the blogbook.
Das Leben als solches

Das Leben als solches #21 [Wo Du willkommen bist]

 Es gibt ein Thema, zu dem ich eine ganze Menge zu sagen hätte. Wollte ich auch schon längst gemacht haben. Hab ich aber nicht. Denn: dieses Thema bedeutet Herz-Schmerz für mich. Nun hab ich nicht unbedingt Angst vor solchen Themen, aber habe mich doch ziemlich lange im Eiertanz geübt; weil ja die Worte nicht immer so wollen wie man selbst, weil man nicht immer genau den Punkt trifft, weil man am Ende etwas Wichtiges vergessen könnte (was ich bei Herzensdingen dringend vermeiden möchte), weil manche Dinge wiederum auch schon zu oft gesagt wurden oder aber, weil „die anderen“ (also die Leser) am Ende gar nicht bemerken oder verstehen, wie wichtig einem das ist, was man in mühevoller Arbeit und im Angesicht seiner schweißnassen Hände in die Computertastatur getippt hat. Aber es nützt ja nix, irgendwann muss es raus, aufs digitale Weiß: meine Gedanken zum Thema Wohnen.

Ich nehme an, Ihr seid jetzt angemessen schockiert? Deswegen macht die Alte so einen Aufriss? Jawohl, so ist es. Seit ich denken kann, ist das Thema Zuhause und Wohnen  eins, was mich sehr nah der Herzgegend bewegt. Als Kind habe ich meinen Eltern immer erzählt, dass ich als Erwachsene am Meer in einem reetgedeckten Haus wohnen werde (ich ahnte damals noch nichts von utopisch hohen Feuerversicherungen…), bereits im Teenageralter habe ich im Wochenrhythmus mein Zimmer umgeräumt und mich mit meinen minimalen Mitteln in der Kunst der Dekoration versucht. Zu meinen Kindheitserinnerungen zählt aber auch die Angst und damit verbundene Albträume, aus dem Haus, welches meine Eltern gekauft hatten, wieder ausziehen und anderen dabei zusehen zu müssen, wie sie dort wohnen würden, wo eigentlich unser Zuhause war (keine Sorge – es kam nie so weit!).

Meine ersten vier eigenen Wände bezog ich dann tatsächlich am Meer – Reetdach war keins vorhanden, dafür jedoch stinkender alter Teppichboden, keinerlei Möbel außer ein Bett und ein Badezimmer im Keller, bei dem die Badewanne das Spülwasser der Küche zunächst hochpumpte, bevor es dann in den Tiefen der Kanalisation verschwand. (An dieser Stelle möchte ich hinzufügen, dass das Haus eigentlich ein wunderschönes war und durch die neuen Besitzer bereits vor ein paar Jahren zu seinem alten Glanz zurück fand).

Seitdem habe noch so einige weitere Unterkünfte mein Zuhause genannt: ein WG-Zimmer in Kiel, was ich mit einer Studentin teilte, die nicht allzu gut auf mich zu sprechen war. Es könnte daran gelegen haben, dass ich bereits die dritte Mitbewohnerin in Folge war, die aus hochzeitlichen Gründen wieder auszog; ein ausgebauter, ehemaliger Heuboden in einem mittelhessischen Fachwerkhaus, schräg gegenüber der katholischen Dorfkirche, die sieben Tage die Woche unermüdlich bereits morgens um sechs Uhr läutete (wir waren nun mittlerweile zu zwei, aber noch ohne Kinder und sechs Uhr morgens an einem Wochenende fand ich damals echt unzumutbar!); im Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses aus den 1960er Jahren, was doppelt so viele ungedämmte Abseiten wie Zimmer besaß, dafür aber die weltbesten Nachbarn, die man sich nur wünschen kann und in dem wir die ersten 2,5 Jahre als junge Familie verbrachten; schließlich eine 3-Zimmer-Wohnung in einem sanierten Stadthaus in der sächsischen Landeshauptstadt, dem man den Altbaubestand leider nur noch von außen aussah, aber als Brutstätte für Kind no. 2 und no. 3 diente und welche wir zum Schluss also zu fünft bewohnten. Seit mehr als drei Jahren wohnen wir nun hier: in einem unsanierten Altbau aus den 1930er Jahren, in dem die militärische Ortsprominenz zu Hause war, mit knarzenden Dielenböden, hohen Decken, alten Doppelfenstern aus Holz und einer Mansarde, die zu damaligen Zeiten dem Diener als Unterkunft zur Verfügung stand.

