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Das Leben als solches

Das Leben als solches #17 [soziale Mathematik nach Seneca]

 Obwohl ich mein Latinum erst beim vierten und damit letzten Versuch bestanden habe und das auch nur mit 5 Punkten (was einer Schulnote 4 entspricht), habe ich doch zumindest einen Satz behalten:

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Okay, wenn ich an all die Biologiestunden über einzellige Lebewesen, die Chemiestunden, in denen wir endlos Elemente aufschlüsseln und Formeln auswendig lernen mussten, die Sportstunden,  in denen das Ziel war, eine Minute lang im Kopfstand zu verharren oder an die Aufgaben im Kunstunterricht denke, die ich eigentlich mit Bravour meisterte, meine Lehrerin jedoch nach Namen und nicht nach Leistung benotete – dann würde ich sagen: setzen, sechs. Das kommt davon, wenn man meint, schlauer als die altgriechischen Philosophen sein zu wollen und einfach kurzerhand deren wahrscheinlich Jahre lang durchdachte Zitate durcheinander bringt, um damit einen Meta-Sinn zu kreieren, den man wesentlich logischer findet. Was ich damit meine? Ganz einfach: Seneca hatte den berühmten Nagel schon in die Wand gehauen: das, was wir lernen, bewegt sich im wesentlichen im Rahmen der Schule und hat absolut nichts mit dem realen Leben zu tun. Denn eigentlich heißt es in seinem Brief an Lucilius Iunior genau gegenteilig! [Biologen und Chemiker seien bitte gnädig mit mir, ich vermute, besagte Formeln und Untersuchungen über Einzeller haben für sie eine gewisse Relevanz.]

Die Spitze der senecaesken Schulfächer bildet meiner Meinung nach Mathematik. Gut, in den ersten Jahren, da lernt man noch, wie viel zwei Äpfel und drei Birnen ergeben und wie viel Mäxchen seiner Schwester an Taschengeld abgeben muss, damit beide gleich viele Eiskugeln kaufen können. Schließlich ist eine Formel für Obstsalat, sowie eine Vorbereitung auf den eventuell unter Geschwistern ausbrechenden Existenzkampf vor der Eisdiele durchaus sehr praxisnah. Aber spätestens, wenn man sich mit Cosinus- und Sinuskurven, Wahrscheinlichkeitsrechnung und integralen Formeln herumschlagen muss, ist die Mauer des Schulgebäudes die harte Grenze der Realität. Jetzt könnte man meinen, das läge an meinem mangelnden oder quasi non-existenten Talent für Zahlen und Rechnungen. Bis letzte Woche war ich der gleichen Meinung. Aber jetzt weiß ich Bescheid!

Letzte Woche bekam ich einen Brief. „Sehr geehrte Frau Schubert, hiermit teilen wir Ihnen mit, dass der von Ihnen gestellte Antrag nach wie vor leider nicht bewilligt werden kann, da die von Ihnen eingereichten Unterlagen bereits in die erste Berechnung eingeflossen sind. Im Anhang finden sie eine Kopie des Bescheids.“

Die Sachaufgabe, die dahinter steht, ist folgende: eine Familie mit fünf Personen, von denen zwei erwachsen und drei Kinder sind, kann in Deutschland – wenn sie sich die Betreuung ihrer Kinder teilen will, beide Erwachsene arbeiten und der Hauptverdiener zudem im sozialen Umfeld tätig ist – nur schwer bis gar nicht die sogenannte Mindesteinkommensgrenze erreichen. Aus diesem Grund gibt es sogenannte Zuschüsse nach dem Sozialgesetzbuch, die eben diese Familie unterstützen sollen. Das Problem an der ganzen Angelegenheit: man muss rechnen können. Und da wir ja – siehe Beweisführung oben – leider nur meinen, besser als Seneca bescheid zu wissen, ist es mit der sozialen Mathematik leider nicht weit her.

