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Familie

Über verweichlichte Kinder und unfähige Eltern – eine kurze Stellungnahme

Ich bin ein Spontan-Renovierer – wie Ihr am neuen Blogoutfit sehen könnt (und, wie gefällt’s Euch? Ich bin schon total gespannt!). Ich bin auch ein Spontan-Unternehmer, ein Spontan-Schokoladenesser, ein Spontan-Einkäufer und ein Spontan-mit meinem Mann auf dem Sofa abhängen-Überreder. 
Manchmal bin ich auch ein Spontan-Textschreiber, so wie heute. Weil ich gestern einen Text gelesen habe, bei dem mir die Hutschnur hoch ging und weil ich zu solchen Dingen auch manchmal ganz spontan meine Meinung kund tun muss. So ein Blog ist doch eine wirklich ausgesprochen praktische und spontan-orientierte Sache!
Gestern las ich – kurz vorm ins Bett gehen – noch einen Artikel, den Mia vom Blog Mama Mia auf ihrer Facebook-Seite geteilt hatte. Der Artikel wurde in der Huffington Post, die ja eh für ihre etwas, nun, nennen wir es mal plakativen Sichtweisen bekannt ist, veröffentlicht und richtet sich in einer Art Stellungnahme oder offenem Brief an eine anonyme Gesamtheit von Eltern, die – zusammen genommen – nicht in der Lage sind, ihre Kinder zu selbständigen und schmerzresistenten Menschen zu erziehen. Gut, Ihr merkt schon, ich werde selbst ein wenig plakativ. Färbt anscheinend ab… Normalerweise ignoriere ich diese sogenannten Artikel gekonnt, aber die Resonanz war so erstaunlich groß – auch in mir selber – dass ich dieses Mal mit meiner Ignoranz nicht weit komme.
Versuchen wir es mal ganz sachlich. Der Grundtenor des Textes besagt, dass Eltern der heutigen Zeit durch ihre Überbesorgtheit verhindern, dass Kinder die nötige Widerstandsfähigkeit, Härte und das Selbstbewusstsein erlangen, in der Welt zu bestehen. Denn – das wissen wir alle: das Leben ist kein Ponyhof. Apropos: die Autorin erzählt von ihren Stunden, die sie als Kind auf dem Rücken der Pferde verbrachte und dass diese Immenhof-Welt anscheinend für immer vorbei sei, wie sie nach einem Gespräch mit einer Reitlehrerin erfuhr (denn diese müsse nach jedem Mal, wenn ein Kind vom Pferd fiele, die Polizei rufen). Mir liegen ja unbewiesene Unterstellungen wirklich fern, aber ich möchte an dieser Stelle doch mal meinen leisen Verdacht äußern, dass eine objektive Recherche nicht unbedingt die Stärke der Autorin ist… Aber ich wollte sachlich bleiben, also zurück zum Thema.
Immer wieder weist die Autorin darauf hin, dass wir – liebe Eltern! – daran Schuld seien (O-Ton!), dass unsere Kinder verweichlichen würden, dass unsere Sorge um den Nachwuchs wahnwitzige Züge annähme, die an Absurdität beinahe nicht mehr zu überbieten sei. Wir holen unsere Kinder von der Schule ab, anstatt sie mit dem Fahrrad fahren zu lassen (was in ländlichen Gebieten, in denen Kinder oft einen Schulweg von mindestens einer Stunde PRO Strecke haben, sehr praktikabel erscheint), tragen ihre Schultaschen, anstatt sie das selbst tun zu lassen (heutzutage werden immer mehr Kinder mit bereits fünf Jahren eingeschult, bei denen der Ranzen exakt so viel wiegt wie sie selbst. Ich nehme an, es ist gut für die kindeigene Widerstandsfähigkeit, wenn Ranzen und Kind in einer Art gegenseitigem Schleifversuch zur Schule gelangen), gehen mit ihnen bei den kleinsten Anzeichen einer Krankheit zum Arzt (ja, ich bin auch der Meinung, das Vogel- und Schweinegrippe, BSE, NoroVirus und wie sie alle heißen moderne Übertreibungen sind, die mit unserer Wirklichkeit nichts zu tun haben) und kaufen unseren Kindern Spielzeug und Kleidung aus organisch angebauter Baumwolle (anstatt sie an der Chemie nuckeln zu lassen, die uns schließlich auch nicht umgebracht hat. Was sind wir aber auch verweichlicht!).
Ja, der Text ist an Unsachlichkeit beinahe nicht zu überbieten, aber er spricht ein Thema an, dem ich immer und immer wieder begegne: die pauschalisierte Aussage – die ja letztlich auch die Autoirin bewegt – dass Eltern heutzutage absolut und völlig unfähig sind, ihre Kinder auf die richtige Art und Weise zu erziehen. Für die Autorin ist der Grund völlig offensichtlich: wir haben zu viel Angst. Und anscheinen keine anderen Hobbys. Früher ging es schließlich auch: uns haben weder aufgeschürfte Knie, eine Tracht Prügel oder Schulnoten etwas ausgemacht, all diese Dinge gehören mittlerweile offensichtlich zu unseren schönsten Kindheitserinnerungen. 
