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Das Leben als solches

Das Leben als solches #10 [Geschmacksschizophrenie]

Man spricht ja landläufig davon, dass ERkenntnis der erste Weg zur Besserung wäre. Gilt das auch für BEkenntnisse? Da beide ja dieselbe Wortwurzel haben, beantworte ich mir die Frage jetzt einfach mal selbst mit ja und erkläre hiermit: ich bin unheilbar erkrankt. Soweit ich weiß, gibt es dagegen kein Heilmittel – zumindest ist mir noch keines zu Ohren gekommen. Man kann an dieser Krankheit nicht sterben, keine Sorge. Aber man kann dem Wahnsinn verfallen – nahezu jedenfalls. Und da ich das nicht vorhabe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, mich selbst zu therapieren.

Jetzt fragt Ihr Euch sicher, was das für eine Krankheit sein soll?! Ich nenne sie Geschmacksschizophrenie. Die Symptome treten in Wellen auf und richten sich im wesentlichen nach dem, was man gerade tut. Wenn ich also auf dem Klo sitze, meinen Rasen mähe oder am Tisch ein Brot verspeise, bin ich sicher und vollkommen gesund. Obwohl: gerade am Esstisch könnte es schon mal zu kleinen Anfällen kommen. Dann nämlich, wenn ich auf meine grünen und grauen Teller schaue und darüber nachdenke, dass ich Geschirr in komplett weiß und ganz und gar schlicht auch richtig hübsch finden würde. Das passt zu allem, wirkt hell und freundlich und ist klassisch. Überhaupt wäre so eine Inneneinrichtung in weiß und hier und da nur so ein paar holzige Akzente und schwarze Tupfer ganz nach meinem Geschmack. Skandinavisch nennt man das ja so gemein hin. Da würden sich dann auch ein paar Designklassiker gut machen, oder?

Wenn ich dann nach meinem Brot noch eine kleine Kaffeepause mache und mir dazu eine der zahlreichen Zeitschriften gönne, die sich auf meinem weißen Couchtisch stapeln – den ich schon so oft streichen wollte, weil er hier und da schon ein paar angeschlagene Ecken hat und sich in einem kräftigen petrol doch auch richtig gut machen würde… Wenn ich also in einer dieser Zeitschriften blättere und mir so hübsche Wohnzimmer in wunderbaren Kompositionen anschaue, wird es richtig gefährlich, denn dann würde ich am liebsten sofort in den Baumarkt rennen und mich mit Farbtöpfen eindecken. Nur um ein bis zwei Tage später im Internet auf eine dieser wirklich höchst gefährlichen Internetseiten zu stoßen und eine Homestory anzuschmachten, in der ein umgebautes altes Bauernhaus vorgestellt wird – voller Vintage- und Flohmarktschätze, alter Balken und Türen und in dunklen, warmen Farben, wie man sie beispielsweise in Südfrankreich findet. Hektisch springe ich zum Kalender und schaue nach, wann der nächste hiesige Flohmarkt stattfinden soll.

Ich sage Euch, es ist kein Zuckerschlecken. Nehmen wir beispielsweise meinen letzten Baumarktbesuch. Ich brauchte einen ganz bestimmten schwarzen Lack für ein kleines Projekt in unserem Flur. Und während ich da so an der Anmischstation warte und darüber sinniere, wie unglaublich cool der Eingangsbereich nur mit schwarz, weiß und grau aussehen wird, greife ich zu einem Prospekt, auf dem ich die ganze Zeit mit den Fingern herum getrommelt habe. Die neuen Trendfarben einer bekannten Wohnzeitschrift, die auch Raumfarbe und Lacke herstellt, werden da so ansprechend gezeigt, dass ich mir die Hand auf den Mund halten muss, um nicht der netten Mitarbeitern, die mit mir zuvor eine halbe Stunde geduldig nach dem richtigen Schwarz gesucht hat, anzuschreien, so solle sofort die Mischmaschine ausstellen! Ich kann mich einfach nie entscheiden: Farbe oder monochrom, Designerstücke oder Flohmarkt, romantisch oder puristisch?

