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Das Leben als solches

Das Leben als solches #8 [Agent Triple-Null)

Ich bin ganz ehrlich froh, eine Frau des 21. Jahrhunderts sein zu können. Also, so grundsätzlich, meistens, ganz allgemein… Wir modernen Frauen haben es endlich geschafft, das Rollenbild der punktebeschürzten Hausfrau, die sich zum Geburtstag über einen neuen Herd (alternativ eine Waschmaschine oder ein Bügeleisen) freut, in die Besenkammer zu verbannen und schwinge nun stattdessen das individuelle und selbstbestimmte Multitaskingzepter. Ein stylishes und zugleich gemütliches Zuhause aus ökologisch und ethisch einwandfreien Materialien und – sollten wir denn Kinder haben – pädagogisch ausgewogen zusammen gestellten Beschäftigungsmöglichkeiten? Schaffen wir doch mit einem Fingerschnippen! Und apropos Kinder: wenn wir welche haben, sind wir Pädagoge, Kumpel und Gewissen in einem. Wir können Prinzessin, Baggerfahrer, Partyqueen und Superheld in einer Person sein. Und haben wir keine? Auch gut, denn als moderne Frauen entscheiden wir schließlich selbst. Auch darüber, wie wir aussehen. Kleidung ist keine Frage des großen Geldes mehr, Geschmack ist so individuell wie wir selbst – der paradoxe Traum der einzigartigen Vielfalt!

Moment, Traum? Ja, genau, Traum. Wie: sich nach einem Zustand, einer Sache, nach ETWAS zu sehnen, was man irgendwann einmal erreichen/haben/leben möchte; von dem man aktuell aber Lichtjahre entfernt ist. Im Grunde sind wir nämlich Herdentiere – wie bereits unsere Vorfahren, die noch ihre Höhlen geschmückt und sich mit der Nachbarin über die neusten Wandmalerei-Trends ausgetauscht haben. Der momentane Herdenchef heißt Fitness oder in internetz-modern-deutsch #gettingfit. Moderne Frauen müssen belastbar und ausdauernd sein. Leuchtet mir auch total ein – wenn ich hinter meinen drei Kindern wie eine altersschwache Dampflok schnaufend halb auf allen Vieren herkrieche, das wirkt sich unter Garantie schlecht auf die elterliche Aufsichtspflicht aus. Deswegen bin ich der Herde beigetreten. Habe mir eine Fitness-DVD bestellt, auf der steht „Schlank in 30 Tagen“. Moderne Frauen sind also nicht nur fit, sondern schlank. Oder müssen es zumindest noch werden. Ich habe Konfektionsgröße 36 (manchmal etwas drunter, je nachdem, wo wir uns im Monat so befinden…) und eine Hosenbundweite von 27. Bisher dachte ich ja immer, das sei „eine gute Figur“, aber gut, ich bin ja lernfähig. Drei Kinder hinterlassen schließlich Spuren. Und als ich letztens Fotos von vor zehn Jahren sah, ich am Strand, im Bikini… träumen darf man ja.

Also strampeln und hampeln wir modernen und selbstbestimmten Herdenfrauen im Studio, auf unseren Terrassen, vor Laptop, Computer oder Fernseher herum und schwitzen, was das Deo hergibt – gemeinsam mit dem virtuellen Fitnesstrainer (der NICHT zwingend eine Frau sein muss…) dem großen Ziel entgegen. Das, wie ich heute Morgen gelesen habe, Kleidergröße tripplezero ist. Also dreimal Null. In Zahlen 000. Das entspricht einem Umfang von 58 cm! Mein Ziel ist also eine Taille/Hüfte, die nur einen cm weiter ist als der Umfang meines Kopfes. Ich bin ein visueller Typ. Andere hängen sich die alte Hose, in die sie wieder passen wollen, an den Kleiderschrank. Ich brauche ein Bild für diese physisch-moderne Hochleistung, an dem ich mich orientieren kann (weil, so unter uns: eine entsprechende Schrank-Hose habe ich in meinem ganzen Leben noch nie besessen).

Mein überaus begabter sechsjähriger Sohn hat dankenswerter Weise mit einem dreieckigen Obergewand für etwas kompositorischen Ausgleich gesorgt…

Was mir die ganze Zeit keine Ruhe lässt, sind diese drei Nullen. Ich komme noch nicht richtig dahinter, was die bedeuten sollen. Zwei Nullen, jaaaa, die kenne ich; Ihr wisst schon: Mein Name ist… Ja, genau. Mr. Bond hat den Doppelnullstatus, er kann seinem bösen Gegenüber das Licht ausblasen, ohne, dass das unbedingt einer erfahren muss. Also, wenn ich so drüber nachdenke, ist das mit den drei Nullen dann allerdings doch einleuchtend. Zwei Nullen: der Bösewicht ist verschwunden. Drei Nullen: die Frau ist verschwunden. Übrig bleibt dann der moderne und selbstbestimmte Stiel aus der oben erwähnten Besenkammer.

