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Das Leben als solches

Das Leben als solches #12 [Einigkeit und Einigkeit und Einigkeit]

Schon Loriots sprechender Hund Bello musste sich ja sagen lassen, dass „politische Äußerungen von Hunden […] auf dem Bildschirm unerwünscht [sind].“ Aber heute ist der 03.Oktober, nationaler Feiertag, Tag der Deutschen Einheit! Deswegen werde ich politisch. Auf einem Bildschirm. Ihr könnt froh sein, dass ich dabei nicht belle…

Wir sind eine Wiedervereinigungsfamilie: ohne den Mauerfall vor fast 25 Jahren würde es uns in dieser Konstellation – mich, Herrn S., Prinz, Püppi und Kobold – nicht geben. Wir sind sozusagen gelebte Deutsche Einheit.

 Nicht, dass ich mich besonders gut an den Mauerfall und die Wiedervereinigung erinnern könnte. Um ehrlich zu sein: ich kann es gar nicht. Woran das liegt, weiß ich nicht, vielleicht war ich mit sechs Jahren zu klein? Vielleicht war die DDR für mich als Kind auch nichts, was negative Erinnerungen verursacht hat. Ich weiß, dass es selten Obst gab, was ich nicht schlimm fand. Ich mochte eh keine Bananen. Ich fand es toll, wenn ich die Konsummarken in das graue Heft meiner Mama kleben durfte. Der Leim, mit dem man dabei in Berührung kam, war wahrscheinlich alles andere als unbedenklich. Aber ich kann bisher keine Folgeschäden erkennen (zumindest keine, die auf giftigen Kleber zurück zu führen wären…). Ich durfte nicht bei den Pionieren mitmachen, aber das konnte ich gerade noch verkraften. Es gab Milchflaschen mit Alu-Deckel, ekliges Mineralwasser (was Selters hieß) und Waldmeister-Limo. Manchmal kam ein West-Paket, was unter anderem zwei Nutella-Gläser für mich und meinen Bruder enthielt. Darauf haben wir unsere Namen geschrieben und ab und zu mal mit dem Löffel genascht – damit es möglichst lang hielt. Wenn wir mit dem Auto zu meiner Oma gefahren sind, habe ich auf der Rückbank neben meinem kleinen Bruder gesessen – unangeschnallt, den Benzinkanister unterm Sitz, die Beine auf dem kleinen roten Lederkoffer meiner Mama. Das klingt idyllisch, oder? Nostalgisch und unbeschwert. Als die Mauer fiel, war ich  mit meinem Bruder bei meiner Oma, meine Eltern haben Verwandte in Polen besucht. Ich kann mich an keine Aufregung, an nichts erinnern, was andere – auch, wenn sie noch Kinder waren – von diesen Tagen erzählen. Ich bin zwar ein „Ossi“, in meinem Ausweis steht als Geburtsort Karl-Marx-Stadt, ich habe mir auch schon unzählige blöde und wenig intelligente Witze über meinen Dialekt und meine Herkunft anhören müssen. Und trotzdem fühlt sich das alles ein wenig wie das Stück fotografierte Mauer an: ausgestellt und museal. Ein wenig Angst einflössendes Relikt mit unscharfen Kanten.

 Aber genau das ist gefährlich. Denn dann sieht man nicht mehr, dass die Wiedervereinigung vielleicht seit 24 Jahren benannt wird, aber nicht zwingend besteht. Dann vergisst man, dass eine Familie, wie wir sie sein können, nicht selbstverständlich ist, sondern dass andere dafür gekämpft und gebetet haben. Man steht in der Versuchung, ein Regime zu verklären, das Menschen unterdrückt und verfolgt hat. Wie meine Familie beispielsweise. Man wird hoch- statt demütig vor einem Wunder, das keiner erwartet hatte und das trotzdem eingetreten ist.

Ich mag mich nicht persönlich daran erinnern können. Und trotzdem habe ich heute Morgen das Museumsstück von der Wand geholt und es meinen Kindern erklärt. Aus Dankbarkeit und weil es  uns (de)MU(e)TIG macht.

Das passt dazu...

