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Das Leben als solches

Das Leben als solches #20 [Warum wir Trendesser sind]

Dass zunächst alles über den Atlantischen Ozean muss, um anschließend als Trend wieder zu uns zu schwappen und uns daran zu erinnern, dass wir eben diesen Trend schon seit hunderten von Jahren als Tradition kennen, ist ja eine alte Kamelle. Neulich las ich beispielsweise, was uns im Food-Bereich in diesem Jahr alles an Neuem erwarten würde und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der ganz große Hit aus der ostamerikanischen „Das braucht die Welt“-Metropole New York ist? Rinderbrühe (Broth)! Jawohl, gekochte Rinderknochen. Ich habe direkt überlegt, ob ich nicht zum Telefonhörer greifen soll. Adressat: meine Oma. „Oma“, würde ich sagen, „stell Dir mal vor, Du liegst voll im Trend!“ Ich denke, ich sollte Ihr raten, ihre Rente damit aufzubessern: sie verkauft einfach ihre weltbeste Brühe (die gibt es nämlich nicht bei Brodo, wie die Damen und Herren dort denken, nein, die gibt es kurz vor der polnischen Grenze, in der Oberlausitz!) in kleinen hübschen Bechern direkt aus dem Fenster heraus. Und da die Rechnung „Knochen und/oder Gemüse + Salz = Grundlage zum satt werden“ zu meiner Kindheitserinnerungsmathematik gehört (heißt auf deutsch: ich habe schon sehr früh gelernt, wie die Brühe in den Topf kommt), bin ich auch total trendy.

Also, wäre ich jetzt geworden. Wenn ich es nicht schon sowieso wäre. Wegen meiner Familie. Es ist nämlich so. Wir folgen mit exzessiver und uneingeschränkter Hingabe der Slow Food-Bewegung – nur vielleicht nicht ganz nach dem ursprünglich gedachten Verständnis bzw. Konzept…

Zum Mittagessen im Allgemeinen (die Zeit zum Kochen nicht mit eingerechnet) brauchen wir mindestens eine Stunde, für Frühstück und Abendessen gilt ungefähr dasselbe, wenn auch aus anderen Gründen. Das macht allein drei von 24 Stunden (Minimum!) für die Nahrungsaufnahme während der Hauptmahlzeiten. Hinzu kommen – je nach Aufwand – noch Zeiten fürs Kochen und Vorbereiten und, da Kinder wie Raupen sind, mindestens noch zwei Zwischenmahlzeiten. Summa sumarum sind wir bei mindestens 6 bis 7 Stunden, die bei uns so fürs Essen drauf gehen. Rechnet man noch mal 6-7 Stunden Schlaf dazu, ist mehr als die Hälfte jeden Tages fest verplant.

Nun mag der ein oder andere behaupten, dass man einfach nur clever sein und die so gewonnene Zeit entsprechend ausnutzen müsse. Jaaa, das habe ich auch gedacht. Mit folgendem Ergebnis:

1. Da ja immer behauptet wird, dass gründliches Kauen und langsames, genussvolles Essen gesundheitsfördernd sind, habe ich also versucht, mich dem Tempo meiner Kinder anzupassen („Familie“ – wie oben benannt – ist eigentlich falsch, denn mein Mann isst so schnell, dass das Essen noch nicht mal abkühlt, bevor der Teller leer ist…) Ergebnis: mein Darm hatte bei zu Mehl zerkauten Kartoffeln, faserlosem Fleischmus und zu Saft gepresskauten Möhren nicht mehr allzu viel zu tun. Von Genuss konnte ich aber nicht mehr viel erkennen.

2. Meine Versuche, in dieser Stunde liegen gebliebene (Haus)arbeit zu erledigen, sind kolossal gescheitert. Während ich noch auf dem Weg zum Wäschekorb im Nachbarzimmer bin, schreit Kind 1: Du musst pusten! während Kind 2 laut heulend lamentiert: Mir schmeckt das aber nicht! Kind 3 verkündet hoheitsvoll: Ich mache aber gar keinen Quatsch während Kind 2 wiederum aufgehört hat zu schreien und nun mit Schwung den Teller samt Becher von sich schiebt, was das Wechseln des gesamten Outfits nach sich zieht. Kind 1 ist mittlerweile der Meinung, dass zwar genug gepustet wurde, aber noch alles klein geschnitten werden muss, während das eigentlich so vernünftige Kind 3 anfängt, Saucengesichter auf dem Tisch zu malen…

Als Mutter ist man an so einer Stelle ja durchaus verzweifelt und fragt sich, welches genetische – oder am Ende erzieherische? – Versagen man sich zuschulden hat kommen lassen. Recherche war angebracht und ich habe meine eigene Mutter befragt (aus genannten Gründen konnte Herr S. ja nicht  der Verursacher sein…). Was erfahre ich mit ungläubigem Blick und hochgezogener Augenbraue? Ich war immer die letzte beim Essen!

Ich habe beschlossen, das Beste daraus zu machen. Pädagogisch gesunder Erfindungsreichtum gepaart mit trendspezifischer Ausrichtung – so nennt man das heute. Wenn ich nämlich eine ganze Tafel Schokolade sehr langsam kaue, könnte das unter Umständen schon mal eine Stunde dauern. Slow Food at its best, würde ich sagen. Das wäre gesund und nervenschonend! Erwähnte ich, dass ich Food-Trends liebe? Die sollen sich mal warm anziehen an der atlantischen Broth-Front!

Das passt dazu...

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