Ohne besonders tiefgründig veranlagt sein zu müssen, kann man wohl aus meiner Aufzählung schließen, dass ich (mein Mann übrigens auch) ein Faible für in die Jahre gekommene Häuser bzw. Wohnungen habe. Tatsächlich könnte ich mir nicht vorstellen, einen Neubau zu bewohnen – obwohl ich dem Gedanken an Sanitäranlagen, die vorher niemand benutzt hat, sehr viel abgewinnen kann! Ich finde tatsächlich, dass sich ein Haus mit Geschichte gleich von vornherein wohnlicher anfühlt. Als hätten es all die Menschen vorher schon ein bisschen eingelebt. Wie Schuhe, die so richtig eingelaufen sind. Sie sehen nicht mehr so hübsch und ansehnlich aus wie zu Beginn, sind aber unschlagbar bequem! Ich glaube im Übrigen daran, dass Menschen etwas von sich in einem Haus hinterlassen, wie einen seelischen Fingerabdruck. Vielleicht haltet Ihr mich jetzt für verrückt, aber ich habe auch diesbezüglich meine Erfahrungen gemacht…

Jetzt fragt Ihr Euch vielleicht, warum wohnen für mich so eine Herz-Schmerz-Angelegenheit ist. Weil ich so oft umgezogen bin? Ja, okay, das kann schon Schmerzen verursachen, aber mehr auf dem Konto als am Herzen ;-). Ich sag Euch, warum. Weil ich bei all den Orten und all den Wohnungen immer nach DEM einen Platz gesucht habe. Nach dem Ort, an dem ich genau weiß, wer und wo ich bin, an dem ich tief durchatmen kann und der mich weder blockiert noch ausbremst. Ich habe sozusagen nach meiner Herzgegend gesucht.

Home is where your heart is, das geflügelte Wort kennt Ihr sicher und meist bringt man es mit geliebten Menschen in Verbindung; dort das Zuhause zu suchen und zu finden, wo man geliebt und angenommen ist. Aber ich glaube, das Herz kann sich auch nach einem geografischen und einem wohnlichen Zuhause sehnen, nach dem Ort, an dem man richtig aufgehoben ist. Die Frage an dieser Stelle ist nur: was gehört dazu?

Ich weiß, welche Dinge es bei mir sind; oder sagen wir besser: ich dachte, ich wüsste es. Als wir letztes Jahr kurz davor standen, mal wieder alles fein säuberlich zu verpacken und die Umzugsmänner zu bestellen, dachte ich, dass ich diesen Dingen anschließend näher sein würde. Eine spannende und inspirierende Umgebung, ein toller Arbeitsplatz, der die wirtschaftlichen Sorgen endlich verkleinert statt vergrößert hätte, eine gute Bildungspolitik, die Alpenlandschaft zu Füßen und eine wunderschöne Stadt direkt vor der Haustür. Und dann hieß es, eine Wohnung, ein neues Zuhause zu suchen. Welches wir nicht finden sollten. Die Argumentationen hierfür waren kreativ wie vielfältig und in den meisten Fällen durchaus auch familien- und/oder menschenverachtend. Wohnungen, die groß genug gewesen wären, wollte man uns nicht vermieten. Wir könnten sie nicht bezahlen, 120qm wären für eine fünfköpfige Familie doch eh zu klein, im Haus wohne ein älteres Ehepaar, dass sich durch die Kinder gestört fühlen könnte, Erzieher sei kein ernstzunehmender Beruf, ein unbefristeter Arbeitsvertrag mit einer dreimonatigen Probezeit sei doch eine etwas unsichere Angelegenheit und zu guter Letzt wurde mein Mann am Telefon einfach ausgelacht. Also versuchten wir es mit einer kleineren Wohnung. Man hätte ja später immer noch umziehen können, dachten wir. Wohnungen, die verfügbar, zwar zu klein, aber dadurch mehr als bezahlbar gewesen wären, wollte man uns auch nicht vermieten, die Argumentationen lauteten ziemlich ähnlich wie oben. Das Ende der Geschichte kennt Ihr ja, wir sind immer noch hier. In einer Stadt, die ich weder inspirierend noch spannend finde, mit einer Bildungspolitik, die mir Kopfzerbrechen bereitet und einer Arbeitssituation, die nach wie vor mehr ange- als entspannt ist.