Nun hat die Zeit die Eigenart, dass sie nicht nur voranschreitet, sondern auch Veränderungen mit sich bringt, heute schneller und einschneidender als jemals zuvor in der Geschichte. Unsere Gesellschaft findet nicht mehr nur im eigenen Ort statt (wie vor 20 oder 30 Jahren!), sondern auf der ganzen Welt. Jeder hat die Möglichkeit, zu allen Themen seine Meinung zu veröffentlichen, so irrelevant sie auch sein mag. Es gibt keine Wahrheiten mehr, denn alles ist gleich. Familien sind keine gewachsenen Strukturen mehr, sondern gebildete. Den Eltern wird gesagt, dass ihre Kinder besser und pädagogisch sinnvoller in einer Fremdbetreuung untergebracht sind als daheim. Zu jedem Thema gibt es Bücher und sogenannte Experten – und egal, auf welche Art und Weise man sich mit seinem Kind beschäftigt, es ist grundsätzlich falsch. Entweder spielt man mit ihm zu wenig oder zu viel, man überbehütet oder vernachlässigt es, man ist zu streng oder zu nachgiebig, zu autoritär oder zu kumpelhaft. Normal ist leider völlig aus der Mode gekommen!
Jaja, ich höre schon den Einwand: aber was ist denn normal? Nun, vielleicht zu aller erst die Tatsache, dass Eltern nicht grundsätzlich und von der Sache wegen inkompetente Nichtsnutze sind. Und das Kinder heutzutage weder nur verweichlicht und Kinder der ’80er Jahre allesamt nur glücklich und besonders abgehärtet sind. Normal ist für mich, dass Eltern die Verantwortung für ihre Kinder tragen und nicht der Staat oder eine Institution (wie sollen denn Eltern dann noch Einfluss auf ihr Kind nehmen können?), normal ist für mich auch, dass Eltern immer nach dem Wohl ihres Kindes suchen und dass Liebe und Zuwendung noch nie etwas waren, was man zu viel geben kann. Normal wäre für mich, dass man endlich anfängt, Eltern für die heutigen Zeiten und die heutige Gesellschaft fit zu machen, dass man sie ermutigt und sie stärkt. Anstatt solche sinnlosen Texte zu schreiben, durch die der Druck – sowieso nie irgendetwas richtig machen zu können – nur noch wächst. Denn genau das ist meiner Meinung nach das eigentliche Problem: Eltern wissen nicht mehr wie Eltern sein geht. Dabei ist es völlig normal, dass das in einem drin liegt, dass man intuitiv weiß, was man zu tun und zu lassen hat. Ja, es gibt vernachlässigte Kinder und schlechte Eltern – die gab es im Übrigen auch schon vor 20 Jahren – da hat man es mangels Facebook nur noch nicht so mitbekommen. Und ja: es gibt die Eltern, bei denen auch ich die Hände über dem Kopf zusammen schlage und denke „Was um Himmels willen geht in Dir bloß vor?“
Und trotzdem: ich bin ja mal für andere Texte; für welche, in denen steht, wie großartig Eltern das heutzutage machen. Und wie großartig unsere Kinder sind. In einer Welt, die ihnen bereits in der ersten Klasse das Leistungsniveau abverlangt, was ich frühestens ab der weiterführenden Schule aufwenden musste. In der Kinder zum Teil acht oder mehr Stunden im Kindergarten, Schule oder Hort verbringen, weil Eltern arbeiten gehen müssen – um sich Familie überhaupt noch leisten zu können. In einer Welt, in der man sich seinen Platz erkämpfen und erarbeiten muss – weil ihn einfach nur zu haben leider keine Option mehr ist. Ich bin für solche Texte, weil Mut machen immer noch das beste aller Motivationsmittel ist. War es auch schon in den ’80er Jahren, oder Frau Hoffmann? 
Ich trage übrigens auch den Schulranzen meines Sohnes, genauso wie ich ihn mit dem Auto von der Schule abhole und mit seiner Lehrerin über ihn spreche. Ich puste meinen Kindern die Auas weg und nehme sie ganz fest in den Arm, wenn sie sich weh getan haben. Tatsächlich gehen meine Kinder aufs Klo, wenn sie müssen – und haben dafür keine Blasenbeschwerden so wie ich (und wahrscheinlich auch die Autorin). Sie müssen auch nicht aufessen und auch nichts, was sie partout nicht mögen. Und trotzdem sind meine Kinder toll. Sie teilen, sie verwöhnen sich nach einem Streit und entschuldigen sich, wenn sie Mist gebaut haben. Sie übernehmen Verantwortung und lernen, auf sich acht zu geben. Und haben natürlich trotzdem blaue Flecken und manchmal aufgeschürfte Knie. Ich glaube, meine Kinder sind ganz normal. Und ich auch. Genauso wie die meisten anderen „lieben Eltern“.
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Kleid und Shirt meiner Töchter sind aus dem Jersey sunny funny pineapples (Design: BORA) genäht, den ich von lillestoff zur Verfügung gestellt bekommen habe.