Das zeigt sich an folgenden Fakten:

1. Eine Behörde, die einen Brief wie den obigen schreibt, ist leider nicht in der Lage, Daten in der richtigen, heißt chronologischen Reihenfolge zu verarbeiten. Erwähntes Schreiben bezieht sich auf einen Antrag von Ende November, der am 04. Dezember abgelehnt wurde. Am 10. Dezember wurden eben jener Behörde aktualisierte Unterlagen zugesandt, die im Schreiben vom 29. Januar angeblich wiederum in den Bescheid vom 04. Dezember bereits eingeflossen seien. Diese Behörde muss über magische Fähigkeiten besitzen, anders kann ich mir die individuelle Zunutzbarmachung von zeitlichen Reihenfolgen nicht erklären.

2. Jedes Jahr wird ab dem 01. Januar die sogenannte Grenze zur Grundsicherung (= wie viel ein Bewohner in Deutschland mindestens an Geld zur Verfügung haben muss) in den Sätzen für Arbeitslosengeld II/Hartz IV festgelegt. Diese Grenze erhöht sich jährlich mit der Begründung steigender Lohn- und Nebenkosten. Während sich also die Menschen in der harten Realität einer Inflation gegenüber sehen, in der beispielsweise Benzin- und Lebensmittelpreise spürbar sinken, müssen diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – ihr Einkommen nichts selbst bestreiten können, auf den Zustand vorbereitet werden, dass das Leben eben immer teurer und nicht mehr tragbar wird. Dies tut man mit 8,- Euro pro Person.

3. Damit die fünfköpfige Familie auch dem realen Leben angemessene Unterstützung erhält, wird auch ihr die sogenannte Grundsicherung zugrunde gelegt. Es entspricht ja einer allgemein anerkannten Lebensweisheit (sicher kannte Seneca die auch schon), dass mit dem Jahreswechsel alles anders und besser werden muss. Da also die Grundsicherung, die im Dezember des einen Jahres noch gewährleistet war, im Januar des neuen Jahres nicht mehr gegeben ist (siehe 2.!) – es sei an dieser Stelle noch einmal darauf hingewiesen, dass besagte Familie nach wie vor dasselbe Einkommen aus denselben Arbeitsstellen bezieht; die Erneuerung über den Jahreswechsel durchzieht also durchaus nicht automatisch alle relevanten Lebensbereiche – drückt der Staat sein soziales Mitgefühl aus, in dem er die bisherige Unterstützung streicht.

4. Diese sozialen, mathematischen Formeln, nach denen unsere Beispielfamilie also bei nach wie vor gleichem Verdienst auf einmal nicht mehr in der Lage ist, das Mindesteinkommen selbst aufzubringen und sich damit der bisherigen Unterstützung unwürdig erweist, machen eine Betreuung durch eine weitere Behörde vonnöten. Ganz lebensnah wird an dieser Stelle berechnet, dass beide Erwachsene, obwohl sie einer bezahlten Tätigkeit nachgehen, mit zum Teil unbefristeten Verträgen, sich eine andere Arbeitsstelle suchen müssen. Sozial-mathematisch ist eine weitere Unterstützung sonst nicht zu gewährleisten. Das nicht vorhandene zweite Auto, die nicht vorhandene Betreuung der Kinder am Nachmittag und die nicht existierenden Stellenangebote können dabei leider nicht in die Gleichung einfließen. [was den letzten Punkt angeht: siehe dieser Blogpost]

Nun wird der ein oder andere vielleicht sagen: „Was regt sich die Alte denn so auf? Mehr Geld verdienen heißt hier die Lösung: keine Abhängigkeit, ausgeglichene Formel, Problem gelöst.“ Dieser Person muss ich leider folgendes Antworten: Seneca hat immer recht – und du keine Ahnung. Wenn man nämlich einen vollen Job hat und drei Kinder, die nur bis mittags betreut werden, ist es nicht möglich einen zweiten, mindestens halbtägigen Job anzunehmen  – was man jedoch müsste, um die errechneten, angeblich angemessenen Verdienstgrenzen für Angestellte im sozialen Bereich auszugleichen. Die soziale Mathematik will es, dass eine fünfköpfige Familie, deren Hauptverdiener als Erzieher arbeitet, genauso viel Einkommen hat wie wenn gar keiner arbeiten gehen würde. Macht für den Staat wahrscheinlich Sinn – sozial und sozial gesellt sich gern. Bei einer vollen Stelle hat man jedoch mehr Ausgaben (längere Betreuungszeiten, u.U. ein zweites Auto, fehlendes zweites Einkommen) und fällt damit letztlich wieder unter besagte Grundsicherungsgrenze. Die jetzt aber keiner unterstützen will, denn dafür gibt es keine Formel.