Und trotzdem habe ich gemerkt, dass ich grad gar keine Kisten packen will. Weil das hier kurioser Weise mein Zuhause ist, ein Zuhause, welches auf dem Vormarsch Richtung meines Herzens ist. Weil ich hier in einer Wohnung lebe, die mich mit ihren knarzenden Dielen, den hohen Decken, den alten Holzfenstern, den lichtdurchfluteten Räumen und dem kleinen Gartenstück von der ersten Besichtigung an verzückte. Weil ich hier nur ein paar Schritte laufen muss, um im Grünen zu sein, obwohl die Großstadt nur eine Vierstelstunde entfernt ist. Und selbst das Meer kann ich an einem Vormittag erreichen, wenn ich will. Weil wir hier den Raum haben, uns kreativ zu entfalten und ich – obwohl es nicht mein eigenes Haus ist und ich mit Rauhfaser leben muss (wohnlich gesehen meine persönliche Höchststrafe, kommt direkt hinter oben beschriebener Kloakenbadewanne) – doch soviel eigene Ideen umsetzen kann. Weil meine Töchter kein anderes zu Hause kennen (bzw. sich nicht mehr an das andere erinnern) und mein Sohn hier zur Schule geht.

Aber ganz vor allem und weil: wir uns hier willkommen fühlen. Und zwar im tatsächlichen Wortsinn. Ich will (hierher) kommen, wenn ich auch nur ein Wochenende unterwegs war. Ich atme tatsächlich auf und kann all das, was ich nicht sehen und hören will, vor der Haustür lassen. Und sie gleichzeitig weit öffnen, um für andere Platz zu schaffen. Ist das nicht letztlich Zuhause? Wohnorte sind veränderbar, genauso wie Einrichtungen und die Häuser, in denen wir leben. Gleichzeitig sind sie wichtig und nein, ich kann nicht behaupten, dass es egal ist, wo ich wohne, Hauptsache, ich habe meine Lieben bei mir. Aber eins habe ich gelernt: es stimmt, dass das Zuhause da ist, wo Dein Herz ist – weil man nur da, wo das Herz hinwill, willkommen ist.

Das passt dazu...

3 Comments

  • Reply
    Simone Scheiber
    17. April 2015 at 12:47

    Liebe Carolin,
    du treibst mir regelmäßig die Tränen in die Augen, wenn ich deine Posts lese. Ich finde du bringst die Dinge auf den Punkt. Du
    erzählst so dass ich denke du schreibst die Wörter auf, die mir auch so oft durch den Kopf gehen.
    Vielen Dank dafür.
    Ganz liebe Grüße von Simone

  • Reply
    KreaMino
    17. April 2015 at 18:26

    Liebe Carolin,
    das ist mal wieder ein sehr sehr schöner Text, der einen sehr bewegt und mitfühlen lässt!
    Danke für deine Texte!
    GLG Dominique

  • Reply
    pipa pocoloco
    20. April 2015 at 19:36

    Ich mag euer Zuhause. Es ist schön eingerichtet und ich liebe die lichtdurchfluteten Räume. Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass du jetzt schreibst, dass du dich gänzlich unwohl fühlen würdest und bin sehr erleichtert über den letzten Teil deines Textes :-*

    Liebe Grüße
    Paola

  • Leave a Reply