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Das Leben als solches

Das Leben als solches #15 [Un-Satz des Jahres]

Nicht mehr lange hin (um genau zu sein, noch fünf Wochen), dann ist das Jahr zu Ende. Und es wird von einer Jury aus Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten das Unwort des Jahres 2014 gewählt. Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich eine Einsendung machen soll – allerdings ist es bei mir gleich eine ganze Reihe an Wörter. Mein Un-Satz des Jahres 2014 heißt nämlich: „Erzieher werden doch überall gesucht!“

Hätte ich eine Strichliste geführt, wie oft ich diesen Satz in diesem Jahr zu Ohren bekam, könnte ich entweder ein mehrseitiges Buch binden oder hätte alternativ Wände statt Papier zu Hilfe nehmen müssen – wie in gruseligen Filmen, in denen Gefangene mit einem kreideähnlichen Stein Striche an die rauen Steinwände kritzeln. Wie gesagt: gruselig.

Dass Realität und Fiktion aka „eigentlich müsste/hätte/sollte doch“ keinen gemeinsamen Nenner haben, ist nichts Neues, in der Politik schon mal gar nicht. Um das mal klar heraus zu stellen: Fiktion heißt in diesem Fall, dass flächendeckend über die ganze Republik Kindergärten, Kinderkrippen, Nachmittagsbetreuung an Ganztagsschulen, Horte und weitere ähnliche Kinderaufbewahrungsorte aus dem Boden gestampft wurden. Garniert hat man das Ganze mit einem Gesetz, nach dem jedes Kind einen Anspruch auf außerhäusliche Betreuung hat und alles schön als politisches Weihnachts-, Oster- und Geburtstagsgeschenk zusammen verpackt. Wir dürfen unsere Kinder abgeben und fachkundiges Personal das erledigen lassen, was die Gesamtheit der Elternschaft anscheinend nicht allein hinbekommt. Und das auch noch den ganzen Tag, fünf Tage die Woche – ist das nicht großartig? Apropos fachkundiges Personal – Erzieher, Pädagogen, Sozialarbeiter, Heilpädagogen, Heilerziehungspfleger – die gesamte geballte Kompetenz erziehungswissenschaftlich ausgebildeter Spezialisten würde in unserem Land eine völlig neue Aufwertung erfahren. Jobs ohne Ende – vor allem für Männer (!), Karrieremöglichkeiten, wie man sie in der Branche bisher nicht kannte, Fort- und Weiterbildungen für jeden, der sich als Quereinsteiger doch lieber auf die sichere Seite des Geschenkestapels begeben will. Deutschland, das pädagogische Paradies!

Ein Paradies, in dem die erzieherischen Früchte jedoch mächtig faul sind. Ein paar wahllos herausgesuchte Fakten:

Ein Erzieher, der eine volle Stelle einnimmt und ungefähr nach öffentlichem Tarif bezahlt wird, verdient brutto so viel, wie ein Arbeiter in der Automobilindustrie netto in der niedrigsten Lohngruppe. Das lässt sich höchstens dann verbessern, wenn man so lang wie nur irgendwie möglich die Tätigkeit und evtl. den Arbeitgeber beibehält. Das wiederum bedeutet, dass ein Erzieher, der einen (nach deutschen Maßstäben!) angemessenen Lohn verdienen will, keinesfalls mehr jung genug ist, um die nötige Energie, Kraft und Gelassenheit für die Betreuung von Kleinkindern aufzubringen.

Wenn eine Mutter ihr Kind für 4-5 Stunden (was ungefähr einem halben Platz entspricht) in einem Kindergarten anmelden will, dann kann es passieren, dass ihr dieser Platz verwehrt wird. Mit der Begründung, dass es genügend Interessenten für eine volle Fremdbetreuung der Kinder gäbe und dies sowieso aus pädagogischer Sicht wesentlich besser für das Kind, für die Einrichtung und überhaupt für den Weltfrieden sei. Umgekehrt kann eine Mutter (oder natürlich ein Vater oder beide) in ernsthafte Schwierigkeiten geraten, wenn sie, um zum Familieneinkommen beizutragen, eine Betreuung außer Haus sucht. Denn leider sei diese nur morgens von 6-10 Uhr möglich oder auch gern in einer Nachmittagsgruppe ab 16:30 Uhr.