Ja, so ist das mit der sozialen Mathematik. Im Abitur hatte ich eine vier in Mathe. Damals dachte ich, ich könnte froh sein, denn ich war nicht eben talentiert was Zahlen angeht. Was für ein Irrtum! Die Wahrheit ist, alle anderen können es genau so wenig. Es merkt nur keiner. Ich denke, ich werde in Senecas Fußstapfen treten und ein neues Zitat etablieren:

Non vitae, sed magistratus calculamus.  

Nicht für das Leben, sondern für die Behörde rechnen wir. Und dann werde ich hoffen, dass irgendwann wieder einer denkt, er sei schlauer als ich.

Das passt dazu...

16 Comments

  • Reply
    LES MAV
    13. Februar 2015 at 9:54

    ich bin ehrlich,ich bin kein abiturjent vielleicht verstehe ich deshalb zum teil nur bahnhof und das was ich verstehe macht mich traurig und mich auf anderer seite auch wieder froh das mein gatte wenn auch durch seine ständige abwesendheit und 9 mit seinen Einkommen gut über die runden bekommt

    das ist dir sicher kein trost aber ich lass dir eine stärkende umarmung da
    lg

    • Reply
      Carolin Schubert
      13. Februar 2015 at 10:53

      Das ist sehr lieb von Dir – vielen Dank! Ich glaube nicht, dass es etwas damit zu tun hat, ob man Abitur besitzt, die Logik erschließt sich einem einfach nicht, es gibt nämlich keine. Es ist ja offensichtlich, dass uns das alles widerfahren ist und ich möchte auch gar nicht den Eindruck erwecken, dass wir unser Leben nicht auch selbst gewählt haben. Aber mir ist es so wichtig, einfach die unsozialen Richtlinien unseres sogenannten Sozialstaates aufzuzeigen! Es gäbe so viel, was sich so leicht ändern ließe – aber dafür fehlt einfach der Blick auf die Menschen.

  • Reply
    frolleinLuSi
    13. Februar 2015 at 11:31

    Du hast mal wieder so recht!
    Menschlichkeit fehlt unserem Staat sehr viel.Es wird an Stellen ausgegeben wo es nicht so nötig wäre wie an anderen!
    Wir selber merken es hier auch!Also ist es egal wenn du als Mutter wieder in den Beruf einsteigst.Letzte Endes machst du es nicht wegen dem Geld weil es nicht reicht wenn dann da die doppelten Betreuungskosten abgezogen werden.Da die Kinder ja länger betreut werden müssen!
    WeIch finde es traurig, das Familien nicht vernünftig unterstützt werden und stattdessen ständig formulare ausgefüllt werden müssen und die noch nicht mal vernünftig gelesen und berücksichtigt werden!
    Du sprichst mir aus der Seele, wie wahrscheinlich so vielen Familien in dieser Situation!
    Du schreibst wunderbar!!!Mach weiter so!!!
    Liebste grüße
    Sina

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2015 at 9:52

      Ich dank Dir! Du hast Recht, es geht viel zu vielen Familien so. Dabei liegt doch da die Zukunft!

