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Das Leben als solches

Das Leben als solches #18 [Fünf ist ein Quadrat oder: die Angst vor der freien Mitte]

„Sicher is‘, daß nix sicher is‘, drum bin i vorsichtshalber mißtrauisch.“

– KARL VALENTIN

Es ist nicht mehr zu leugnen: die Welt ist in Bewegung. Sie verändert sich und nichts scheint mehr so zu sein, wie es soll. Terroristen, fremde Religionen, Menschen mit Sprachen, die wir nicht verstehen – wir kennen uns einfach nicht mehr aus. Die einen wollen das Abendland retten, die anderen Menschen ohne Heimat und Geld ein neues Zuhause geben. Oder waren es am Ende dieselben? Wieder andere wollen ihren Ruf retten – oder sich selbst. Wer kann das schon so genau sagen?

Wir sind verzweifelt auf der Suche nach Maßstäben, Richtlinien und Handlungsanweisungen, weil wir im Grunde nur eins tun wollen – das Richtige. Aber was soll das bloß sein?

Wie wäre es beispielsweise mit Einigkeit und Recht und Freiheit. Ein Land, das sich auf das Recht verlassen kann, die Freiheit des anderen garantiert und einig beieinander steht – müsste das nicht wissen, was das Richtige ist? Die Realität ist aber wohl leider die, dass wir ziemlich gut darin sind, die Einigkeit zu besingen, wenn die Nationalelf den grünen Rasen betritt, um das Runde ins Eckige zu bringen. Aber mit der eigentlichen Umsetzung hat es nicht nur einmal gehapert, da brauchen wir ja nur 25 Jahre in der Geschichte zurück gehen. Trennung statt Einigkeit, das scheint uns in den Genen zu liegen. Wir stellen uns in die Ecke – am besten jeder in seine. Und die Mitte bleibt frei – und einsam.

Ecke 1: Wir sind das Volk – und gehen auf die Straße

Was tut man, wenn man Angst hat, wenn man nichts mehr versteht und gehört werden will? Man igelt sich entweder ein und schottet sich vom Rest der Welt ab. Oder man erhebt die Stimme, wird lauf, schreit, bis alle es hören. Man sucht sich Gleichgesinnte, trifft sich, tauscht sich aus. Und man geht auf die Straße. Wie es seit Monaten die Menschen in Deutschland tun. Der Grund ist die Angst vor dem Unbekannten, die Angst, Dinge ansehen zu müssen, die man nicht versteht, nicht gut heißt und denen gegenüber man machtlos dasteht. Das Paradoxe an der ganzen Sache ist, dass nicht nur die Menschen, die auf die Straße gehen und dagegen demonstrieren, Angst vor dem Unbekannten haben, sondern auch die anderen. Vor den Demonstranten. Wir sind das Volk? Nein, wir wollen Trennung. Eine Trennung in richtig und falsch, in schwarz und weiß, in rechts und links. Die einen, die auf die Straße gehen, verstehen nicht, was in diesem Land passiert, die anderen verstehen die einen nicht. Statt gemeinsamer Gespräche, statt Austausch, Zuhören, Fragestellen, gibt es den Strafverweis. Geht in die Ecke, wir wollen Euch in unserer nicht haben. Und die Mitte, der gemeinsame Weg bleibt frei. Und einsam.

Ecke 2: Wir sind die Chefs – und haben keine Ahnung

Ein politisches System ist immer nur so viel wert wie seine Regierung. Leider, könnte man angesichts einer Politik sagen, die nicht mehr weiß, welchen Wert sie hat. Oder einnehmen soll. Es gibt keinen Plan, keine Ahnung, keine Richtung. Auf der einen Seite steht der Bürgermeister, der in der Bewegung der ganzen Welt eine Bewegung für seine Stadt und seine Region sieht: Freunde statt Fremde, Fortschritt statt Rücktritt. Auf der anderen Seite steht eine Stadt, die pleite ist und keinen Ausweg mehr weiß, als die fremden und in notgeratenen Flüchtlinge in einem ehemaligen Arbeitslager der Nationalsozialisten unterzubringen. Einen gemeinsamen Weg gibt es nicht. Denn die Bundesregierung, die hier einspringen müsste, kennt nichts anderes als populistische Reden. Die anderen bei Laune halten, dann merkt vielleicht niemand, dass wir keine Ahnung haben. Keine Ahnung vom Mittelweg! Der bleibt frei. Und einsam.