Groß im Kommen sind ja Ganztagesschulen. Ganz nach amerikanischem oder besser noch französischen Vorbild soll die Schule zum Hort unserer Kinder werden, indem sie Bildung, Freunde, sportliche Aktivitäten, Hausaufgaben, Ernährung und Erziehung unter einem Dach finden. Fachkundig geschultes Personal, was überdies auch noch in ausreichender Anzahl vorhanden ist, und räumlich ausreichend große Möglichkeiten werden dabei jedoch völlig überbewertet. Stattdessen pfercht man die Kinder nach Unterrichtsschluss noch ein paar Stunden in ihre Klassenzimmer und stellt einen Lehrer vor ihre Nase, der nichts weiter weiß, als fröhlich noch ein paar weitere Schulstunden abzuhalten. Bei steigenden Anmeldungen zu einer Nachmittagsbetreuung werden vorsichtshalber von der Stadt die Gelder gekürzt und der Schule nahe gelegt, ihren Vertrag mit dem Verein, der ebendiese Betreuung gewährleistet, zu kündigen.

Die Liste ließe sich noch um einige sehr viele Punkte ergänzen. Vor allem eben auch um solche, die dem Satz „Erzieher werden doch überall gesucht“ diametral entgegen stehen: ausschließlich weibliche Teams, die keinen Mann in ihrer Mitte haben wollen; eine Bezahlung, bei der man von 800,- Euro netto seine Familie ernähren soll und leider nicht zusätzlich noch einen weiteren Job annehmen kann, weil man in der Zeiteinteilung zwischen sechs Uhr morgens und sechs Uhr abends höchst flexibel bleiben sollte; eigene Kinder, denn dann bestünde ja die Gefahr, dass man gelegentlich krank sein oder keine Zeit haben könnte; zu viel Spezialisierung, zu wenig Berufserfahrung oder die falsche Qualifikation.

Um mal wieder auf mein anfängliches Thema zurück zu kommen. Das eigentliche Problem besteht darin, dass man oder frau eher geneigt ist, der Fiktion zu glauben als der Realität. Das ist auch löblich und verständlich – denn wer zieht nicht die halb vollen den halb leeren Gläsern vor? Leider ist es nur völlig kommunikationsunkompatibel. Denn wenn jemand in einem Gespräch zu dir sagt „Aber Erzieher werden doch überall gesucht“ gibt es einen zweiten Satz, der dabei mitschwingt (ähnlich wie bei Regenbögen; die treten auch immer doppelt auf, nur sieht man die Spiegelung in den seltensten Fällen): wie kann es dann sein, dass du keinen Job hast?  Tja, und was soll man nun Angemessenes darauf erwidern? Das Gegenüber mit der brutalen Realität konfrontieren, die es ja nicht glauben kann?

Ich habe dieses Paradoxon entschlüsseln können und es ist ganz einfach. Das Stichwort heißt Spezialisierung. Man muss sich mit seinem Fachgebiet unentbehrlich machen. Und das ist gar nicht so schwierig, wie man meinen könnte. Kurse werden an allen einschlägigen Stellen angeboten, zum Beispiel an der Bundesakademie für kulturelle Bildung. Dort kann man sich zum Streuobstpädagogen weiterbilden lassen. Ich bin mir ganz sicher, dass mit der pädagogischen Entschlüsselung von Birnen, Äpfeln und Quitten so einige der faulen Früchte rehabilitiert wären. Und in einem Gespräch macht diese Antwort sicherlich so einiges her.

Das passt dazu...

7 Comments

  • Reply
    Claudias rosige Zeiten
    28. November 2014 at 13:44

    Könntest du das bitte mal an die FAZ senden, so als Aufmacher für die erste Seite….?
    Wenn wir endlich adäquat bezahlt werden würden, gäbe es längst nicht mehr so viel freie Stellen, und ständigen Personalmangel, der auf dem Rücken der Kollegen ausgetragen wird !
    Ich komme gerade heim vom Kindergarten, völlig erledigt, und sehe auf meinem Konto nach, ob wir Weihnachtsgeld
    bekommen haben.
    Immerhin, hat geklappt……denn die schönen Zeiten, damals als ich noch eine junge Erzieherin war und Urlaubsgeld bekommen habe, die Zeiten sind schon längst vorbei.
    Man fragt sich wirklich, in welchem Land man nach 5 jähriger Fachausbildung auch noch so beschissen bezahlt wird wie in Deutschland…..oh, oh, ich muss aufhören…..du hast nen wunden Punkt getroffen !
    Danke für dein Plädoyer.

