modernen Medien und entsprechendem Medienverhalten gerecht zu werden, schon lange keinen Spass mehr— bin entnervt — für heute übe ich mich in Gleichmut, direkt nachdem ich noch schnell die Petition unterschreibe…lG Miriam "Mecki macht"

  • Reply
    Heike
    27. Juni 2015 at 11:08

    Danke für diesen Post! Das ist unfassbar, deshalb habe ich auch unterschrieben.

  • Reply
    Astrid Ka
    27. Juni 2015 at 15:38

    Unmöglich! Der öffentliche Raum gehört allen und nicht denjenigen, die die Möglichkeit haben, daraus einen Profit zu schlagen.
    Ich bin froh, dass du darauf aufmerksam machst, habe sofort unterschrieben und plane einen eigenen Post ( mit backlink zu dir ) für die nächsten Tage.
    Einen schönen Sonntag!
    Astrid

  • Reply
    PamyLotta
    29. Juni 2015 at 7:30

    Liebe Carolin,
    unglaublich – habe so eben unterschrieben. Danke, dass Du darauf aufmerksam machst!

    LG,
    Pamy

  • Reply
    Anonym
    4. Juli 2015 at 12:29

    Freier Zugang zum Wissen überall.und für jeden (auch im Internet ) war schon das Anliegen und der Kampf , des leider viel zu früh. verstorbenen jungen Amerikaners Aaron Swartz.
    Zoé

  • Reply
    Tanja Praske
    6. Juli 2015 at 7:41

    Liebe Carolin,

    Astrid hat mich auf deinen Beitrag zur Panoramafreiheit nochmals aufmerksam gemacht. Ich habe ihn mit einem Rechtsbeitrag in meinem Newsletter aufgenommen und hoffe, dass möglichst viele die Petition unterschreiben. Frau Reda hatte vor das Urheberrecht zu ändern. Ihr französischer Kollege nahm das zum Anlass, ihre Punkte ins Gegenteil zu verkehren und genau das soll jetzt am 9.7. entschieden werden. In Frankreich ist nämlich das Panoramarecht eingeschränkt. Ich kenne einige Museen, deren Architektur von zeitgenössischen Architekten, darf selbst von ihnen nicht fotografiert werden, wenn der Architekt es untersagt, was sogar vorkommt.

    Es scheint eine Trendwende in der Diskussion zu geben pro Panoramafreiheit – mal schaun', was das Resultat ist. Es wird ja noch nicht rechtlich festgeschrieben.

    Sehr schön noch eine bloggende Kunsthistorikerin jetzt zu kennen.

    Herzlich,
    Tanja

  • Reply
    Ephrata Conrad
    10. Juli 2015 at 11:11

    Das Resultat ist bekannt. Die Panoramafreiheit wird nicht eingeschränkt, eine große Mehrheit der Politiker hat gegen den Entwurf gestimmt. Die Petition wurde gestern mit mehr als 500000 Stimmen überreicht und allgemein die letzten Tage mehr auf die Thematik aufmerksam gemacht!

    • Reply
      Carolin Schubert
      10. Juli 2015 at 12:23

      Ja, ich habe es gestern gelesen, nur leider noch keine Gelegenheit gehabt, es entsprechen zu teilen. Vielen Dank für den Hinweis!

    • Reply
      Ephrata Conrad
      10. Juli 2015 at 15:06

      Immer wieder gerne 😉

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