Ecke 3: Wir sind Eure Stimme – und bestimmen die Wahrheit

Auszug aus dem Songtext Selling the news von Switchfoot:

See, opinions are easier to swallow than facts 

The greys instead of the whites and the blacks

If you shoot it too straight it won’t come back

We’re selling the news

See, money speaks volumes louder than words

And virtues with wings, maybe not quite at first

But salaries are paid by the ads not the verbs

We’re selling the news

 

See, all men are equal; all is for sale

A powerful dog has been chasing his tail

The lowest common denominator prevails

We’re selling the news

 

I wanna believe you, I wanna believe

But everything is in-between

The fact is fiction, the fact is fiction

Wer etwas sagen will, braucht eine Stimme. Und je lauter die Stimme ist, umso stärker wird sie gehört. Fragt da noch einer so genau nach dem Inhalt, nach dem, was gesagt wird? Heißt Lautstärke automatisch, das Richtige zu verkünden? Und ist eine Stimme, die sich verkaufen muss, die richtige? Oder stellt sie nur alle anderen in eine Ecke, die mit der Lautstärke nicht mithalten können? Anfang des Jahres konstatierte Bundespräsident Gauck, dass die Presse in unserem Land ausgewogener und korrekter sei, als wir das in der Geschichte mehrmals erlebt hätten. Gelegentliche Irrtümer und Unwahrheiten gehören halt zum alltäglichen Geschäft.

Ecke 4: Wir sind solidarisch – und Ihr seid dumm

Das Wort Solidarität leitet sich vom lateinischen Adjektiv solidus ab. Dieses steht für zuverlässig, wahrhaftig, treu, fest und ehrlich. Da haben wir ihn doch, den richtigen Weg der Mitte? Wir müssen solidarisch werden. Oder besser noch sein. Ja, schreien wir laut. Solidarisch mit einer Religion, anstatt mit den Menschen, die vor ihr fliehen müssen – während wir verlangen, dass die Kirche sich gefälligst rauszuhalten hat. Ist das wahrhaftig? Solidarisch wollen wir sein – und den noch fremden Menschen zeigen, wie sehr wie bemüht sind, ihre Kultur zu achten. Die eigene lassen wir dafür gern außer acht. Ist das treu? Solidarisch wollen wir sein – und spielen den Anwalt für die Menschen, von denen wir glauben, dass sie keine Stimme mehr haben. Indem wir die vermeintlichen Gegner ausmachen, sie als dumm und ungebildet beschimpfen. Ist das zuverlässig? Wir wollen solidarisch sein. Und machen doch nichts anderes, als uns in eine Ecke zu stellen. Möglichst weit weg von den anderen. Die gemeinsame Mitte der Brüderlichkeit bleibt frei. Und einsam.

Fünf ist ein Quadrat

In der Mathematik gibt es das Phänomen der Konzentrizität. Man kennt dieses Vorkommen sowohl bei Kreisen als auch Quadraten. Geometrische Figuren sind dann konzentrisch, wenn sie denselben Schwerpunkt und nur einen Mittelpunkt haben. Vier Ecken ergeben – miteinander verbunden – einen gleichseitigen Rahmen um eine gemeinsame Fläche; den gemeinsamen Mittelpunkt, den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das Verhältnis und der Schwerpunkt sind vorgegeben – und bilden die Basis für alle weiteren, darum gezogenen Linien; sie stehen in Fläche und Auswirkung immer im Verhältnis zum Mittelpunkt.

Vier Ecken – und eine freie Mitte, die sich mit einer einfachen Übung zum kleinsten gemeinsamen Nenner machen lässt. Der für mich nichts anderes als Nächstenliebe sein kann. Liebe zu unseren Mitmenschen, die Angst haben, die nichts verstehen können oder wollen. Liebe zu den Fremden, die aus Verfolgung hierher kommen, nichts besitzen und alles verloren haben. Liebe zu einem Volk, das aus eigener Erfahrung weiß, wie sich Unterdrückung und Verfolgung anfühlen. Liebe zu einem Land, das so reich ist und so viel geben kann.

Nächstenliebe als Schwerpunkt. Nächstenliebe als fünfte Seite des Quadrats. Nächstenliebe als Mitte.