    Liebe Grüße, Claudia

  • Reply
    FRAU Liebstes
    28. November 2014 at 14:47

    Genial_Genial_Genial…Caro!! Du musst echt was machen… kann dich denn keiner hier entdecken????

    du schreibst soooo toll….. echt, jetzt! aber das weißt du ja, dass ich das schon lange finde :-*

    drück dich….
    claudi

  • Reply
    Simone Hesse
    28. November 2014 at 16:47

    Ich liebe deine Blog!

    LG Simone

  • Reply
    Astrid Ka
    28. November 2014 at 17:41

    Ja, so isses! Was hat sich getan in dieser Republik, seit ich vor nunmehr 40 Jahren in die Bildungslandschaft eingetreten bin – Rolle rückwärts! Wird aber den jungen Müttern/Eltern als Fortschritt verkauft! Mir geht es nur wie Claudia nach all den Jahren: Kein Power mehr. Ihr müsst auf jetzt die Straße!!! Wir sind das Volk!
    LG
    Astrid

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    Anonym
    29. November 2014 at 6:25

    Liebe Caro,
    Du sprichst mir so aus der Seel!
    Ich fürchte nur, dass wir das nicht mehr erleben werden, dass die Sozialen Berufe in unserem Land endlich GERECHT entlohnt werden. So lange wandern unsere lieben, ausgebildeten Mitbürger lieber in die Schweiz, da wird Ihr tun wenigstens entsprechend gewürdigt und entlohnt.
    VG und ein schönes Wochenende
    Sabrina

  • Reply
    ganzmeinding
    29. November 2014 at 6:33

    Da hast vollkommen recht! Ich bin zwar keine Erzieherin, aber meine beidenen Jungs sind/waren von Baby an in einer städtischen Betreuungseinrichtung. Von der kleinen Babygruppe an bis zur Betreuung im Hort bis zu 14 Jahre-das fand ich super. So haben sie schon als Minis Kontakt zu größeren Kinder gehabt. Und jetzt, als Große, lernen sie Rücksicht auf die Kleinen zu nehmen. Aber leider, leider werden diese Einrichtungen so nicht mehr existieren. Es gibt nur noch Kleinkind- und Kindergartenkinderbetreuuung. Schulkinder sollen in den zum größten Teil heruntergekommenen, veralteten Schulgebäuden "betreut" werden, von Freiwilligen, Vereinen etc. Und das auch nur für die Grundschule. An die Kinder auf den weiterführenden Schulen denkt niemand. Aber auch ein 10jähriges Kind kann nachmittags nicht alleine sein. Und in den Ferien hat man dann ein richtiges Problem. Ich finde die Entwicklung wirklich traurig und bin froh, dass meine Jungs nur noch bedingt auf Betreuung angewiesen sind.
    Liebe Grüße von Claudia

  • Reply
    Anonym
    29. November 2014 at 13:17

    Liebste Caro!
    Hach, wie Recht du hast! Ich bin Erzieherin- gerade in Elternzeit- und kann nur kräftig nicken, wenn ich Deinen Text lese.
    Zu meinen Anfangszeiten im Kiga war noch Zeit, intensive Projekte, individuelle Angebote, spontane Ausflüge und liebevoll gestaltete Theateraufführungen für die Kinder umzusetzen. Von meinen Kolleginnen höre ich nur noch, dass diese Zeiten vorbei sind. Da gibt es nun Schichtdienst um die verschiedenen Betreuungszeiten abzudecken, Austausch mit den Kollegen ist kaum noch möglich, da die Pausenzeiten nicht mehr die gleichen sind. Projekte finden nur noch bedingt statt da man
    viel mehr damit beschäftigt ist, Beobachtungen aufzuschreiben und Ordner mit Bildungsdokumentationen zu füllen die am Ende keiner liest. Von Elternseite wächst zunehmend der Anspruch, nicht nur das Kind sondern im besten Fall gleich die ganze Verantwortung für dessen Entwicklung abzugeben um dann die Schuld für Entwicklungsverzögerungen im Kindergarten zu suchen, denn da ist das Kind ja schließlich die meiste Zeit. Dann kann doch wohl nicht das Elternhaus zuständig sein…
    Ich genieße gerade sehr den Luxus bei meinen drei Buben zu Hause zu sein und merke, meine Motivation zurück in meinen eigentlich geliebten, aber leider unterbezahlten, unflexiblen Job zurück zu gehen, der wenig mit dem was ich doch eigentlich machen will zu tun hat, ist leider sehr gering.
    Viele Grüße von
    Sylvia

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