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Das Leben als solches

Das Leben als solches #23 [Und wenn ich nun ein Carl wäre?]

Die wunderbare Nic von luzia pimpinella hat mir das Blogstöckchen (es kommt von HIER) zugeworfen und zwar mit einer Frage, die ich beim ersten Lesen total absurd fand: was wäre anders, wenn du ein Mann wärst? Absurd deswegen, weil in dieser Frage für mich zunächst mitschwang, dass das Geschlecht etwas von der Persönlichkeit unabhängiges, veränderbares ist, und vielleicht auch deswegen, weil ich den Umgang und die gesamte Diskussion in unserer Gesellschaft um Geschlechtlichkeit schwierig und bisweilen ebenso absurd wie die Frage finde.

Aber mir scheint, Nic hatte schon den richtigen Riecher, dass ich natürlich nicht widerstehen konnte, und bereits nach fünf Minuten ging das Gedankenkarussell in Bewegung. Und mittlerweile finde ich so eine sehr hypothetische Überlegung äußerst spannend und habe mir also mal so meine Gedanken gemacht. Übrigens: bei Nicole von livelifedeeply und Anna von berlinmittemom gibt es weitere richtig tolle Texte dazu!

Was wäre anders in deinem Leben, wenn du ein Mann wärst?

Zunächst einmal würde ich anders heißen, Tim nämlich. Was ich, ehrlich gesagt, schade finden würde. Nicht, weil ich Tim so einen furchtbaren Namen finde, ganz im Gegenteil (da das zweite Kind meiner Eltern dann tatsächlich ein Junge war, hat einfach mein Bruder den Part übernommen und zu ihm passt es ganz ausgezeichnet!). Aber Carolin bedeutet die Freie und passender könnte kein Name zu meinem Charakter sein. Ich schätze, auch das andere Geschlecht hätte nichts daran geändert. Carl würde ich jedoch nicht ganz so schick finden, glaube ich.

Ich wäre definitiv der klassische große Bruder – ein echter Beschützer, der die anderen bei auch nur einem schrägen Blick oder Kommentar verhauen hätte. So zeigt sich die Rolle des ersten Kindes wohl eher in einer etwas mütterlichen Attitüde, was sicherlich daran liegt, dass ich eine Frau bin und dass man als Frau andere eben nicht verhaut (hab ich trotzdem gemacht; aber nur ganz manchmal, selten).

Ich hätte niemals kratzige Strumpfhosen oder unbequeme Kleider als Kind anziehen müssen. Definitiv eine Verbesserung!

Wäre ich als Mann genauso unsportlich und mathe-untalentiert, hätte trotzdem Geige spielen gelernt und wäre eher im musisch-künstlerischen Bereich begabt, dann frage ich mich, ob ich wirklich der coole Typ mit den coolen Freunden gewesen wäre, der ich in meiner Vorstellung mit Sicherheit hätte sein wollen.

Ich wäre wohl auch als Mann hochsensibel, weil das nicht an der Geschlechtlichkeit, sondern am Erbe hängt. Was zur Folge hätte, dass ich mir auch als Mann mehr Gedanken über Dinge, Personen, Zu- und Umstände machen würde, als andere. Vielleicht nicht so viel wie als Frau, wer weiß…

Ich wäre einen strikteren Weg im Berufsleben gegangen, denke ich. Allein aus der Tatsache heraus, dass ich als Mann keine Kinder geboren hätte. Ich glaube, ich wäre nicht Kunsthistoriker, sondern direkt Journalist, Designer oder Architekt geworden – anstatt mir diese Dinge nun auf völlig verqueren Wegen anzueignen. Ich glaube – oder hoffe? – dass ich mehr gekämpft hätte.

Ich wäre trotzdem verheiratet oder zumindest in einer festen Partnerschaft und hätte mit Sicherheit auch Familie. Vielleicht nicht schon mit 24 und während des Studiums, nehme ich an, aber ich bin einfach der Typ dafür.

Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau bist?

Ganz klar: mich an Körperstellen rasieren, an denen es beim anderen Geschlecht Ausdruck wahrer Männlichkeit ist, eine Frisur zu tragen. Mich schminken, mir die Haare färben, die Nägel lackieren, fünf verschiedene Gesichtscremes besitzen – all diese Sachen, die man als Mann in unserer Gesellschaft in der Regel nicht macht und mit denen wir Frauen uns nach Lust und Laune verändern können. Was nicht heißt, dass ich nicht auch anders kann. Kann ich und will ich auch. Zuweilen.

Mit überkreuzten statt weit auseinander gestellten Beinen auf einem Stuhl sitzen; hin und wieder schnulzige Liebesfilme schauen; meinen Mann Dinge erledigen lassen, die ich theoretisch zwar könnte, aber auf die ich keine Lust habe oder für die ich nicht stark genug bin; Entscheidungen begründen oder rechtfertigen, obwohl es nicht notwendig wäre („Genau diese Schuhe in der Form habe ich aber noch nicht, ich brauche doch etwas Passendes für mein neues Kleid…“, so in der Art…); nähen und handarbeiten generell – ich schätze, als Mann hätte meine Kreativität andere Ausdrucksformen gefunden; Dinge der anderen verräumen, weil es mich mehr nervt, es liegen zu lassen als die Tatsache, dass ich mich dafür zuständig fühle; sehr viele Dinge gleichzeitig denken und tun zu können; andere zu versorgen – das würde ich sicherlich auch als Mann tun, aber da spüre ich eine extrem mütterliche Ader in mir, die definitiv etwas mit dem Geschlecht zu tun hat.