Das passt dazu...

9 Comments

  • Reply
    Anonym
    27. Juni 2014 at 15:55

    Danke!
    Regina

  • Reply
    Anonym
    27. Juni 2014 at 17:01

    Einfach nur: GUT!!!! In keiner Weise erstrebenswert die 000 … Ein wunderbares Statement!

    LG Tanja (jbubc)

  • Reply
    Benni
    27. Juni 2014 at 18:25

    🙂 – ich kannte zwar noch nicht die tripplezero. Aber möchte sie ehrlich gesagt auch nicht kennen/sehen.

  • Reply
    KreaMino
    27. Juni 2014 at 19:07

    Sehr gut auf den Punkt gebracht!!!
    Danke für deine ehrlichen Worte!
    GLG Dominique
    P.S.: Ich liebe deine Art zu schreiben! 🙂

  • Reply
    Astrid Ka
    27. Juni 2014 at 21:48

    😀
    Gut geschrieben!
    LG
    Astrid

  • Reply
    schoengut
    28. Juni 2014 at 9:38

    Ich finde es erschreckend, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Nullen in ihrer ganzen Ausführung und Vielfalt propagiert werden und wünsche es mir sehr, dass ich (wir) es meinen (unseren) Töchtern anders vorleben dürfen.

    Jaaa, ich bin unbedingt dafür, dass sich jede Frau in ihrem Körper wohlfühlt und wenn sie nach ein/zwei/drei Schwangerschaften ins Fitnessstudio quält, dann soll sie das machen. Aber es bitte nicht gleichzeitig von ihrer Nachbarin/Krabbelgruppenfreundin/Schwester/… erwarten und (Ewartungs-)Druck für die Andere aufbauen.
    Manche brauchen das vielleicht nicht und fühlen sich trotzdem wohl.

    Und mal ganz ehrlich: Ich bin stolz auf meine Kinder. Ich bin stolz, eine Mama zu sein. Ich bin stolz, wenn sich andere an meinen beiden Schätzen erfreuen. Ich bin stolz, dass mein Körper zwei Kinder zur Welt gebracht hat und eine ganze Weile voll ernährt hat. Dass mein Körper zwei Menschen Leben geschenkt hat.
    Und das darf man auch sehen.
    Mein Körper hat Wundervolles geleistet und man darf MIR ansehen, dass ich Mama bin. Man darf meinem Hüft- und Bauchumfang ansehen, dass mit jeder Schwangerschaft zwei Kilo dazugekommen sind.
    Ja, ich sehe nicht mehr so aus wie mit 19 am Strand, aber 10 Jahre später habe ich zwei Kinder und dann MUSS ich auch nicht mehr so aussehen. Will ich auch gar nicht. Und das ist ein ungeheurer Schatz und eine große Freiheit.
    Den wünsche ich ganz vielen Frauen und Mamas und jetzt setzt bitte eure Scheuklappen auf und ignoriert alle Size-Zero/Double-Zero/Triple-Zero-Bilder. Das ist es doch nicht wert.
    Ehrlich mal!

  • Reply
    PamyLotta
    30. Juni 2014 at 19:33

    wie immer: sehr geil geschrieben!!!! Und wenn Du irgendwann weißt, was 000 ist, dann lass es uns wissen, denn gehört hab ich das mein Lebtag noch nicht… wobei? will ich das überhaupt wissen?? Nee, eigentlich nicht, denn das wird niemals etwas sein, nachdem ich strebe 🙂

    LG
    Pamy

  • Reply
    Sabrina
    1. Juli 2014 at 9:36

    Der Hammer wie du es genau auf den Punkt gebracht hast! Vielen Dank dafür! Ist doch irgendwie ätzend einem Idealbild hinterher hetzen zu müssen welches auf keinen Fall gesund sein kann!
    Lebe so wie es für dich gut ist und wie du dich wohl fühlen kannst. Nach dem Motto sollte man es doch handhaben, oder?
    Liebe Grüße
    Sabrina

  • Reply
    Biiinchen
    2. Juli 2014 at 5:53

    Wow! Wunderbar wie du das Ganze auf den Punkt gebracht hast! Just love it!

    *Biiinchen

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