  • Reply
    L Sabine
    13. Februar 2015 at 12:54

    Liebe Carolin
    Ojeh. Das mit den sozialen Berufen ist sowas von ungerecht. Viele wollen es nicht machen und fast alle wollen die Dienstleistungen gratis oder billig. Egal ob Erzieher oder Altenbetreuer oder was auch immer. Am liebsten soll es den Staat und die Gesellschaft nichts kosten. Und die, die diesen Beruf ausüben, sind doppelt bestraft! Wenig Lohn und keine Unterstützung.
    Ich wünsche Euch viel Kraft für Euren Weg!!
    Lieber Gruss
    Sabine

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2015 at 9:53

      Ich dank Dir sehr! Und wie Du ganz richtig sagst: es betrifft beinahe alle Dienstleistungen im sozialen Bereich, deswegen ist es mir so wichtig, auf die Missstände aufmerksam zu machen!

    • Reply
      L Sabine
      23. Februar 2015 at 20:59

      Ach und was ich noch sagen wollte: über einen Post, wie es weiterging würde ich mich sehr freuen. Schade, dass Ihr nicht in der Nähe der Schweiz wohnt. Bei uns im Heim suchen wir dringend einen Sozialarbeiter, leider bis jetzt vergebens. Und in der Schweiz sind wir zwar im Vergleich mit anderen Berufen schlecht bezahlt, im Vergleich mit Deutschland aber schon sehr gut….
      Danke für Deinen tollen Blog!
      Herzlich
      Sabine

  • Reply
    Anonym
    13. Februar 2015 at 13:08

    Hallo Carolin,

    ich bin hier ehr eine stille Mitleserin. Deine Beiträge gefallen mir richtig gut. Dieser besonders, weil es mal wieder den Irrsinn der deutschen Bürokratie rüber bringt. Es gibt sovieles wo man nur den Kopf schütteln kann, z. B. die Spangsabgabe GEZ, obwohl keinen Fernseher muss man den "vollen Preis" zahlen. Ich habe mit der GEZ vor Jahren unzähligen Schriftverkehr gehabt, noch zu der Zeit als es die Einheitlichen Abgaben nicht gab. Damals hatte ich mich entschlossen meinen Fernseher abzuschaffen, teilte dies mit und man wollte mir klar machen, ich hätte weiter zu zahlen. Das Argument ich müsste für ein abgemeldetes Auto ja schließlich auch keine Steuern und Versicherung zahlen. Ich habe dann schlichtweg nur noch meine Rundfunkgebühren bezahlt gut war, bekam aber mindestens jährlich eine Anfrage. Schließlich will man die Bürger über die Medien ja schließlich schön gefügig machen und dumm halten oder so. Ich könnte jetzt noch viele weitere Beispiele aufführen. Nur eins, mach weiter so mit Deinem Blog, er macht Spaß zu lesen und eben jetzt auch mal nachdenklich.

    Alles Gute

    Alexandra

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2015 at 9:56

      Ich freu mich immer so sehr, wenn ich es schaffe, die sonst stillen Mitleser zur Wort zu bringen :-). Und jaaaaa, was die GEZ angeht, könnte ich auch noch so einige Geschichten aufs Tapet bringen. Sollte ich vielleicht mal tun… 😉

  • Reply
    Fräulein Mai
    13. Februar 2015 at 13:37

    Für mich stellt sich da aber mal wieder die Grundfrage. Wie kann es sein, dass Menschen die die Erziehung und Betreuung unseres Nachwuchses, oder in meinem Fall die Versorgung von schwerst-mehrfach-behinderten Menschen übernehmen so wenig verdienen. Ich finde gerade im sozialen Bereich müsste es wesentlich höhere Löhne geben für eben sozial geleistete Arbeit.
    Es ist doch ein Witz, dass man seine Familie nicht, wie in anderen Berufen, mit einer Vollzeitstelle ernähren kann. Dazu muss noch gesagt sein, dass es glück ist wenn man eine 100% Stelle bekommt. Diese sind ja im sozialen Bereich nicht unbedingt üblich und reich gesät.
    Ich kann dein Problem durchaus nachvollziehen und manchmal frage ich mich, wo die Gerechtigkeit bleibt.
    Ich wünsche dir gute Nerven um diesen Bürokraten Irrsinn zu überstehen.