Das passt dazu...

12 Comments

  • Reply
    Svenja Schanding
    10. Juni 2015 at 9:21

    <3 Ich mag deine Art zu schreiben. Ich finde es wahnsinnig gut, dass du jemand bist, der seinen Kindern noch das Aua wegpustet. Ich küsse es sogar noch weg. Und das auch noch bei einem Jungen. Ich singe Lieder, mit meinem Jungen. Manchmal erdreiste ich mich sogar und trage mein Kind noch nach Hause! 😛
    Ehrlich gesagt lief bei mir vieles, was "früher" normal war und ich kann darüber sagen.. Ja es hat mir geschadet. Und es war nicht fein und mein Sohn ist selbständig, wie es ein Dreijähriger eben ist, auch ohne vielerlei von "damals".
    Ich lege nciht viel Wert auf Artikel, die aufzeigen, wie toll es damals war und wie es heute sein sollte. Ich lese keine Lifestyle-Zeitungen in denen die optimale Erziehungsmethode besprochen und auserkoren wurde.. Ich will einfach nu ne liebe lässige Mami sein! Das geht wunderbar, wenn man auf seinen Instinkt hört! 🙂 Danke für ein paar nette Wörtchen! <3

  • Reply
    Anonym
    10. Juni 2015 at 9:39

    :-* danke!

    …dein Text baut mehr auf, als so dusselige Beiträge der HuffingtonPost runterziehen…Ziel erreicht! <3

    LG Melanie

  • Reply
    Anonym
    10. Juni 2015 at 9:58

    Liebe Carolin,
    schon bei einigen Anderen konnte ich die schriftliche Auseinandersetzung mit diesem Artikel lesen. Und ich platze fast… weshalb ich den Originalartikel lieber nicht lese.
    Ich mag deine Texte, dein neues Blogoutfit, deine genähten Sachen, deine Fotos. Und ich mag es, dass mein Lieblingsblog dazu Stellung nimmt und mir aus dem Herzen spricht. Danke dafür.
    Liebe Grüsse und weiter so
    Caroline

  • Reply
    L Sabine
    10. Juni 2015 at 11:14

    Liebe Carolin
    Dass ich Deine Texte und Deine Bilder mag weisst Du ja wahrscheinlich schon, ich äussere mich nicht zum ersten Mal darüber.
    Aber heute hast Du Dich wieder einmal selber übertroffen. Die Bilder so dermassen passend zu den Texten. Hammermässig!!! Und Du hast es tatsächlich geschafft, mich zum schmunzeln statt ärgern zu bringen. Ich kenn Dich zwar nicht, hab Dich aber fast rufen gehört "was um Himmels Willen geht in dir bloss vor", als ich Bild Deiner Tochter darunter sah – und musste laut lachen!
    Danke!
    Lieber Gruss
    Sabine

  • Reply
    Anonym
    10. Juni 2015 at 14:08

    Du hast absolut Recht mit dem was du ansprichst.
    Denn es geht um ein Thema dass bei der ganzen Helikopterdiskussion gerne übergangen wird: um Bedürfnisse !