6 Comments

  • Reply
    lotta-sonnenschein
    3. Oktober 2014 at 11:27

    Das hast du schön geschrieben!!!!
    Ich war 11 als die Mauer fiel und erinnere mich, dass einige Stunden später Onkel und Tante aus Erfurt bei uns im westdeutschen Wohnzimmer saßen. Fortan kam allerdings zu Weihnachten kein Ostpaket mit oberleckerem Baumkuchen mehr an, quasi als "Gegenleistung" für die obligatorischen Westpakete.
    Hm, der Onkel lebt nicht mehr, die Tante auch nicht, in Erfurt war ich vor 34 Jahren das letzte Mal.
    Was bleibt? Eine tolle Freundin, die mir die Wiedervereinigung beschert hat sowie ein gutes Gefühl, in einem vereinten Deutschland zu leben, aber auch Angst vor dummen Menschen, die dieses Geschenk nicht zu schätzen wissen….
    You know?
    Viele Grüße und einen tollen Tag!
    Jessica

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    Annika
    3. Oktober 2014 at 11:58

    was für ein schöner post und so wahr. ich bin wessie, war 7 als die mauer fiel und hab auch keinerlei erinnerung daran. meine eltern waren und sind politisch sehr interessiert und ich bin mir sicher, dass das damals dauerthema bei uns war, aber ich hab leider überhaupt keine erinnerung daran. umso wichtiger, dass man es sich auch heute immer wieder bewusst macht!
    lg annika

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    kristina
    3. Oktober 2014 at 16:44

    Das hast du wieder wunderschön geschrieben.
    Ich kann mich sehr gut an den Mauerfall erinnern. Ich war allerdings auch schon 15. Ich weiß noch genau, wie eine sehr gute Freundin morgens in die Klasse kam und völlig glücklich und aus dem Häuschen war, dass die Grenze nun endlich auf war, denn sie war mit ihrer Familie einige Jahre vorher von der damaligen BRD freigekauft worden.
    Und ab dann sah man laufend Trabbies bei uns in der Stadt, da ich aus dem Zonenrandgebiet komme, bzw. genauer gesagt, aus BS!
    LG kristina

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    Florentine
    3. Oktober 2014 at 18:05

    Vielen Dank für den schönen Blogpost. Ich war vier als die Maier fiel, erinnere mich aber noch als wäre es gestern. Es war der Tag, als mein "Adoptiv"bruder uns freudestrahlend verließ. Er war als jugendlicher Politikgegner von der DDR ausgewiesen worden. Irgendwie hatte er es bis etwas südlich von Stuttgart geschafft, wo ihn meine Elter halb verhungert fanden und die Vormundschaft übernahmen. Der Mauerfall war daher bei uns ein großes Thema, da mein Bruder trotz der ersehnten Freiheit nun zu seiner schmerzlich vermissten Familie zurückkehren konnte.

    Wenige Monate später zogen meine Eltern übrigens hinterher. Ich weiß daher aus Erfahrung, dass die Vorurteile von wegen dummer Ossi, auch anders herum gehen: blöder Wessi mit dem saudummen schwäbischen Dialekt. Vergrault haben sie uns aber nicht und wir vier Kinder leben heute alle in einer Beziehung, die es ohne die Einheit nicht gegeben hätte.
    LG Florentine

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    Prülla
    5. Oktober 2014 at 19:01

    Hach…und nochmal hach… Ich bin auch Ossi. Und ich bin es gern! Ich war 13, als die Mauer fiel und die Erste, die in der Schule den FDJ-Ausweis abgab. Ich habe mit keinem Dialekt zu kämpfen. Vor der Vereinigung lebte ich am Ar…der Welt, knapp am Sperrgebiet – nach der Öffnung waren wir mittendrin. Nach der Schule habe ich mir gern ein Brötchen und eine Wiener geholt, für 63 Pfennig. Schokolade hab ich nur bei Oma gegessen, die hatte immer Milka da und hat liebevoll 2 Stückchen eingepackt, die dann wie eine ganze Tafel schmeckten. 3 Wochen Sommerferien wurden IMMER an der Müritz auf dem selben Campingplatz verbracht. Und da haben wir IMMER die selben Kinder getroffen – nur eben ein Jahr älter. Ich hatte eine tolle Kindheit, auch wenn ich mitbekommen habe, wie sehr mein Vater als selbständiger Malermeister immer kämpfen musste, um Material zu bekommen. Und ich hätte kein Abitur machen dürfen, weil der Vater nicht in der Partei war. Heute ärgere ich mich noch oft über die Engstirnigkeit von einigen Menschen, egal auf welcher Seite. Und das sind meist die, die noch nicht einmal auf der "anderen Seite" waren! ICH bin saufroh, dass es Menschen gab, die so friedlich so etwas Großes bewirkt haben. Für sich, für mich, für meine kleine Familie, die es so sonst auch nicht gegeben hätte… Liebe Grüße Danie