    Liebste Grüße

    Fräulein Mai

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2015 at 9:58

      Du bringst es auf den Punkt: die Stellen, die man braucht, gibt es nicht. Bzw. mit diesen Stellen ist es wiederum unmöglich, ein Familienleben zu führen, weil man für 28 Stunden möglichst fünf Tage die Woche ganz flexibel zwischen 6 und 18 Uhr verfügbar sein muss…

      Danke für Deinen Zuspruch!

  • Reply
    Stylinchen
    14. Februar 2015 at 8:24

    Ich mag deinen Schreibstil. Ich bin trotz relativ guten Abiturs und Deutch LK nicht besonders begabt, Dinge in schöne Schrift zu verpacken. Daher zeige ich dann besser nur genähtes, lese aber gerne hier.
    Im übrigen bringt mich die finanzielle Entlohnung der sozialen Bereich regelmäßig kurz vor einen Wutausbruch. Ich bin ebenfalls im sozialen Bereich tätig, ich habe sogar 8 Semester erfolgreich studiert und ein Diplomprüfung erfolgreich absolviert. Trotzdem wäre ich sogar mit meiner Vollzeitstelle nicht in der Lage gewesen unsere 5 köpfige Familie jeden Monat gut über die Runden zu kriegen. Denn es ist kaum ein Arbeitgeber zu finden, der einen Diplom-Pädagogen zu entsprechender Entlohnung zu beschäftigen, wenn es Erzieher und Heilpädagogen für weniger Geld machen könnte auch wenn sie dafür dann ein paar Fortbildungen mehr brauchen. Dabei ist nicht mal nur der Arbeitgeber selber Schuld, sondern das System an sich in den meisten Fällen mit zu wenig Geld ausgestattet.

    Ich wünsche euch, dass einer von euch in diesem Jahr einen Job findet und ihr euch nicht mehr mit Ämter herumschlagen müsst, denn das macht keiner gerne.

    Viele Grüße
    Mandy

    • Reply
      Carolin Schubert
      16. Februar 2015 at 9:59

      Ich freu mich, dass Du so gern hier liest. Und ich bin so dankbar für Deinen Kommentar, weil er weiter zeigt, wie irrsinnig dieses System ist! Soviel zum Wunsch nach Fachkräften.

      Und vielen Dank für Deine lieben Worte!