    Nur wenn Eltern in der Lage sind Bedürfnisse zu erkennen und ihnen zu begegnen, werden auch erwachsene Menschen dabei herauskommen, die ihre eigenen Bedürfnisse als solche wahrnehmen.

    Das hat nichts mit Überbehüten zu tun sondern der schlichten Transferleistung von emotionalem Geschehen in die Wort-und Tatwelt.

    Nur wenn Eltern das Gefühl als Grund des Verhaltens, der Wut, der Trauer, der Angst usw. wahrnehmen und dem angemessen begleitend zur Seite stehen können daraus stabile Persönlichkeiten werden, die erfahren haben mit sich und der Welt klarzukommen.

    Eltern, die aus Angst vor Verweichlichung Sorgen abtun, Schmerzen herunterspielen, Hilfe verweigern, Kinder allein stehen lassen schaffen gleich zwei Probleme: eine fehlende Basis und meist spätestens in der Pubertät grosse Abwendung von den Eltern und auch eine negative Grundhaltung dem Leben gegenüber.

    Es ist wie bei der Geschichte mit dem kleinen Mann und dem Mantel : nicht der Sturm schafft es so fest zu pusten, dass er ihn wegwehen kann sondern die Sonne scheint so warm, dass er ihn von sich aus auszieht, weil er ihn nicht mehr braucht.

    Steffi

  • Reply
    Suedstadtkind
    10. Juni 2015 at 15:42

    Ich Stimme dir mit jedem Wort zu.
    Weißt du was ich An dem Huffington Artikel nicht mag? Wer mag sich so überheblich aufschwingen und behaupten dass diese seine vertretene Ansicht die einzig richtige ist?

    Intuition finde ich für mich genau richtig.

    Ich bin ein Kind der 70er Jahre und meine meine Eltern haben es genau so gut hinbekommen, wie ich es heute hinbekomme. Mit unserer Intuitiven Art. Gesellschaft und äußerliche Umstände ändern sich, aber Liebe und Zuneigung und Verantwortungsbewusstsein, das bleibt.

    Lieben Gruß
    Ina

  • Reply
    blaugelbgemischtes
    10. Juni 2015 at 18:26

    Liebe Carolin,

    erst einmal zu deinem neuen Layout. Es gefällt mir sehr gut! Vorher fand ich den Text ein wenig schwierig zu lesen. Ich glaube es lag an der Farbe oder der Schriftgröße? Deine Bilder sind wirklich wunderschön! Ich kann mir nur vorstellen wie viel Arbeit du in sie und die Bearbeitung reingesteckst, beeindruckend werd! Die genähten Sachen und deine Kinder sind wirklich wundervoll! Wirklich einen sehr inspirierenden Blog den du da geschaffen hast und den ich jetzt grad sehr gern, Stück für Stück durchlese.

    Und jetzt zu diesem ärgerlichen Artikel. Ich finde es sehr wichtig, dass man als Eltern seinen ganz eigenen Erziehungsstil findet und diesen auch umsetzt. Mein Freund und ich stecken da grad noch in den Startlöchern und können nur erahnen, was da auf uns zu kommt. Verunsicherungen von vielen Seiten kann man glaube ich einfach nicht vermeiden. Das fängt doch schon bei den eigenen Verwandten an, oder? Ist es nicht immer so, dass die ältere Generation ein bisschen belächelnd auf die nächste schaut? Zumindest ein Teil. Wir wollen mal nicht alle über einen Kamm scheren 😉 Da gibts übrigens so ein Zitat aus der Antike (!) über die Jugend (nächste Generation). Die Sprüche mit dem früher war alles besser und schöner, fand ich schon immer einfach nur nervig! Was für ein unreflektierter Gedanke! Da ist es einfach wichtig, dass wir unsere Taten durchdenken und aber auch nach unserem Bauchgefühl handeln. Was tut mir und meinem Kind gut?