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    Rosa Rumpetrolls Rike - Leben und Nähen in Norwegen
    13. Oktober 2014 at 16:06

    heisann, ich bin 10tage zu spät, um aktuell zu sein. aber fühle mich derart angesprochen und wiedererkannt, daß ich mich hier auch "outen" möchte 🙂 ich bin ebenfalls gelernter "ossi", verheiratet mit einem "wessi", verwöhnt mit 4 "owesskids", wovon 3 in norwegen geboren sind, und jetzt kommts: ebenfalls sachse 🙂 ich bin 18 jahre vor der "wende" in schneeberg geboren und aufgewachsen, habe aber die letzten beiden DDR-jahre in karl-marx-stadt gewohnt und eine ausbildung zur gebrauchswerberin gemacht.
    ja der dialekt, der war schon oft ausgangspunkt, um TOTAL verkannt, belächelt bis verspottet oder gar auf's heftigste verbal angegriffen zu werden (habe nach zwischenstationen in leipzig, dresden und freiberg, in berlin studiert und 13jahre wohnen dürfen …die preusen & die sachsen …jaja), aber ich sag nur eins: wir "verzaubern" nicht nur mit unserem dialekt, denn wie heißt es so schön? "..in sachsen, wo die schönen mädchen auf bäumen wachsen.." ;))

    zur kindheit in der DDR kann ich nur sagen: TOLL! ich habe wenig von den schlechten dingen mitbekommen (in meinem fall gummibärchenmangel und ein langes bangen, auch wirklich einen kreativen beruf erlernen zu dürfen), aber ausgiebig von den guten dingen profitiert (bis heute): ferien- und trainingslager, kunst- und sportförderung, aus wenig die welt machen, zwei rechte hände zu entwickeln, um sich in (fast) jeder lebenslage helfen zu können. im kleinen hieß daß: ich fand es nicht toll in der kinder- und jugendmode nur mit vitamin "b" zu halbwegs tragbaren klamotten zukommen: also habe ich angefangen zu stricken und zu häkeln, mit 9jahren meine erste (kinder)nähmaschine ("gabriela" von piko in knallrot und weis) bekommen und mit ihr aus gefärbten moltonwindeln, bettlaken, mangel- und tischtüchern meine garderobe genäht.

    probleme habe ich (und meine generation) eigentl. erst MIT dem fall der mauer bekommen. eine fertige ausbildung die plötzlich nichts mehr wert war, die entlassung aus meinem beruf und meiner abeitsstelle, mit 19 in die arbeitslosigkeit ohne anspruch auf unterstützung …da…weil..und überhaupt…also das obligatorische nachwendechaos …
    ausweg: in einem 1,5 jahr den bundesdeutschen facharbeiterbrief für – überraschung – schauwerbegestalter gemacht, auf dem dritten 😉 bildungsweg das abitur nachgeholt, um mich dann mit baby unterm arm an der fu berlin-WEST zum magisterstudium in 2hauptfächern (ich wahnsinnige) einzuschreiben. abschluß. arbeit. andere arbeit. noch ne andere arbeit. nebenbei noch zwei we-arbeiten… usw. und immer wieder der satz: ihr lebenslauf ist ja so….mhm…(ossi…wessi…neudeutsch)-bunt? na, zum glück, denn so konnte ich auch nach der (un)freiwilligen auswanderung auf einen bunten schatz an erfahrungen und fähigkeiten zurückgreifen. denn auch hier – dejavu – war plötzlich nicht alles GESAMTdeutsche mehr anerkannt. und trotz mancher widrigkeit, bin ich wie Ihr froh und dankbar dafür, daß es ist wie es ist und ich jeden tag inmitten meiner ossiwessinorsk familie aufwachen darf 🙂
    liebe grüße! katja

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