Welche Dinge lässt du lieber, weil du eine Frau bist?

Ganz klassisch: ich vermeide gefährliche Situationen (nachts allein im Wald oder in eher dubiosen Gegenden umherlaufen). Ob das als Mann anders wäre, kann ich ja nicht sagen. Hätte ich einen anderen Körperbau, wäre stärker, größer? Dann würde ich sicherlich auch allein in Gebiete reisen, die für mich so nicht in Frage kommen (vorausgesetzt, ich würde natürlich überhaupt reisen!). Hinzu kommt, dass ich eine Gefahr eher vom anderen Geschlecht als von einer anderen Frau erwarten würde. Und als Mann empfände ich diese Sorge dann wohl irgendwie als absurd.

Ansonsten bilde ich mir ein, dass ich Dinge tue oder lasse, weil es meinem Charakter, meiner Lebenssituation oder meiner Entscheidung entspricht. Unabhängig davon, ob ich eine Frau oder ein Mann bin.

Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?

Es ist leider kein Klischee, sondern erlebte, bittere Realität, dass Frau zu sein ein Makel ist, wenn es um die Suche nach einem vernünftigen Job geht. Es ist mir nicht begreiflich, wie in einer angeblich freien und demokratischen Gesellschaft, noch dazu in einem sogenannten Sozialstaat, Frauen schlechter bezahlt oder meist erst gar nicht eingestellt werden, einfach nur, weil sie Frauen sind und Familie haben (oder haben könnten). Männern gegenüber wird diese Tatsache seltsamerweise sehr selten zum Stolperstein in ihrer Karriere, wohin gegen Frauen per se unterstellt wird, dass sie aufgrund ihrer natürlich zugewiesenen Aufgabe, Kinder zu gebären, automatisch weniger leisten können und/oder sich ihr Verstand während der Wehen gemeinsam mit der Nachgeburt automatisch verabschiedet. Das macht mich wütend und hilflos zugleich.

Über Vorurteile, was Frauen in Baumärkten, Autos und an technischen Geräten angeht, lächle ich milde. Zum einen, weil es genau diese Frauen gibt, die das Klischee erst begründen und zum anderen, weil ich genau weiß, dass ich nicht dazu gehöre.

In welcher Situation war es von Vorteil, zur Gruppe der Frauen zu gehören?

Eindeutig bei den Geburten meiner Kinder. Zugegeben: währenddessen habe ich wahrscheinlich mehr als einmal verlauten lassen, dass diesen beknackten Job gern jemand anderes hätte übernehmen können… Aber ich kann mir keine ursprünglichere Erfahrung im Leben vorstellen, als ein Kind auf die Welt zu bringen. Das macht uns Frauen mächtig!

Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?

Die Frage ist für mich gleichzeitig die Antwort: all das im Leben, was getan, gedacht oder gesagt wird, in denen es keine Rolle spielt, ob Mann oder Frau. Kreativ zu sein (wie gesagt: außer evtl. in der Ausdrucksform), jemanden zu lieben; das zu tun, was man gut kann und was einen glücklich macht.


Ich würde gern den Versuch starten und das Stöckchen eine Runde weiter werfen. Natürlich ist das ganz freiwillig, ob Ihr es auffangt und die Fragen beantworten wollt. Aber vielleicht habt Ihr ja Lust? Spannend fände ich es in jedem Fall!

Vera von nicest things

Katharina von sonea sonnenschein

Bine von was eigenes

Anita von grinsestern

Ricarda von Pech&Schwefel

Und natürlich bin ich auch auf Eure Ideen und Meinungen zum Thema gespannt, schreibt gern in den Kommentaren, was Ihr dazu denkt!

Einen wunderschönen Start ins Wochenende,

Eure Carolin

Das passt dazu...

4 Comments

  • Reply
    Sonea Sonnenschein
    30. Mai 2015 at 17:17

    Liebe Caro,

    ich finde die Fragen (und auch Deine persönlichen Antworten) unglaublich interessant und fange das Stöckchen sehr gerne auf.

    Liebe Grüße
    Katharina

  • Reply
    patty sc
    31. Mai 2015 at 20:29

    Ein unglaublich cooler Beitrag. Diese Idee ist einfach unglaublich, musste an manchen Stellen gerade so lachen. Du kommst wirklich unglaublich sympathisch rüber und ich bin gespannt, was ich demnächst noch von dir lesen werde 🙂

    Liebe Grüße 🙂
    http://measlychocolate.blogspot.de

  • Reply
    almut
    31. Mai 2015 at 22:55

    Hallo, hallo! Danke fürs Mitmachen 🙂

    Wir würden uns freuen, wenn Du auf den Ausgangspunkt unsres Blogstöckchens verlinken würdest, wir würden nämlich so gerne alle bei uns versammeln und das klappt nicht, wenn wir die Posts in den Weiten des Internet nicht wiederfinden.

    Hashtag für Twitter etc. ist übrigens #WasAndersWäre.

    Und hier zur Liste derer, die mitgemacht haben: http://ich-mach-mir-die-welt.de/2015/05/blogstoeckchen/

    viele Grüße schickt
    almut

  • Reply
    Fee ist mein Name
    1. Juni 2015 at 12:04

    Das Ding geht echt gerade rund. Und ich finde es total spannend zu lesen, was andere so davon halten… :)!

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