    Da ich Lehrerin bin, komme ich übrigens häufig mit Eltern sozusagen von der anderen Seite in Berührung und ja es gibt Unterschiede und ja Eltern können echt anstrengend sein! Auch ungerecht… Aber das wichtigste ist, dass sie das beste für das Wohl ihres Kindes zum Ziel haben. Wenn das gegeben ist, kann man eigentlich immer eine Basis für die Zusammenarbeit finden.

    Liebe Grüße,
    Claudia

  • Reply
    Anonym
    10. Juni 2015 at 19:34

    Ich sehe das Ganze ziemlich zwiespältig!
    Es hat sich einfach viel verändert. Ich selber war als Kind auch im Kindergarten, später in der Schule, klassisch bis mittags und dann war ich zu Hause und meine Mutter hatte Essen gekocht.
    Mein Kind hingegen ist mit einem Jahr in die Krippe gekommen. Nahezu ganztags. Ich hatte da auch nicht so die Wahl. Und erst auch ein ziemlich schlechtes Gewissen. Und hätte ich keines gehabt, dann hätte ich es spätestens bekommen, als ich mehrfach gefragt wurde, warum ich denn ein Kind bekommen hätte, wenn ich es denn gleich wieder "abschieben" würde.
    Jetzt im Nachgang kann ich aber nur sagen, ich habe ALLES richtig gemacht. (wie immer man "richtig" definieren mag!). Mein Sohn hat im Kindergarten im Umfeld von vielen Kindern Dinge gemacht, hat Erfahrungen sammeln dürfen, hat Entscheidungen getroffen und das alles in einem Alter, wo ich ihm das noch nicht zugetraut hätte, oder die ich ihm zu Hause einfach nicht hätte bieten können. Und ich bin ehrlich, wäre ich zu Hause mit ihm gewesen, dann hätte ich irgendwie nebenbei den Haushalt und den Einkauf erledigt, während im Kindergarten die Kinder im Mittelpunkt stehen! Ich bin daher auch eine absolute Gegnerin der Herdprämie!

    Mittlerweile geht mein Sohn zur (Ganztags-)Schule. Und hier treffe ich nun vermehrt auf die vielumschriebenen Helikoptereltern. Natürlich kann man das nicht verallgemeinern. Aber ich schüttel schon den Kopf, wenn bei einem Fußballspiel einige Mütter mit in die Umkleide toben, um ihren Kindern (7-8 Jahre alt!) beim Umziehen zu helfen (beim Schulsport können sie das doch auch alleine!). Auch kann ich für unsere Schule nicht bestätigen, dass die Ranzen extrem viel wiegen. Die Sachen bleiben die ganze Woche in der Schule und werden nur zum Wochenende mitgegeben. Selbst der Schulweg hält sich in Grenzen, und dennoch sind die umliegenden Straßen bei Schulschluss dermaßen von Autos der abholenden Eltern verstopft (und das nicht nur bei Schlechtwetter oder Dunkelheit, sondern IMMER!!!), dass es für die laufenden Kinder teilweise echt gefährlich wird. Die Appelle der Schule, dies aus Sicherheitsgründen zu unterlassen, werden geflissentlich überhört. Jeder macht da sein Ding, auf Biegen und Brechen! Hauptsache, das eigene Kind kommt vermeintlich heil hin und zurück.

    Treffe ich mich mit einer Freundin und deren Tochter auf dem Spielplatz, sitzt sie selber bis heute!!!! (Tochter ist mittlerweile fast 7) mit in der Sandkiste und reicht Backförmchen und Eimer. Oder sie steht non-stop keine 2 Meter neben dem Kind beim Klettergerüst, so dass kein normales Gespräch unter Müttern stattfinden kann, es sei denn, ich setze mich ebenfalls in die Sandkiste oder zum Klettergerüst!

    Die Mutter meines Stiefsohnes sieht es bis heute nicht gern, wenn ihr mittlerweile 16-jähriger Sohn alleine Bahn fährt! Hähhhh!?!?!?!?!?!