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6 Comments

  • Reply
    frolleinLuSi
    16. Februar 2015 at 9:39

    Ein wundervoller Text!!!Er spricht vielen aus der Seele, die genau das denken!Ich diskutiere selten über das Thema, weil man sich tot darüber diskutieren könnte.Nächstenliebe fehlt gewaltig hier bei uns.Stattdessen wird auf jemanden gehört der nicht die leiseste Ahnung davon hat was er da überhaupt sagt!Nicht ein einziger von uns kann nachvollziehen und verstehen wie es denen geht die hier her flüchten!Wir könnten so viel abgeben, stattdessen werden diese Leute angefeindet und keiner möchte sie.
    Diese Angst ist begründet ja, aber nicht von den gläubigen sondern wie Dieter Nuhr schon gesagt hat, man sollte Angst haben vor den Fanatikern.
    Ich schaue mir gerne die Satire Sendung Nuhr im Ersten an.Dort werden viele Sachen auf den Punkt gebracht.Ich kann es nur mal empfehlen dort reinzuschauen!Die letzten 2 Sendungen haben zum nachdenken angeregt.
    Es ist schwer darüber was zu sagen, seine Meinung auszudrücken.
    Du machst es sehr sehr gut!!!
    Ich finde deine Schreibweise wunderbar!!!
    Mach weiter so!!!
    Liebste Grüße
    Sina

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2015 at 9:50

      Das, was mich so arg beschäftigt, ist die Spaltung in unserem Land. Wir meinen, mit einfach Wahrheiten weiter zu kommen, aber das kann nur nach hinten losgehen. Und ich bin ehrlich davon überzeugt, dass wir aufhören müssen, die eigenen Leute im Land in eine Ecke zu stellen. Verurteilungen und Etiketten wie braun, Nazi, fanatisch etc. – ich glaube, das bringt uns nicht weiter, das bringt Chaos. Und Elend. Und vor allem Uneinigkeit. Und getrennt von einander kann man nie was erreichen!

      Ich dank Dir für Deinen Zuspruch – ich bin oft sehr aufgeregt und frage mich: will das irgendwer lesen, kann ich auf den Punkt bringen, was mir auf dem Herzen liegt?

      Liebe Grüße,
      Carolin

    • Reply
      frolleinLuSi
      16. Februar 2015 at 9:54

      Ja das frage ich mich auch.Ich kann es nicht so gut auf den punkt bringen wie du, aber lesen und interessieren tut es glaub ich ne Menge hier!!!
      Ja Meinungsfreiheit ist das Stichwort und trotzdem wird man dann in eine Ecke gestellt!!!Nochmal vielen Dank für deinen Text!!!👍

  • Reply
    frolleinLuSi
    16. Februar 2015 at 10:17

    Fanatiker meinten ich die Leute, die wegen ihrem Glauben töten!Oh Gott hoffentlich habe ich mich jetzt nicht falsch ausgedrückt.
    Ich denke es wird schwer den Leuten zu sagen, dass sie kein Schubladendenken verwenden sollen.Ich finde jeder sollte seine Meinung äußern dürfen.Nur da es ja so "krasse Ecken" gibt, glaube ich nicht dass es zusammenhalt in der Mitte geben wird.Dafür sind die verschiedenen Gruppen zu stark geprägt.
    Ich kann mich leider nicht so gut äußern und rüberbringen was ich denke!😩
    Vor allem nicht wenn ich schreibe!Ich kann es besser mündlich😏

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2015 at 10:27

      Keine Panik! Ich verstehe schon, was Du meinst. Und ja, das kann gut sein. Irgendwer wird immer in der Ecke stehen bleiben, weil er da nicht raus will oder kann. Aber das ist nicht die Mehrheit. Und wir müssen aufhören, diese Leute zur Mehrheit zu machen. Das gibt Macht, wo keine sein sollte. Ich glaube, die Menschen würde eine gute und starke Mitte schaffen können. Wenn sie es ernst nehmen, daran glauben und sich auf das richtige ausrichten.

  • Reply
    Katharina Richter
    16. Februar 2015 at 16:26

    Mal wieder ein Gänsehauttext von dir. Ich bin nicht so der Mathenerd, aber ja, ja, ja, eine gemeinsame Mitte aus Nächstenliebe, das brauchen wir. Ich hoffe doch sehr, dass ich mehr und mehr lerne, aus und mit dieser Mitte zu leben.
    Liebe Grüße,
    Katharina

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