  • Reply
    schoengut
    17. Februar 2015 at 10:09

    Liebe Carolin,
    ich habe lange überlegt, ob ich hier mal kommentiere und mache es jetzt einfach mal…ja,ich stimme dir zu: Die soziale Mathematik stimmt in diesem Land oft nicht und Ämter und Behörden sind oft mehr als nervig und es ist sehr entlastend, wenn man so wenig wie möglich mit ihnen zu tun hat. Und ja, ich verstehe deinen Ärger, auch vor allem aus der eigenen Betroffenheit heraus und naja…du hörst schön, denn das klingt alles nach einem ABER.
    Und mein Aber heißt: Mir fehlt hier die Leidenschaft, von der du im vorigen Posting über dein Bloggen, deine Arbeit mit Lillestoff und das Nähen gesprochen hast (KLAMMER AUF: Im Übrigen finde ich den Text dort ganz wunderbar und ich gönne dir von Herzen so eine tolle Zusammenarbeit und ja, natürlich sollen und dürfen Blogger Kooperationen eingehen, aber wenn sie dann Leser wegen mangelnder Transparenz verlieren, wunderts mich auch nicht, weil eben diese fehlt: Transparenz. Ja, natürlich steht in jedem Posting "Werbung", wenn welche drin ist und ist alles schick gekennzeichnet, aber ich als Leserin hätte mich trotzdem gerne darüber informiert gefühlt. Einfach um es einordnen zu können. Konkret: Meine persönlichen Fragezeichen "Hä? Wieso kommt jetzt Werbung? Und das auch noch regelmäßig? Und nur Lillestoff? Oder noch was Anderes?" hätten mit zwei einfachen Sätzen "Ich informiere euch darüber, dass ich mit Lillestoff eine Kooperation eingegangen bin und für Lillestoff zukünftig Designbeispiele nähe. Daher werdet ihr in Zukunft regelmäßig neue Lillestoffe auf diesem Blog sehen" oder so ähnlich umschifft werden können. DAS wäre für mich transparent und keine "Werbung", die sich so still und heimlich und regelmäßig in die Postings einschleicht. Hat ja nix damit zu tun, das ich hier nicht weiterlesen würde, oder das doof finden würde, oder was auch immer, sondern ich hätte einfach das Gefühl, dass das transparent und ich informiert bin. KLAMMER ZU!)
    Und zurück zum Thema: Die Leidenschaft von der du dort geschrieben hast und die ich gut nachempfinden kann, fehlt mir hier beim Posting über die soziale Mathematik. Denn ganz ehrlich, und du weißt ja vielleicht noch, dass mein Mann und deiner und ich auch ähnliche Jobs mit ähnlicher Bezahlung haben: Hat dein Mann nicht seinen Beruf aus auch einer gewissen Leidenschaft heraus gewählt (ich vermeide mal bewusst die fromme Keule namens "Berufung"! ;))? Und dann bin ich mir doch auch bewusst, dass ich mit einer Erzieherstelle meine Familie ernähren kann, aber das eben auch keine Höhenflüge werden. Dass ein Erzieher auch "nur" ein Erzieher ist und kein "Sozialarbeiter" und auch nicht als solcher bezahlt wird. Und ist es nicht auch die Leidenschaft aus der Arbeit mit den Menschen, die mich dann über ein geringeres Gehalt ein bisschen hinwegtrösten wird?
    Und dass einer nicht voll arbeiten gehen kann, weil die Kinder nur halbtags in den Kindergarten gehen: DITO! Ich reiche dir die Hand und wir leben das gleiche Familienmodell. Ich habe mich vor ein paar Monaten bewusst gegen eine Vollzeitstelle entschieden und arbeite nun überqualifiziert halbtags, weil ich es nicht anders wollte. Weil die halbtägige Betreuung der Kinder unseren Werten entspricht, unserer Auffassung von Familienalltag und unserem Wunsch. Und wenn mir das wichtig ist, weiß ich doch auch, dass ich auf mehr Gehalt verzichte. Ich hole dich mal mit ins Boot: Wir wollen doch unsere Kinder nicht von 7:00-17:00 in die Kita bringen, um entweder Karriere zu machen, oder die Kohle reinzuholen. Und weil wir es nicht wollen, begnügen wir uns mit weniger. Kohle. Aber mehr Leidenschaft. Und mehr Authentizität (dein Thema, stimmts? ;)) Weil wir unser Leben leben.

  • Reply
    schoengut
    17. Februar 2015 at 10:10

    Und ganz ehrlich…mit wem vergleichst du dich? Und ich zähle mich da mit rein: Mit wem vergleiche ich mich? Mit den "tollen Bloggerfrauen", deren Namen ich jetzt nicht erwähnen muss: mit Eigenheim, Mann, der scheinbar unendlich Kohle verdienen muss, damit das exorbitante Nähzimmer mit 3 Plottern, 8 Nähmaschinen, Fotoausrüstung mit 100 Teilen Zubehör und einem Stoffregal, der bis ans Lebensende nie vernäht werden kann (du merkst: ich übertreibe leicht ;)) finaniziert werden kann, die Kinder müssen scheinbar nie betreut werden, die Putzfrau schmeißt den Haushalt und sie kann sich voll und ganz verwirklichen, ohne darauf angewiesen sein zu müssen, dass Kohle aufs Konto kommt!?
    Die gibt es (scheinbar) zuhauf. Aber das sind nicht wir uns das bist nicht du. Denn dein Blog ist in dieser reichen Bloggerlandschaft so erfrischend "normal" und irgendwie "bodenständig". Also, komm. Nicht so viel jammern auf (trotzdem) hohen Niveau.
    Jetzt halte ich wieder meine Klappe, warte auf deine Antwort und wünsche dir das Beste. Tatsächlich von Herzen. Und du weißt selbst, dass das augenscheinlich und gefühlt Schwierige trotzdem oft das Beste sein kann…ne??
    Christin.