    Und ich arbeite in einer größeren Firma, die sich mittlerweile der Änderung der Generation angepaßt hat und für angehende Azubis einen Elternabend anbietet!!! Ich weiß nicht, ob ich das gut finden soll oder nicht. In jedem Fall haben die Eltern für die Kinder einen anderen Stellenwert, als noch vor 20 Jahren. Ich selber hätte das zu meiner Zeit eher peinlich gefunden, wenn sich meine Eltern überall so zwischen gemischt hätten!

    Ich selber versuche daher meinem Kind alle erdenkliche Liebe, Verläßlichkeit und Wurzeln zu geben, dass er weiß, dass er mit allen Themen jederzeit zu mir kommen kann. Gleichzeitig gebe ich ihm aber auch Freiheiten und die Luft zum Atmen, damit er Flügel bekommt und selbständig wird.

    Und ganz ehrlich? Mir fällt das nicht immer leicht! Loszulassen ist sooo schwer!

    Aber ER ist soooo glücklich und stolz, mit jeder Sache, die er mittlerweile alleine kann und darf.
    Von daher denke ich, dass man durchaus sein eigenes Handeln überprüfen sollte, ob man das, was man macht eigentlich für das Kind tut, oder in erster Linie nur für sich selber!

  • Reply
    Anonym
    10. Juni 2015 at 20:15

    Danke! Einfach nur Danke für deine ermunternden Worte…Ich möchte auch einfach nur aus ganzem Herzen meine Kindern Geborgenheit geben. Das ist unser größtes Ziel. Wir möchten, dass unsere beiden kleinen Mädchen jetzt und auch wenn sie erwachsen sind, einen Ort auf der Welt haben, wo sie so wie sie sind angenommen werden und wo sie sich geborgen fühlen. In meinen Augen ist das das Wichtigste was man seinen Kindern geben kann. Mit allem was dazu gehört: Singen, Pusten bei Aua, morgens im Bett kuscheln, Bauch krabbeln und einfach nur lieb haben!

  • Reply
    MM
    10. Juni 2015 at 21:44

    Hallo Carolin,
    wie immer hast du einen guten Post geschrieben und die Fotos sind herrlich!!!

    Im Grunde bin ich auch der Meinung, dass "normal" der richtige Weg ist und vor allem auch, dass jeder sein eigenes "normal" definieren darf (und sollte). Gerade beim Thema Kinder (was ja so wichtig für uns ist) verlassen sich leider so wenige auf ihre Intuition – irgendwie wurde uns das wohl abtrainiert (oder wir zu sehr verunsichert?). Es ist aber auch schwierig und ein Lernprozess für jeden Einzelnen, darauf muss man sich auch einlassen können. Ich habe zum Beispiel erst beim 3. Kind verstanden, dass Krippe nichts für uns ist. Beim 1. war es ganz normal (obwohl ich geheult habe beim Abgeben), beim 2. waren Herz und Kopf nicht einer Meinung aber jetzt weiß ich ganz genau, was für uns am besten ist. Und ich weiß auch, dass die frühe Trennung von meiner Hauptbezugsperson bei mir einiges an Bindung und Vertrauen in die Menschen zerstört hat – von wegen früher war alles besser. Sicher hat es mich auf eine gewissen Weise stärker gemacht, doch auch kälter und weniger vertrauensvoll mit mir und anderen. Das Schlimme ist, dass gewisse Muster auch zwischen mir und meinen Kindern durchkommen, ich gebe leider viel zu oft das "Reiß dich zusammen" als das Trösten weiter. Von daher bin ich auch unbedingt für positive, Mutmachende, inspirierende und zum Nachdenken und Nachmachen anregende Artikel für und über Eltern – wir können es alle so dringend gebrauchen.

    Viele Grüße und gute Nacht,
    Maria von Mäusemode

  • Reply
    Anonym
    11. Juni 2015 at 9:55

    Liebe Carolin,

    ganz toller Blogpost! Ich finde es super, wie deine Texte immer wieder zum Nachdenken anregen.