Ich erwähnte ja eingangs, dass ich mich zur Wahrung meines Verstandes in Selbsttherapie begeben habe. Mein Therapiemittel war dabei Malerkrepp – Kilometer von Malerkrepp. Was ich damit gemacht habe? Ganz einfach: die ganze Wohnung in Bereiche unterteilt. Es gibt jetzt Farbe UND monochrom, Designerstücke UND Flohmarkt, romantisch UND puristisch – die ganzen Klebestreifen ignorier ich einfach!

Das passt dazu...

7 Comments

  • Reply
    frolleinLuSi
    15. August 2014 at 10:27

    Klasse…ich denke ich müsste mich auch selbst Therapieren….!
    Ich bin genauso!!!Ich ertappe mich dabei, dass es in so vielen Häusern oder Wohnungen so stilsicher aussieht!
    Bei uns ist alles kunterbunt!Was neues und dann daneben ein alter schrank von der Oma, total zerkratzt und ein wenig kaputt!Sowas nennt man ja heute shabbystyle!Ich mag es gemütlich!Nicht so kalt in schwarz und weiß!Obwohl ich selber viel weiß habe, dazu aber noch andere unterschiedliche Farben!Weil ich mich einfach nicht entscheiden kann, welche Farbe mir gefällt!Man geht automatisch mit dem mit, was gerade angesagt ist!Da sind wir wieder beim Klamottenstil!;)
    Vielen dank für diese wunder baren Kolumnen jeden Freitag!
    Ich liebe sie!
    Ich mag deine Art zu schreiben!
    Ein schönes Wochenende euch!
    lg Sina

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    Katharina
    15. August 2014 at 10:33

    Muhaha, und die Moral von der Geschicht, surf nicht zu viel im Internet nicht…
    Ich kenne das, aber bleibt da hart. Es ist hier so wie es ist. Die rumliegenden Kleidungsstücke, Legosteine, Bauklötze, Autos, etc. der Mitbewohner sind Stilmix genug. Ich finde es aber auch anstrengend sich immer wieder zu erden und sein Mantra zu summen, daß es auch so wie es ist gut ist.
    Gruß
    Katharina

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    Leene von Spunkynelda
    15. August 2014 at 16:44

    Lass uns zur Mutter-ohne-Kind-Kur deshalb fahren, ich kann mich nämlich schon seit Wochen nicht entscheiden was ich für eine herbstjacke möchte: Business, sportiv, modern, Hippie, … Gut dass ich zum verarmten Adel gehöre, sonst würde ich die phantasien auch ausleben. So geht der Anfall meistens nach dreimal schlafen wieder weg. Liebe Grüße Leene

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    Elke (pulsinchen)
    15. August 2014 at 17:18

    Da hilft nur, Internet aus, rausgehen. Kenne ich aber auch diese Gedanken, allesamt.
    Herzliche Grüße,
    Elke

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    lotta-sonnenschein
    15. August 2014 at 19:15

    Hahahaha….phantastisch geschrieben mit extrem hohem Wiedererkennungswert!
    Alles Liebe.
    Jessica

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    clara vom tastesheriff
    16. August 2014 at 6:56

    <3 love it.. das mit dem Klebeband würde ich gerne sehen…
    alles Liebe von der die im Babymarkt hysterische Anfälle bekam "ich will eine Trage ohne bunte Nähte.. nein – keine blaue und keine rote Naht und vor alle nix in Camel abgesetzt – Ok ich kauf die 3 mal so teure von STOKKE"
    Deine Claretti

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    Annamiarl
    18. August 2014 at 8:11

    hahaha *lach* Och vielleicht könnten wir alle einer Selbsthilfegruppe beitreten und dann Werbung für Malerkrepp machen…?
    Mir geht es auch immer so und nur mein furchtbar rationaler Mann (liegt wohl doch in den Genen) und das Drei-Kinder-Chaos schränken das wieder ein.
    Da kann doch sowieso nichts so aussehen wie in einer von diesen wunderschönen zeitschriften. Ist das nur bei uns so? 🙂
    GLG Anna

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