    • Reply
      Carolin Schubert
      18. Februar 2015 at 7:02

      Liebe Christin,

      vielen Dank für Deinen ausführlichen und ehrlichen Kommentar!

      Zunächst einmal: die Werbung hat sich nicht eingeschlichen, es gibt tatsächlich ein Posting, indem ich explizit darüber schreibe, dass ich ab sofort mit Lillestoff zusammenarbeite. Das liegt nur schon ziemlich weit zurück, weil die Zusammenarbeit auch schon eine ganze Weile andauert. Außerdem findest Du rechts in der Sidebar einen Abschnitt Partner, unter dem lillestoff und Bernina zu finden sind. Mein Versehen war, dass ich die Werbung nicht von Anfang an gekennzeichnet habe – tatsächlich aus Unwissenheit. Ich habe auch erst mit der Zeit viel über das Blogger-Business gelernt, unter anderem solch rechtliche Dinge. Die ich versuche, so weit wie es geht zu beachten. Ich verstehe nicht, warum es für viele so ein Problem ist, wenn das Wort Werbung im Post auftaucht. Wie überall im Leben bezahlt Werbung das Geschäft, beim Bloggen ist das nicht anders. Ich glaube nicht, dass ich in jeden Post schreiben muss, dass ich für lillestoff arbeite. Das tue ich ohnehin schon relativ oft – da vertraue ich darauf, dass der Leser das irgendwann weiß. Die Texte, die ich schreibe, sind transparent. Und ehrlich gemeint. Wenn ich etwas sagen will und dafür Stoffe zur Illustration verwende, die ich in meiner Kooperation bekommen habe, dann ist das nicht weniger transparent. Dann mache ich mit dem Wort Werbung einfach deutlich, dass ich mir den Stoff nicht gekauft habe.

      Und was das andere Thema angeht: Ja, es geht um Leidenschaft und um Berufung. Ich sehe aber nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Erzieher und Sozialarbeiter verdienen in unserem Land übrigens ungefähr das Gleiche, nur so nebenbei. Und ich vergleiche mit NIEMANDEM. Wir leben unser Leben und Du hast vollkommen Recht, das Modell unserer Familie, zu dem auch die Betreuung unserer Kinder nur bis mittags gehört, wollen wir so. Das haben wir selbst gewählt. Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, dass unser Sozialstaat keiner mehr ist und das soziale Berufe absolut und völlig unterbezahlt sind. Ein Wirtschaftsboss tut seine Arbeit nicht unbedingt mit weniger Leidenschaft und Berufung. Verdient aber unter Umständen das Zehnfache. Und ich finde es nur legitim, auf Missstände aufmerksam zu machen, die nämlich ziemlich viele Familien in diesem Land betreffen. Familien, die versuchen, sich selbst zu versorgen, dabei aber Kinder haben, um die sie sich kümmern wollen und die die Zukunft des Landes bedeuten. Die aber in unserem reichen Land ohne Hilfe nicht leben können. Zu denen gehören wir im Übrigen auch. Nein, ich jammere nicht auf hohem Niveau – wie kommst Du darauf? Ja, es gibt die Blogger, denen es scheinbar nur gut geht. Aber warum sollte ich mich mit denen vergleichen? Mal abgesehen davon, dass sie auch nur normale Menschen sind und ebenfalls ihr Modell für Familie und Leben selbst gewählt haben. Ich sehe mich da in absolut keiner Konkurrenz und auch nicht in einer Position, aus der heraus ich irgendetwas gerade biegen müsste. Das ist gar nicht meine Aufgabe, das würde mich total überfordern!

      Du hast Recht, das Schwierige kann das Beste sein – was in keinster Weise bedeutet, das man über das Schwierige nicht reden kann.

      Liebe Grüße,
      Carolin

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