    Dieser Artikel verallgemeinert viel zu sehr und man sieht mal wieder, wie sich Frauen (Mütter) gegenseitig das Leben schwer machen.
    Dieser Artikel ist sehr reißerisch…ja, ich gebe meinen Kindern auch – wenn überhaupt – verdünnten Apfelsaft und wir können doch froh sein, dass in der Generation unserer Kinder Karies rückläufig ist, weil wir scheinbar mehr von Zahngesundheit verstehen.
    Und sollen wirklich Menschen die Welt beherrschen, die abgehärtet wurden oder die viel Liebe und Zuwendung erfahren haben?
    Ich stimme dir auch zu, dass heutzutage viele Eltern das Elternsein vergessen haben…es ist doch merkwürdig, dass einige glauben, dass Kleinkinder besser in einer fremdbetreuten Krippe aufgehoben sind, als zu Hause bei den Eltern. Weil die Eltern einfach nicht mehr wissen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen. Kinder werden auch früh selbständig, wenn sie Zuhause betreut werden!
    Ach, ich könnte noch so viel dazu schreiben… 😉

    Ist dein Mann nicht Erzieher? Was sagt er dazu?

    Die genähte Kleidung sieht super aus!

    Lieber Gruß Jasmin

  • Reply
    Ephrata Conrad
    11. Juni 2015 at 19:17

    Hallo Carolin,

    Ich finde deinen Beitrag gerade ziemlich beeindruckend, weil ich in meinem Blog Eltern wieder ermuntern möchte, auf ihr Bauchgefühl zu hören. Trotzdem sehe auch ich das sehr zwiespältig.

    1.) ich glaube Eltern haben eine Grundintuition, wie sie ihre Kinder behandeln sollten, bzw was diesen fehlt. Aber diese Intuition geht verloren, weil :

    – Eltern weniger Zeit mit ihren Kindern haben. Vor Allem Mütter. Oftmals geht das finanziell nicht, oftmals ist es auch gewollt (Selbstverwirklichung, Überforderung und Abstand). Dies liegt an der Lohnentwicklung, aber auch an der Emanzipation, die ansich nicht schlecht ist, aber meiner Meinung nach auch Nachteile mit sich bringt

    – denn Familie wird gesellschaftlich nicht mehr "anerkannt". Und dies wird teilweise auch so propagiert. Finde ich. In politischen Talkshows werden Frauen, die für das normale Bild der Familie plädieren und sagen, Kleinkinder gehören zu den Eltern, mit weniger Gesprächszeit unterdrückt oder von den jungen Feministinnen als veraltet dargestellt. Dass diese Feministinnen aber auch Politiker oftmals selbst eine Mama, teilweise noch mehr Familie, zuhause hatten, wird dabei gerne vergessen. Stattdessen dreht sich unsere Familienpolitik eher um Randgruppen. Was wichtig ist. Aber Kinder haben kein Mitspracherecht. Dadurch fehlt auch die Anerkennung.

    – die Welt wird komplexer. Und Kinder dadurch schutzbedürftiger. Mittlerweile ist die globale Vernetzung so weit fortgeschritten, und "Gefahren" drohen eben nicht nur beim Bäumeklettern und Fahrrad fahren. Ich denke, durch die eigene Angst und Unsicherheit, überträgt sich das aufs Kind.

    – weil wir selbst die Familie total durchplanen (Zeitpunkt) wird auch die Erziehung absolut sorgfältig geplant. Und damit auch das Kind. Dadurch kommt oft auch das Übervorsichtige.

    – aber : es gibt auch das Gegenteil. Das beobachte ich in unserer Großstadt vermehrt. Kinder, die die Aufmerksamkeit ihrer Eltern wirklich einfordern, weil sie es nicht mehr bekommen. So vieles stiehlt unsere Aufmerksamkeit und Energie. Die Kinder stehen nicht immer im Mittelpunkt

    FAZIT : ich denke, dass es kaum noch das "Normale" bzw die durchschnittlichen Eltern gibt. Kindererziehung ist komplex geworden.

    Unsere Kleine ist in einer Kita, als ich fand, dass sie selbstständig genug ist um sich zu verständigen. Und weil ich noch mitten im Studium stecke. Mir ging es damit nicht gut. Ich wollte das nie, sie abgeben. Ich fand und finde immer noch, Kinder gehören zu den Eltern. Jetzt arrangieren wir uns damit und nutzen die Zeit intensiv. Unsere kleine ist sehr glücklich in der Kita. Sie ist ausgeglichener zuhause. Dadurch komme ich mittlerweile damit klar. Auch wenn ich es mir anders wünsche.

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